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Muffendorfer Perle und Rheinischer Bohnapfel: Altes Obst auf neuen Wiesen

Muffendorfer Perle und Rheinischer Bohnapfel : Altes Obst auf neuen Wiesen

Die Region rund um Wachtberg und Bad Godesberg war früher nicht nur für die „Perle von Muffendorf“ bekannt. Heute sind vergessen geglaubte Obstsorten wieder beliebt.

Alte Obstsorten erleben eine Wiedergeburt bei so manchem Obstbauern, werden dort ganz gezielt angefragt und es gibt auch Menschen, die die Geschichte der alten Obstsorten nachvollziehen wollen. Ja, dies sogar als Wissenschaft betreiben. In Wachtberg ist es beispielsweise Dorothee Hochgürtel, die mit ihrer Familie einen Apfelprobierweg angelegt hat. „130 Apfelsorten haben wir im gesamten Gelände stehen, davon konnten wir von zehn Sorten bislang nicht den Namen ermittelt“ sagte die Mitbegründerin des Wachtberger  Streuobstwiesenvereins. „Bei uns kommen sogar zum Kauf von ein paar Kilo alter Apfelsorten Kunden aus Düsseldorf vorbei“.

Im aktuellen Jahrbuch 2021 des Rhein-Sieg-Kreises beschäftigte sich Autorin Barbara Boullion in einem der Beiträge mit „Kaiserkirschen, Ölligsbirnen und Plüschprummen“, eben der ganzen Vielfalt alter und neuer Sorten. Da stand dann auch plötzlich wieder die „Perle von Muffendorf“ im Mittelpunkt. Nein, es war nicht eine Muffendorfer Hausdame, um die es in diesem Fall gehen könnte, sondern um die vielleicht beliebteste Muffendorfer Pfirsichsorte, wissen Muffendorfer Bürger schnell zu erklären.

Die Muffendorfer kamen im 19. Jahrhundert zum Thema Pfirsichanbau, weil damals die Reblaus den Weinanbau komplett zum Erliegen gebracht hatte. Der Obstzüchter Johann Peter Schwingen war es, der die ersten Pfirsichbäume im Ort anpflanzte. In Köln hatte Schwingen in einem Schaufenster prachtvolle Pfirsiche entdeckt, kaufte zwei davon für zwanzig Silbergroschen, wie es im zur 1100-Jahrfeier herausgegebenen Muffendorf-Buch „Wie im Blomekorf, su schön litt Muffendorf“ heißt. Die Kerne wurden in Muffendorfer Erde gelegt, einer ging auf und es wuchs der erste Pfirischbaum am Muffendorfer Hang heran, erzielte schöne Früchte, die sogar per Stück verkauft wurden.

Dann wurden die Nachbarn dazu animiert, ebenfalls Pfirsiche anzupflanzen. Es gediehen viele Bäume, es folgten die Wahl einer Pfirsichkönigin – aber auch die Schildlaus und die mehlige Pflaumenblattlaus, die den Pfirsichanbau unattraktiv machten. Geblieben ist heute in Muffendorf der Straßenname „Im Pfirsichgarten“ und zeugt vom alten Obstanbau.

Woher dann der Name der „Muffendorfer Perle“ kam, kann sich der Plittersdorfer Obstanbauer Ferdinand Völzgen auch nicht genau erklären. „Vielfach wurden für die gleiche Obstsorte in der Region unterschiedlichste Namen verwendet“, sagt der Vorsitzende der Kreisfachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg, der regionalen Unterorganisation des Provinzialverbandes Rheinischer Obst- und Gemüsebauer. Als robuster Koch- und Saftapfel mit kräftigem Aroma sowie als besonders lange lagerfähiger Apfel genießt von den Streuobstwiesen auch heute noch der „Rheinischer Bohnapfel“ und der vitaminreiche „Freiherr von Berlepsch“ einen hohen Bekanntheitsgrad. „Und als alte und seltene Obstart sind mir noch die wurzelechten Reneclouden bekannt“, erzählt Völzgen und verweist darauf, dass es davon in etwas größerem Umfang Flächen in Niederbachem und Lannesdorf bis nach Liessem gab – angebaut als „Niederbachemer Renelotten“. Diese Wurzelausschläge von Reneclouden konnten einfach per Abriss vermehrt werden, waren aber ein gutes Stück kleiner und unansehnlicher wie die veredelte Variante. Die Früchte wurden früher für die Industrie gepflückt, eingekocht und als Nasskonserve verkauft. Heute sind sie vom Markt verschwunden.

Die Region Bonn und ihr Umfeld bieten günstige klimatische Voraussetzungen, was dazu führte, dass sie eine der größten Obstanbauregionen Deutschlands ist. Früher wurde die Vielfalt an Früchten bei großen Obstbauausstellungen präsentiert. Es entstanden Streuobstwiesen um die Dörfer, die auch heute noch beispielsweise in Wachtberg an verschiedenen Stellen sichtbar sind. Und wenn es heute in der Obstsortendatenbank, die der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) aus historischen Quellen zusammengestellt hat, heißt, dass dort „sage und schreibe 1424 verschiedene Äpfel, 1016 Birnen, 324 Kirschen, 251 Pflaumen und 194 Pfirsiche“ verzeichnet sind, beweist dies die Fülle an Sorten.

Viele sind leider verschwunden oder werden plötzlich dann doch wieder entdeckt – meist von Pomologen, Obstexperten, die die Fruchtsorten katalogisieren. Die Stars der Obstbauszene, wie Williams Christbirne und Gravensteiner Apfel findet man wie früher auch heute im Obstregal oder als Fruchtsaft beziehungsweise gebranntes hochprozentiges Erzeugnis beim Einkauf.

Die besagte Birne ist nach ihrem Entdecker, einem Lehrer aus der englischen Grafschaft Berkshire benannt. Der „Finkenwerder Herbstprinz“ wurde Dank lokaler Rettungsinitiativen in Norddeutschland wieder überregional bekannt und diesen Apfelbaum findet man heute auch in Wachtberger Gärten.  

Das Jahrbuch „Kulinarik im Rhein-Sieg-Kreis“ gibt es ab sofort im Buchhandel. Das virtuelle Obstbau-Museum Rheinland findet man unter www.obstbau-museum-rheinland.de.