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Bonner Literaturprojekt: Albrecht Selge wird Bonns neuer Stadtschreiber

Bonner Literaturprojekt : Albrecht Selge wird Bonns neuer Stadtschreiber

Der Verein Lese-Kultur Godesberg vergibt das Literaturstipendium zum fünften Mal. Für September bis Dezember wird noch eine Stadtschreiber-Wohnung gesucht

Bonn bekommt ab September zum fünften Mal einen Stadtschreiber: Der ausrichtende Verein Lese-Kultur Godesberg hat für das Jahr 2022 den in Berlin lebenden Schriftsteller Albrecht Selge (Roman „Beethovn“, 2020) benannt. Er wird mit dem seit 2018 an das Projekt vergebenen Ferdinande-Boxberger-Literaturstipendium drei Monate in Bad Godesberg leben und schreiben können. Schirmherrin ist Bonns Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger. Selge, Jahrgang 1975, erhält jeweils 2.500 Euro pro Monat und freie Unterkunft. „Unser Stadtschreiber soll die Möglichkeit haben, hier am Rhein ohne finanziellen Druck an einem Schreibprojekt zu arbeiten“, erklärt die Vereinsvorsitzende Barbara Ter-Nedden. Dafür sucht der Verein aber noch eine Godesberger Wohnung (siehe Infokasten).

Die Vereinsjury konnte aus 69 Bewerbungen namhafter Autoren auswählen. „Albrecht Selge hat uns durch sein breit gefächertes Werk überzeugt“, begründet Ter-Nedden die Entscheidung. Es umfasse eindringliche Gesellschaftsportraits etwa im Roman „Fliegen“ (2019) oder in der fantasievollen Road-Novel „Trunkene Fahrt“ (2016). Im Roman „Beethovn“ (2020) sei es Selge gelungen, auf poetisch-phantasievolle Weise für den berühmten Sohn Bonns zu begeistern. 2022 habe er sein literarisches Können durch den Jugendroman „Luyanta“ erneut unter Beweis gestellt.

Im GA-Feuilleton wurde „Beethovn“ nach seinem Erscheinen als eine „brillant unkonventionelle Hommage“ für den großen Ludwig gelobt: Sie lasse die Erkenntnisse im Gedankenstrom ihrer Figuren auf wunderbare Weise wie nebenbei am Leser vorüberziehen.

Albrecht Selge selbst freut sich sehr, als Stadtschreiber für drei Monate in Bonn leben und arbeiten zu können. „Ich habe mich zuvor wegen meiner Familie mit drei Kindern nie um auswärtige Aufenthaltsstipendien beworben“, sagt der in West-Berlin aufgewachsene Schriftsteller, der Germanistik und Philosophie studierte, dem GA. „Aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Ich empfinde gerade sogar eine Art Notwendigkeit – und etwas Aufregung!“ Für seinen Erstling „Wach“ war er 2011 schon für den Alfred-Döblin-Preis nominiert gewesen. Erhalten hat er danach den Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour Front Literaturfestivals Hamburg.

Zu Bonn hat Selge ein besonderes Verhältnis. Er habe 2019 während seiner Recherche für „Beethovn“ mit seiner Tochter hier schon „wunderschöne Tage“ verbracht, berichtet er dem GA. „Wir waren in einigen sehr schönen Cafés, mit dem Fahrrad am Rhein ´rauf und ´runter und selbstverständlich auch im Beethovenhaus“, erinnert sich Selge. „Ich fand die Stadt entspannt, zuvorkommend und gut gelaunt. Ehrlich!“

Dazu komme eine persönliche, aber für ihn fast mystische Verbindung. Seine vor einigen Jahren verstorbene Mutter sei als Kind mit ihrer Familie aus der DDR in den Westen geflohen und habe eine Zeit lang die Schule in Bad Godesberg besucht, so Selge. Sie sei nicht immer glücklich in ihrem Leben gewesen, habe aber gerne an den Stadtteil zurückgedacht. So werde das ihm unbekannte Godesberg nun in seinen drei Stadtschreibermonaten zu einer Art Kindheitsort werden. „Dass Beethoven sein Leben lang mal an den Rhein zurückkehren wollte, aber nie dazu kam, kommt auch in meinem Hinterkopf vor“, merkt der Autor noch an.

Er wohne in Berlin beinahe im Regierungsviertel, berichtet er. „Und nun bin ich gespannt auf die Gedankenfunken, die sich aus einem Aufenthalt im Herzen der alten Bonner Republik schlagen lassen.“ Das Projekt, an dem er ab September am Rhein weiterarbeiten werde, trage übrigens den Arbeitstitel „silence“, verrät Selge schließlich ebenfalls mit einem Seitenblick auf Beethoven. „Die Hauptgestalt meines Textes ist auf der Suche nach Stille und der möglichen Musik darin, zugleich konfrontiert mit dem sich ausbreitenden Schweigen in seinem Leben, in der Familie und in den Kammern des Todes, die ihn umgeben“, so Selge. Komik solle aber auch im kommenden Buch vorkommen, denn natürlich müsse der Protagonist immer wieder vor dem lästigen Lärm der Gegenwart fliehen. „Wenn dieses Buch übers Verstummen von Person und Welt ausgerechnet in der Stadt zur Welt käme, wo der später ertaubte größte Musiker des Universums geboren wurde, so hätte das seinen speziellen Reiz“, meint Selge ohne Scheu vor Superlativen.

Für Bonn seien die bisherigen vier Stadtschreiberinnen und Stadtschreiber ein Segen und eine große Bereicherung gewesen, merkt Organisatorin Barbara Ter-Nedden noch an. Julia von Lucadou (2018) habe hier an ihrem neusten Roman „Tick Tack“ (2022) gearbeitet, der zum Teil auch in Godesberg spielt. Thomas de Padova (2019) habe sich hier für sein Epochenportrait „Alles wird Zahl“ (2021) inspirieren lassen. Und Ulla Lenze (2020) und David Wagner (2021) hätten schon angekündigt, demnächst mit ihren auch hier geschriebenen Werken nach Bonn zurückzukehren.