Hilfe für Afrika aus Wohlstandsmüll: 83-Jährige aus Bad Neuenahr hilft Notleidenden in Ruanda

Hilfe für Afrika aus Wohlstandsmüll : 83-Jährige aus Bad Neuenahr hilft Notleidenden in Ruanda

Gertraud Graffweg ist ohne Zweifel ein Engel des Alltags. Nicht des üppigen deutschen Wohlstands-Alltags, sondern des armen afrikanischen, wo sauberes Wasser, Essen, Kleidung und Bildung Mangelware sind. Ein klein wenig à la Robin Hood nimmt die 83-Jährige hier vom Wohlstandsmüll was weg und lässt es Kindern im rheinland-pfälzischen Partnerland Ruanda zukommen.

So häkelt und strickt sie jeden Tag mehrere Stunden aus Wollresten Pullover, Kleidchen, Höschen, Teddys, Waschlappen oder Federhaltermäppchen. Selbst für die beim Vernähen anfallenden Mini-Fäden hat sie Verwendung: "Daraus mache ich Bälle."

Vor zwölf Jahren zog die verwitwete Graffweg von Essen ins Bad Neuenahrer Wohnstift, denn ihre Tochter, eines von drei Kindern, lebt in Ahrweiler. In ihrem Berufsleben war sie Fürsorgerin, "heute nennt man das Sozialarbeiterin", erklärt die rüstige Frau. Und schon immer hatte sie eine Prämisse, die sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zieht: allen nutzen, niemand schaden. So war es für sie selbstverständlich, sich im Dekanat ihrer Essener Heimatgemeinde schon mit Anfang 40 zu engagieren.

Dort lernte sie auch die drei Jahre jüngere Adelheid Hildebrandt kennen, die sich damals aufmachte, um in Ruanda für drei Jahre als Entwicklungshelferin zu arbeiten. Daraus wurde eine Lebensaufgabe, die Hildebrandt (80) bis heute unermüdlich in dem afrikanischen Land, das vom Genozid 1994 mit mehr als 800.000 Ermordeten noch immer gezeichnet ist, agieren lässt. Als Hausmutter in der Knabenschule in Butare im Süden Ruandas setzt sie sich zusätzlich im Ort für die Ärmsten der Armen ein.

Und im übertragenen Sinne hat sie Graffweg mit auf diesen Weg des selbstlosen Einsatzes genommen. Denn auch sie hilft Menschen "in dem Land zwischen den Seen", das sie persönlich noch nie besucht hat - erst von Essen aus mit vielen in der Pfarrgemeinschaft, seit 2000, ziemlich auf sich allein gestellt, von Bad Neuenahr aus. "Unsere Freundschaft basiert auf absolutem Vertrauen. Ich weiß, dass die Päckchen und Pakete, die ich los schicke, auch genau dort ankommen. Ich habe selten eine so selbstlose Frau gesehen", so Graffweg.

Hildebrandt hat ihr Ende der 90er Jahre in einem Brief geschrieben: " Nur wenn wir zum gewaltsamen Tod bereit sind, können wir unsere Arbeit fortsetzen." Das hat ihre Freundin geschockt, aber zugleich auch angespornt, weiterzumachen. Zuletzt gesehen haben die beiden sich im Bonner Malteser-Krankenhaus 2010.

"Ich schenke Vertrauen, ich erwarte Vertraue"

Hildebrandt leidet an Malaria und Rheuma, wurde von Kigali eingeflogen, damit sie sich in Deutschland drei Monate behandeln lassen und erholen konnte. Selbstverständlich kehrte sie zurück, ist heute mit der Düsseldorferin Maria Uttler und einer Schweizerin die letzten drei Europäerinnen in Butare.

"Ich schenke Vertrauen, ich erwarte Vertrauen. Das treibt mich an, das gibt mir den Schwung", erklärt Graffweg ihre Motivation für ihr Engagement. Und: "Das ist mein Hobby, meine Freizeitgestaltung. Ich bin dankbar, dass es mir gut geht und habe Respekt vor der Arbeit in Afrika." Sie strickt und häkelt nicht nur, immerhin schon weit mehr als 1000 Pullis und Kleidchen, sondern faltet auch Kuverts aus Altpapier. Sie verkauft sie zum Beispiel beim Weihnachtsmarkt im Augustinum mit Grußkarten, die wiederum in Ruanda aus gepressten Bananenblättern gefertigt wurden. Aus alten Kalenderblättern bastelt sie 1500 Geschenktüten pro Jahr.

"Ich könnte einen Recyclingladen eröffnen", schmunzelt die alte Dame, die für alles eine Verwendung hat. "Ich kaufe nichts, ich bettle mir die Sachen förmlich zusammen. Natürlich hat sich mein Engagement rumgesprochen. So konnte ich auch Bett- und Haushaltswäsche, Zahnbecher und Bürsten oder mal 132 Stück Seife und jede Menge Reißverschlüsse versenden."

Gertraud Graffwegs Ruhestand besteht also aus Sammeln, Verarbeiten, Verpacken und Buchführen. So weiß sie, dass sie allein 2010 und 2011 186 Päckchen à zwei Kilo, also 7,44 Zentner, zur Post hat bringen lassen. Allein das Porto verschlang 2575,40 Euro. "Größere Pakete werden geöffnet und kommen dann nicht bei den Kindern an. Das wollten wir nicht riskieren. Nun gehen seit diesem Jahr auch Zehn-Kilo-Pakete problemlos durch den Zoll, davon habe ich schon 21 seit Januar fertig gemacht."

Die rührige Rentnerin ist noch lange nicht fertig. "So lange mein Geist und mein Körper mitmachen, bin ich dabei", lacht sie und sorgt mit ihrem Ruhrpott-Charme für gute Laune. So hofft sie auch, dass die Vitrine, die ihr die Leitung des Wohnstifts zur Verfügung gestellt hat, genug Aufmerksamkeit erregt, um weiter Spenden für Ruanda akquirieren zu können.

30 Jahre Partnerschaft: Ruanda-Woche in Adenau

Ausgangspunkt der Ruanda-Woche war die Unterzeichnung der Milleniumserklärung der Vereinten Nationen durch die Verbandsgemeinde und 35 ihrer angehörigen Gemeinden sowie durch die Kirchengemeinden am 14. Mai 2011. Durch das Jubiläum der 30-jährigen Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und Ruanda entstand die Idee der Woche mit folgendem Programm:

  • 15. Oktober, 19 Uhr, Hocheifelhalle, Andreas Kieling zeigt seinen Film "Leben der Gorillas in Ruanda".
  • 16. Oktober, 19.30 Uhr, Komturei, Podiumsdiskussion "Bildung im Vergleich: Rheinland-Pfalz und Ruanda".
  • 17. Oktober, 19 Uhr, Komturei, Völkermord in Ruanda mit dem Film "Hotel Ruanda" sowie Diskussion.
  • 18. Oktober, 19.30 Uhr, Komturei, (Neue) Wirtschaft in Ruanda, Vortrag und Trommelperformance afrikanischer Künstler.
  • 19.Oktober, 19 Uhr, Hocheifelhalle, Freundschaftsfest zur Gründung der Schulpartnerschaft zwischen der Grundschule Reifferscheid und dem "Centre scolaire Gitwe" mit der Botschafterin und Innenminister Roger Lewentz.
  • 20. Oktober, 10 Uhr, Grundschule Reifferscheid, Pflanzaktion.