1. Bonn

Bonner Kopf: Aus Kleingeld Unikate sägen

Bonner Kopf : Aus Kleingeld Unikate sägen

Katrin Thull aus Bonn ist eine von nur zwei Münzsägerinnen in Deutschland. Ob Eiche auf dem 50-Pfennig Stück, Oktopus auf der Münze aus Tuvalu oder Indianer aus den USA: Auf Wunsch schneidet sie aus dem Geld Motive für Schmuck aus.

Um die ganze Welt könnte Katrin Thull reisen, ohne ihre Reisekasse groß aufzufüllen. Eigentlich müsste sie nur ihr Kleingeld einpacken. Gut, ein herkömmliches Portemonnaie könnte sie dafür wahrscheinlich nicht benutzen. Es müsste schon ein kleiner Koffer sein. Und der wäre dann ziemlich schwer. „Dafür könnte ich aber in allen Ländern mindestens einen Kaffee bestellen“, sagt die 49-Jährige, lacht und betrachtet ihre Sammlung.

Münzen aus vielen Ländern liegen auf ihrem Arbeitstisch oder hängen an der selbst gestalteten Weltkarte. Kleine, große, silberne oder goldfarbene. Viel zu schade, um damit einen schnellen Drink oder ein Busticket irgendwo auf der Welt zu bezahlen. Schließlich ist jedes Geldstück etwas Besonderes. Filigrane Tiermotive, das Antlitz eines bedeutenden Anführers oder Ornamente sowie Schriftzeichen der asiatischen oder arabischen Welt zieren die großen und kleinen Prägestücke. Aus ihnen macht die Bonnerin gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten in ihrem „Münzsägewerk“ einzigartigen Schmuck.

„Es gibt so schöne Münzen auf der Welt. Ich kann gar nicht sagen, welche mir am besten gefällt“, überlegt sie. Einige ihrer Schätze sind in den jeweiligen Ländern immer noch gängiges Zahlungsmittel, andere sind Sonderprägungen, die für einen bestimmten Anlass in den Handel kamen. So wie der „Heiermann“ – früher umgangssprachlich das 5-Mark-Stück – mit dem Konterfei Beethovens, der 1970 zum damaligen Beethovenjubiläum geprägt wurde. „Der ist natürlich derzeit sehr gefragt“, erzählt sie. Ein beliebtes Geburtstagsgeschenk ist hingegen ein ausgesägter Kupferpfennig aus dem jeweiligen Geburtsjahr des Beschenkten. Der Renner ist allerdings das alte 50-Pfennig-Stück. „Ich weiß nicht, wie oft ich schon diese kleine Eichenpflanze mit der Frau, die sie gerade in die Erde setzt, ausgesägt habe“, überlegt Katrin Thull.

Seit zehn Jahren fertigt sie in ihrer kleinen Werkstatt in der Südstadt mit einer Art Laubsäge ihre Schmuckstücke. Neben ihr gibt es deutschlandweit nur noch eine weitere Münzsägerin. Ein sicheres Händchen und gute Augen sind Voraussetzung, um die Motive herauszuschneiden. „Man muss vor allem Spaß an dieser Arbeit und viel Geduld haben“, sagt sie. Denn schließlich arbeitet sie an einem einzigen Stück auch schon mal bis zu 20 Stunden. Rund 500 bis 600 Unikate fertigt sie so pro Jahr.

Von ihrem Arbeitsplatz aus hat sie einen unglaublichen Ausblick in ihren teils exotisch bepflanzten Garten in der Bonner Südstadt. „Man sieht, dass ich von Asien fasziniert bin, oder?“, fragt sie lachend. Die prächtigen Bananenstauden und die großen Blätter einer Art Lotuspflanze zeugen davon. Das Gärtnern ist eine ihrer großen Leidenschaften. „Aber wir wandern auch gerne hier in der Region oder sind mit unserem Faltboot auf dem Rhein unterwegs“, erzählt die 49-Jährige. „Aber immer nur mit Schwimmweste.“

Geboren wurde Katrin Thull in Duisdorf. „Ich bin also ein „echt bönnsch Mädche“, lacht sie. Nach dem Abitur an der Gesamtschule in Beuel studierte sie in ihrer Heimatstadt Vergleichende Religionswissenschaften sowie Orientalische Kulturgeschichte mit dem Schwerpunkt Indien. „Da blieb es natürlich nicht aus, dass ich regelmäßig als Backpacker in Asien unterwegs war“, als Reisende mit Rucksack. Auf diesen Reisen entwickelte sich dann auch ihre Faszination für Münzen. Heute nimmt sie von jedem Trip reichlich Kleingeld mit nach Hause. „Zudem werden über Händler oder in online-Auktionen immer wieder besondere Stücke angeboten.“

Besonders gerne sägt Katrin Thull Tiermotive aus. So wie den kleinen Oktopus auf dem Geldstück aus Tuvalu, einem Inselstaat im Pazifik. Aber auch der Pinguin von den Galapagosinseln, der Büffel oder der Indianer aus den USA der 1930er Jahre sind für sie etwas Besonderes. „Und die Schmetterlinge auf einer Sonderprägung aus Mexiko“, schwärmt sie und kann sich nicht entscheiden. Wer lieber ein politisches Statement am Hals tragen will, der entscheidet sich für Lenin oder „Che“. Wobei der „Comandante“ schon eine echte Rarität ist. Denn ihn findet man nur auf Geldstücken der kubanischen Parallelwährung. Und die darf nicht außer Landes gebracht werden. „Aber ich habe welche“, sagt Katrin Thull und blinzelt.

Ihre Stücke verkauft sie meist auf Kunsthandwerkermärkten. Die Pandemie hat allerdings auch ihr einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Seit Monaten finden keine Märkte mehr statt. Erste vorsichtige Planungen gibt es jedoch für den Herbst und die Adventszeit. Doch klagen liegt ihr nicht: „Uns geht es noch relativ gut“, sagt sie überzeugt. „Wir nehmen es so, wie es kommt. Ändern können wir sowieso nichts.“

Katrin Thull ist sicher, dass sie auch in Zukunft noch neue Münzen entdecken und bearbeiten wird. Nur eines lehnt sie grundsätzlich ab. „Wenn jemand kommt und uns bittet, ein Stück mit Nazisymbolen zu bearbeiten, dann lehnen wir das grundsätzlich und gerne auch lautstark ab. So etwas kommt niemals auf unseren Arbeitstisch“, sagt sie und bezieht klar Position.

Das sagt Katrin Thull über ihre Stadt:

An Bonn gefällt mir das viele Grün und die Vielfalt. Hier hat man alles – vom kleinen Dorf bis zur Stadt.

An Bonn vermisse ich eine bürgernahe Politik. Hier wird meist die Wirtschaft in den Mittelpunkt gerückt. Ich will gar nicht erst vom Bahnhofvorplatz reden.

Mein Lieblingsplatz ist der Botanische Garten. Aber auch in meinem eigenen Garten fühle ich mich wohl.

Typisch bönnsch ist für mich der Dialekt. Ich höre es gerne, wenn sich Bonner so unterhalten. Mein Lieblingswort ist „Plümo“.