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Bergfunken werden 75: Als es einen Sack Mehl als Künstlergage gab

Bergfunken werden 75 : Als es einen Sack Mehl als Künstlergage gab

Die Bergfunken feiern ihr 75. Jubiläum. Weil die ersten Jahre nach dem Krieg von Armut geprägt waren, mussten Gäste der Karnevalssitzung Briketts zum Heizen mitbringen.

Die sehr ungewöhnliche Karnevalssession 2020/2021, bei der die Corona-Bestimmungen keine jecken Feierlichkeiten zulassen, bringt die dem Brauchtum der fünften Jahreszeit verpflichteten Karnevalsvereine keineswegs dazu, komplett aufzugeben. Die Große Karnevalsgesellschaft (GKG) Bergfunken aus dem Bad Godesberger Ortsteil Muffendorf ließ ihre Vorstandsmitglieder an den Start gehen, um bei Mitgliedern des Vereins, bei Förderern und Gönnern jeweils zu Hause an deren Haustür den Jubiläumsorden des Vereins einschließlich Jubiläums-Bergfunken-Journal, Haribo-Tütchen und Luftschlangen sowie Luftballons zu übergeben.

Bergfunken-Präsident Cornelius Diehl brachte diese Aktion auf den Punkt: „Wir haben einen Orden und ein Jubiläumsheft herausgegeben, damit nicht alles völlig zum Erliegen kommt.“ Sämtliche angedachten Jubiläumsveranstaltungen verschieben nun auch die Bergfunken in die nächste Session. Und die uniformierten Vereinsmitglieder werden sich in Zukunft mit einem zusätzlichen, gerade herausgegebenen neuen Halsorden schmücken, auf dem die alte Martinskirche, die Kleine Beethovenhalle und die Kommende sowie natürlich auch die alte Muffendorfer Schule abgebildet sind – alle genannten Gebäude findet man auch auf dem ovalen Bergfunken-Jubiläumsorden.

Mit viel Herzblut geht man bei den Bergfunken seit inzwischen 75 Jahren ans Werk. Die Idee zur Gründung gab es in der Silvesternacht zum Jahreswechsel 1945/46 in der damaligen Muffendorfer Gaststätte Latz, in späteren Jahrzehnten als Gasthaus Kommende bekannt. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Muffendorf karnevalistische Veranstaltungen, organisiert vom örtlichen Männergesangverein. Und am Neujahrsmorgen 1946 stand fest, dass der Idee Taten folgen sollten. Wenige Tage später fand die Gründungsversammlung in der Gaststätte Kensik (heute Kleine Beethovenhalle) statt. Erster Vorsitzender wurde Karl Vormann, erster Präsident Willi Pütz.

Die erste Prunksitzung organisierten die Bergfunken am 13. Februar 1947 und zwei Tage später einen großen Kostümball – Veranstaltungsort war jeweils das Lokal Schneider. Da man im Jahr 1946 keinerlei Stoff erwerben konnte, half man sich mit gefärbten Militärmänteln, aus denen auch die ersten Elferratsmützen entstanden, erzählt der heute amtierende Vorsitzende Christoph Orts. Für die Beheizung des Festsaales war damals Holz erforderlich, und dazu spendierte Otto Scheibler aus seinem Wald die notwendigen Bäume. Zusätzlich musste jeder Besucher zu den Bergfunken-Veranstaltungen ein Brikett mitbringen. Selbstgebrannter Knolle-Brandy sowie aus der französischen Zone eingeschmuggelter Wein heizten die Stimmung bei den Karnevalisten Ende der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts richtig ein.

Der Orden, den die Bühnenkünstler aus der direkten Umgebung erhielten, war zunächst aus Pappendeckel und musste nach dem Auftritt wieder abgegeben werden.  Heute ist dies unvorstellbar. Unvorstellbar ist heute genauso, dass Vereine einen Sack Mehl als Gage übergeben bekommen – 1948 war ein Sack Mehl Gold wert und die Bergfunken bekamen so einen Sack im Rahmen einer in Gimmersdorf veranstalteten Sitzung geschenkt und ließen ihre Damen daraus Berliner für einen gemütlichen Abend backen.

Für die Beschaffung von gebrauchten Tanzcorps-Uniformen in den Farben Schwarz/Rot nahm der Bergfunken-Vorstand 1948 einen Kredit auf – ein Jahr später trat das Tanzcorps erstmals damit auf. Bergfunken-Mitglied und Gesangslehrer Professor Albert Schneider schenkte den Bergfunken im Lauf der ersten Vereinsjahre das Lied „Uns lev Muffendorf“. Seit 1976 verfügen die Bergfunken über ein Vereinshaus, mieten seit dieser Zeit die Alte Schule an. Und ein tierisches Geschenk ist in der Muffendorfer Vereinsgeschichte fest mit den Bergfunken verbunden. Die Jecken Goten überreichten den Bergfunken im Januar 1983 zur Prunksitzung Esel „Emmanuel Graf von Finkenhof“. Vier Träger waren erforderlich, um das in einem Holzgestell eingesperrte Tier zur Bühne der Kleinen Beethovenhalle zu bringen. Sofort gab es eine Fangemeinde, die den Esel in ihr Herz schloss. Und Clubhauswart Manfred Dünnebier wurde über Nacht zusätzlich zum Eselswart. Der Esel begleitete die Bergfunken schließlich auch beim Bad Godesberger Karnevalszug.

Bergfunken-Geschäftsführerin Cornelia Orts hat die Vereinsgeschichte der letzten 25 Jahre mit vielen weiteren Höhepunkten ergänzt. Milljöhsitzungen, übervolle Kinderkostümfeste und Gottesdienstbesuche, Weiberfastnachtsveranstaltungen, die Teilnahme bei Karnevalsumzügen, die Tanzgruppen der Bergfunken und dort vor allem das Kinder- sowie das große Tanzcorps und die „Eselsfünkchen“  (Eltern und andere „Nicht-Tänzer), der Senat sowie große Prinzenpaare und Kindertollitäten aus den eigenen Reihen trugen und tragen zur Brauchtumspflege weiter bei. Die Uniform der Mitglieder änderte sich in den vergangenen mehr als sieben Jahrzehnten mehrfach. Und die große Bergfunken-Familie sehnt sich danach, ab November 2021 wieder in eine normale Karnevalssession starten zu können – bei der der Muffendorfer Karneval mit Milljöhsitzung, Kinderfest, Weibersitzung und Karnevalsparty im Rampenlicht steht.