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Flutkatastrophe in Bonn: Anwohner des Hardtbachs wollen Gemeinde Alfter verklagen

Flutkatastrophe in Bonn : Anwohner des Hardtbachs wollen Gemeinde Alfter verklagen

Im Wohngebiet An der Knappenmühle hat der Hardtbach nach dem Starkregen gewütet. Nichts ist dort mehr wie es war. Manche Anwohner stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Es werden Vorwürfe laut, die Verwaltung hätte früher warnen müssen.

Als ob nichts geschehen wäre, sitzen Hubert (96) und Ursula (88) Esser in ihrem schönen grünen Garten. Der Hardtbach ist hinter einer dichten Hecke nur zu erahnen. Gerademal eine Handbreit tief fließt er Richtung Bahnhofstraße. Am vergangenen Mittwochabend musste das Ehepaar Esser sein Haus an der Straße „An der Knappenmühle“ fluchtartig verlassen. Der Hardtbach hatte sich durch den anhaltenden Starkregen in einen breiten, reißenden Strom verwandelt und die knapp vier Meter hohe Böschung überstiegen. Die Feuerwehr evakuierte das Gebiet. Die Essers mussten raus, das Wasser stieg an der Kellertreppe unaufhaltsam nach oben.

Unfreiwillig verbrachte das Ehepaar einige unruhige Tage im Hotel. Jetzt sind sie ins Haus zurückgekehrt, sitzen dank des Einsatzes der Familie wieder auf dem Trockenen. „Wir sind so alt. Wir können gar nicht helfen“, sagt Ursula Esser. Ohnmacht gegen die Fluten und die eigene Hilflosigkeit machen ihr sichtlich zu schaffen. Im Keller brummt der Bautrockner, der Schlamm hat den Wasserstand an der Tapete im Flur markiert: Nur wenige Millimeter höher hätte das Wasser auch das Erdgeschoss überschwemmt. Da war das Ehepaar schon aus dem Haus. Der Keller ist leergeräumt. Was noch brauchbar erscheint, liegt, steht, hängt zum Trocknen. „Aus Schaden wird man klug“, sagt Sohn Elmar Esser. Nach den Hochwasser-Ereignissen 1971 und 1984 habe man ohnehin darauf geachtet, möglichst wenig im Keller zu lagern. Gleichwohl sei vieles unwiderruflich verloren. Die vergangenen Hochwasser sind Elmar Esser auch deswegen erinnerlich, weil sein Vater damals gegen die Gemeinde Alfter geklagt und Recht bekommen hat. Es ging um die Frage, ob Alfter den Hardtbach besser hätte sichern müssen. Am Ende gab es für Anwohner sogar Schadenersatz. „Sind Alfter und Bonn auch aus Schaden klug geworden?“

Das Hochwasser 2021 wird erneut gerichtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Wieder geht es um Vorwürfe gegen die Gemeinde Alfter, ihren Unterhaltungspflichten nicht nachgekommen zu sein. Die Straße „An der Knappenmühle“ ist Bonner Stadtgebiet; die benachbarte Tulpenstraße gehört zu Alfter. Der Hardtbach kommt aus Alfterer Gebiet. „Das Wasser macht nicht an der Stadtgrenze halt“, sagt Elmar Esser. Er findet es eigentlich selbstverständlich, dass Bonn und Alfter beim Hochwasserschutz zusammenarbeiten. „Aber da ist offenbar an der Stadtgrenze Ende.“ Selbst die Feuerwehren hätten sich beim Einsatz anfangs auf ihr Zuständigkeitsgebiet berufen. Doch auf die Wehrmänner wollen die Hausbesitzer nichts kommen lassen. „Sie haben bis zum Umfallen gearbeitet.“

Mehr als 50 Anwohner von Knappenmühle und Tulpenstraße haben sich zur gegenseitigen Unterstützung und zu einer Klage gegen die Gemeinde Alfter zusammengetan. Die gerichtliche Auseinandersetzung steht aber derzeit nicht an oberster Stelle. Auf Entsetzen und Schock folgte verbissenes Aufräumen. „Jetzt sehen wir wieder Land“, sagt Stephan Daehne, Anwohner an der Knappenmühle. „Aber nichts ist gut, nichts wird wie vorher sein.“ Die Katastrophe hat psychische und für viele gravierende finanzielle Folgen, die an die Existenz gehen. Wut kommt hoch. „Wieso hat der Katastrophenschutz nicht funktioniert, wieso haben die Sirenen nicht geheult, wieso wurden wir nicht informiert?“ Daehne kann es nicht fassen.

Auf GA-Anfrage erklärt die Bonner Verwaltung, bereits am Abend des Unwetters sei die Ingenieur-Rufbereitschaft des Tiefbauamtes vor Ort gewesen. „Die Wassermengen am Durchlass waren bereits so groß, dass eine Entlastung nicht mehr möglich war.“ Die Feuerwehr wurde losgeschickt. Für die Anwohner bleibt die Frage, ob die zuständigen Stellen die sich anbahnende Gefahr nicht früher hätten erkennen müssen.

Mittwoch, 14. Juli: Das Datum hat sich bei Christine Becker aus der Tulpenstraße eingestanzt. Gegen 18 Uhr schaut sie eher zufällig aus dem Wohnzimmerfenster und sieht eine Schlammwelle auf das Haus zurollen. Sie sei sofort in den Keller gerannt, um alles zu verrammeln, doch das Wasser durchschlug mit Wucht die Scheiben. Nichts zu machen. Die Brühe flutete auch das Erdgeschoß. „Zum Glück waren die drei kleinen Kinder nicht da.“ Sie sind mittlerweile bei Freunden untergebracht. „Das hier sollen sie nicht sehen“, sagt die junge Frau. Ein zugeschlammtes Schlagzeug, zerquetschte Spielgeräte und unbrauchbarer Hausrat stehen in der Einfahrt. „Ich kann nicht mehr weinen. Es ist nur Sachschaden. Andere hat es schlimmer getroffen.“ Die Tränen laufen. Wasser im Keller zu haben, damit müsse man in Bachnähe rechnen, so Becker.

Sie sei in Rolandswerth aufgewachsen und an Hochwasser gewöhnt. „Aber dieses Ausmaß. Wären wir eher gewarnt worden, hätten wir das Erdgeschoss vielleicht retten können.“ Einhellig reklamieren Anwohner, von der Verwaltung allein gelassen zu werden, nicht nur bei der Entsorgung von Elektroschrott und Sperrmüll aus den vollgelaufenen Kellern. Den bürokratischen Verweis auf Vorschriften und Formulare empfinden viele als wenig einfühlsame Reaktion auf ihre Lage. Daehne: „Ich möchte freundlich behandelt werden und eine hilfreiche Auskunft, auch wenn ich der tausendste Anrufer mit der gleichen Frage bin.“

In der Bonn-Alfterer Nachbarschaftshilfegruppe geht es auch um finanzielle Fragen. Das Wohnviertel ist im Umbruch – junge Familien ziehen ein und renovieren die Häuser. Mit seinem Schicksal hadern wird der Käufer eines Hauses an der Knappenmühle, der just am vergangenen Unwetter-Mittwoch Eigentümer und zugleich Hochwasseropfer wurde. Eine andere Familie hat die Sanierung gerade abgeschlossen, jetzt ist unter anderem die neue Heizung Schrott. Geld für Ersatz ist eigentlich keins da, weil die Kreditspanne bereits ausgereizt ist. Erst gar keinen Kredit bekommen selbst langjährige Bankkunden ab einer bestimmten Altersgrenze. Daehne wünscht sich für alle Betroffenen eine unbürokratische und schnelle Hilfe. „Die Handwerker müssen jetzt ins Haus. Wenn alle auf Zusagen von Geldinstituten oder der Versicherung warten, gibt es einen wahnsinnigen Engpass.“

Die Versicherung ist ohnehin ein Thema. Ohne Elementarversicherung kein Geld. Aus verschiedenen Gründen haben die wenigsten Anwohner eine Elementarversicherung abgeschlossen. Ein Grund: 2013 hat die Bezirksregierung das Hardtbach-System 2013 als Risikogebiet für Überschwemmungen eingestuft. Versicherungen geben in dem Fall möglicherweise keine Elementarpolice oder sie ist relativ teuer. Daehne wird kein Geld von seiner Versicherung bekommen. Etwa 20.000 Euro braucht er sofort, um das Nötigste zu reparieren. Unerwartet hat ihm sein Arbeitgeber einen zinslosen Kredit angeboten. Und Sonderurlaub für die nächsten Tage.