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Ärzte geben keine Entwarnung

Ärzte geben keine Entwarnung

Schweinegrippe: Virologe sieht das Ende der "Epidemie" erst mit dem Ende des Winters kommen

Bonn. Es wurde gewarnt und schwarzgemalt, Experten zogen Vergleiche mit historischen Grippewellen, die Millionen von Toten forderte. Die Schweinegrippe war im Herbst das Top-Thema der Medien. Und nun? Haben Mediziner und Medien nur die Welle mit der Grippewelle gemacht oder warum spricht kaum noch jemand darüber? Warum hört man so gut wie nichts mehr von Krankheitsfällen?

Professor Christian Drosten jedenfalls gibt keine Entwarnung. Der Entdecker des Sars-Virus und Leiter der Virologie an der Uniklinik Bonn sagt: "Es handelt sich bei der neuen Form von H1N1 um ein gefährliches Virus."

In der Tat meldet das Robert-Koch-Institut bislang 178 Todesfälle. "Die neue Grippe grassiert weiterhin", warnt Drosten, der das Ende der "Epidemie" erst mit dem Ende des Winters kommen sieht.

Zahlen Aktuell wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) bislang 216 818 Fälle von neuer Influenza A/H1N1 gemeldet, darunter 1 137 für die erste Kalenderwoche dieses Jahres (neueste Zahlen). Insgesamt wurden 178 Todesfälle gemeldet. Das RKI spricht für diesen Zeitraum deutschlandweit von einer "geringfügig erhöhten Influenza-Aktivität". Zum Vergleich: Zum bisherigen Höhepunkt der Grippe-Welle - Mitte November - betrug die Zahl der neu gemeldeten Fälle rund 47 000.Trotz weiter steigender Infektionszahlen konstatiert aber auch der Virologe der Uniklinik, dass die im Oktober begonnene zweite Grippewelle mittlerweile abgeebbt sei und die Krankheitsfälle zurückgegangen seien.

Auch die in Bonn niedergelassenen Ärzte bestätigen, dass sich die Lage in den Praxen beruhigt hat. Der Bonner Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung, Rupert Mayershofer, sagt: "Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass viele Menschen acht gegeben haben, sich nicht zu infizieren." Viele seiner Patienten verzichteten zurzeit aufs Händeschütteln und hätten zu Hause zusätzlich Desinfektionsmittel. Zudem hätten sich wichtige Berufsgruppen und mögliche Virenüberträger wie medizinisches Personal oder Rettungskräfte überdurchschnittlich impfen lassen; Erkrankte hätten frühzeitig das Bett gehütet, statt zur Arbeit zu gehen.

Viele Erkrankte überstehen die neue Grippe besser als von Medizinern im vorigen Jahr noch befürchtet. "Das Gesundheitsamt der Stadt hat insgesamt wenig schwere Verläufe gemeldet bekommen", sagte Elke Palm vom Presseamt der Stadt. Tatsächlich verlaufe die Erkrankung häufig harmloser als zu Beginn der ersten Welle im Mai vorigen Jahres befürchtet, bestätigt auch Christian Drosten. Das habe vermutlich auch damit zu tun, dass die Bevölkerung durch das alte Virus immunisiert sei, vermutet er: Erste wissenschaftliche Auswertungen belegten, das große Teile der Bevölkerung wohl durch den Kontakt mit dem alten Virus auch gegen das neue immunisiert worden seien.

Kann man die alte von der neuen Grippe überhaupt noch unterscheiden? In der Tat ähnelten sich die Symptome sehr, so Drosten. "Wer als Erwachsener jetzt hohes Fieber bekommt, der hat wahrscheinlich die neue Grippe." Ohnehin verdränge die neue Variante von H1N1 die alte Grippe.

Und so rät Drosten weiterhin, sich gegen die neue Grippe impfen zu lassen: "Wer schlau ist, tut das jetzt, denn jetzt ist Impfstoff ausreichend verfügbar."

Auch das Gesundheitsamt empfiehlt gerade besonders gefährdeten Gruppen wie chronische Kranken, sich impfen zu lassen. Über ein Zuviel an Impfdosen könne sich das Gesundheitsamt nicht beklagen: "Wir haben von Anfang an bedarfsorientiert bestellt, von daher haben wir auch jetzt nichts auf Halde liegen", sagte Elke Palm.

Insgesamt hat die Stadt 47 690 Impfdosen bekommen. Die Zahl der Geimpften in Bonn müsse demnach deutlich über 40 000 liegen, was mindestens 12,7 Prozent der Bonner Bürger entspräche. Damit läge Bonn weit über dem bundesweiten Durchschnitt. Rupert Mayershofer geht von bundesweit rund vier Millionen Geimpften aus (knapp fünf Prozent).

Der Rhein-Sieg-Kreis hat bislang 66 000 Impfdosen erhalten. Das teilte Katja Lorenzini von der Kreisverwaltung auf GA-Anfrage mit. Von diesen Dosen lagerten zurzeit noch 2 500 in den Apotheken, die mit dem Kreisgesundheitsamt die Impfärzte beliefern. "Von denen kommt aber mittlerweile nur noch eine geringe Nachfrage nach Impfstoff", so Lorenzini. Insgesamt habe sich demnach auch im Rhein-Sieg-Kreis die Lage sehr beruhigt.