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Erziehung in Corona-Zeiten: Alleinerziehende in Bonn fühlen sich überfordert

Erziehung in Corona-Zeiten : Alleinerziehende in Bonn fühlen sich überfordert

Der Sohn von Cornelia Gross ist fünf Jahre alt. Die Ingenieurin muss sich gleichzeitig um ihn und ihren Job kümmern. Sie sagt: „Eine Zeitlang geht das noch, aber nicht auf Dauer.“

Die Auswirkungen der Corona-Krise ziehen sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und durch alle Bereiche des Lebens. Für Menschen mit Kindern war und ist vor allem die Rundumbetreuung der Kinder eine große Herausforderung. Das trifft auf alle Familien mit Kindern zu, besonders hart trifft es Alleinerziehende, die sich die Betreuung nicht mit einem Partner teilen können. 7169 von ihnen gibt es laut Presseamt zur Zeit in der Bundesstadt Bonn, davon leben 1778 in Bad Godesberg.

Mit zwei alleinerziehenden Müttern hat der GA gesprochen. Eine von ihnen ist Cornelia Gross. Sie ist 34, ehemalige Soldatin und inzwischen als Ingenieurin im Projektmanagement tätig. Ihr Sohn ist fünf Jahre alt – vom Vater des Kindes hat sie sich noch während der Schwangerschaft getrennt. „Ich habe zunächst gedacht, es würde sich gar nicht so viel für mich ändern. Es wird immer wieder die verstärkte Isolation durch die Kontaktbeschränkungen betont, aber wie die meisten Alleinerziehenden empfinde ich mich auch sonst als eher isoliert lebend.“ Für ein gesellschaftliches Leben außerhalb der Rolle als Mutter fehlt es an Zeit, Geld, einem Babysitter und schlicht an Kraft. Gross hat keine Familie in der Nähe – ihre Eltern, beide noch recht jung und im Beruf, leben drei Autostunden entfernt und können ihr lediglich im Urlaub oder an den Wochenenden helfen. Die nur eingeschränkt mögliche Unterstützung seitens der Familie ist für sie also kein besonderes Merkmal der Corona-Zeit.

Nur noch 20 anstatt 45 Stunden Kinderbetreuung

Anders sieht es da jedoch mit der Kinderbetreuung aus: „Ich bin in der glücklichen Lage, dass mein Sohn, seit er ein Jahr alt ist, in einer 45-Stunden-Vollbetreuung ist. Ich habe zunächst noch Vollzeit gearbeitet, bin aber aktuell in der Situation, mit 20 Wochenstunden auszukommen.“ Dass ihr Sohn in den vergangenen Wochen nicht betreut wurde, hat sie zunächst ebenso als Glück empfunden: „Dadurch, dass er schon so früh voll betreut wurde, habe ich jetzt so viel Zeit mit ihm verbracht wie lange nicht mehr.“ Es ist ihrer Jobsituation und ihrem Chef zu verdanken, dass ihr dies möglich war und sie es auch genießen konnte. „Ich bin da aber auch in einer sehr komfortablen Lage durch den super Chef, den ich habe. Außerdem erhalte ich als ehemalige Soldatin aktuell noch Übergangsgeld von der Bundeswehr, so dass wir mit meiner Teilzeit-Stelle auskommen und ich keinen finanziellen Druck habe. Ab dem nächsten Jahr wird das anders aussehen, weil ich dann Stunden aufstocken muss.“

Doch trotz der an sich günstigen Umstände, kam in den vergangenen Wochen auch für Gross der Moment, in dem sie alleine nicht mehr konnte. „Es ist dieses Denken an drei Dinge gleichzeitig, das einen irgendwann überfordert und das nicht mehr geht“, so Gross. „Eine Zeitlang geht das noch, aber nicht auf Dauer. Ich bin schwer enttäuscht, dass seitens der Politik bei der Schließung der Kitas nicht so weit gedacht wurde.“

Als Teilzeitangestellte keinen Anspruch auf Wohngeld

Ähnlich ist es Nathalie ergangen. Die Mutter eines 19 Monate alten Kindes will ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen – aus Angst vor dem Vater des Kindes, den sie noch in der Schwangerschaft verlassen hatte, weil er ihr gegenüber gewalttätig wurde. Deshalb verzichtet die 35-Jährige auch auf Unterhaltszahlungen des Mannes, mit dem sie nicht verheiratet war. Als Teilzeitangestellte liegt sie mit ihrem Gehalt knapp über der Grenze, um Anspruch auf Wohngeld geltend machen zu können. So bleiben nach Abzug von Miete und sonstigen Kosten, darunter auch die für die Tagesmutter, rund 300 Euro monatlich zum Leben, sagt sie. „Ich komme aber damit klar.“

Nathalie, die neben Job – derzeit ist sie im Homeoffice – auf dem zweiten Bildungsweg Abitur und Studium absolviert hat, hat jetzt auch noch mit ihrer Promotion begonnen. Doch diese Arbeit liegt im Moment brach. „Homeoffice mit Kind, da ist man abends mit den Nerven am Ende.“ Ihre Mutter helfe trotz schwerer Erkrankung, wo sie nur könne. Aber letztlich ist sie mit der Betreuung ihres Kindes mehr oder weniger auf sich gestellt. Froh ist Nathalie, über das Diakonische Werk viel Hilfe erhalten zu haben – vor allem während der Schwangerschaft. Auch jetzt noch habe sie dort eine Anlaufstelle, sollte sie in Nöten sein, berichtet sie.

Notbetreuung in Ausnahmen bei Härtefällen bewilligt

Allerdings hätte sie während des strengen Lockdowns in der Coronakrise möglicherweise doch eine Chance gehabt, in ihrer besonders schwierigen Lage als Alleinerziehende ihr Kind auch ohne Ausübung eines systemrelevanten Berufes in die Notbetreuung geben zu können, erklärt Jugendamtsleiter Udo Stein. „Wir haben bei Härtefällen natürlich auch Ausnahmen gemacht.“

Alles in allem seien er und seine Mitarbeiter allerdings relativ überrascht gewesen, dass die Hotline der städtischen Erziehungs- und Familienberatungsstelle seit Beginn der Corona-Krise verhältnismäßig selten von Bürgern in entsprechender Situation in Anspruch genommen worden sei. Stein führt das nicht zuletzt auf das gute Netzwerk an Erziehungshilfen in der Stadt zurück, „bei dem wir sehr früh einsteigen und helfen können“.