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Bad Godesberg: Auf der Suche nach der eigenen Geschichte

Bad Godesberg : Auf der Suche nach der eigenen Geschichte

Der neue Roman des Godesberger Autors Jan Turovski heißt „Die Spur der Louise B.“ Diese Spur führt die Hauptfigur ins weite Russland. Ein spannendes Leseerlebnis in verschiedenen Zeitebenen ist garantiert.

Auf dem Cover des neusten Romans von Jan Turovski recken sich Zwiebeltürme einer russisch-orthodoxen Kirche in den Himmel. Und 200 Seiten lang wird sich der Godesberger Autor auf „Die Spur der Louise B.“ machen, die aus einem beschaulichen Lebensabend als 75-Jährige von einem Tag auf den anderen ins ferne Russland aufbricht. Turovski lässt die Frau im Jahr 1985 erst einmal um das Reisebüro mit den Kulturangeboten kreisen, bevor sie den Trip in die damalige Sowjetunion kurzentschlossen bucht. Der schwerkranke Gatte und die erwachsenen Söhne erfahren von nichts. Louise B. hat ihr Leben bislang ganz in den Dienst der Ihren gestellt. Nun denkt sie erstmals nur an sich und erfüllt sich den Wunsch, der seit Jahrzehnten in ihr schlummert: Es soll zu den Kirchen mit den Zwiebeltürmen gehen.

Der Godesberger Jan Turovski, Jahrgang 1939, setzte einst auf eine kaufmännische Ausbildung Studienaufenthalte in Cambridge, London und Paris drauf. Für die Oper kam eine Gesangsausbildung hinzu. Im Brotberuf leitete er ein Godesberger Unternehmen – und schrieb daneben auch in englischer und französischer Sprache Lyrik, Kurzgeschichten und schließlich Romane. Zuletzt veröffentlichte er den Erotikroman „Madame Bourgin“ in Erinnerung an seine eigene Studienzeit in Frankreich und dann den Psychokrimi „Nowhere Point“, den er in der heutigen USA ansiedelte. Nun also Russland, das er in dessen kommunistischer Zeit selbst wie seine Romanheldin im Jahr 1985 per Flug- und Busreise besucht hat, so verzeichnet es Turovski. Authentisch sind die Beschreibungen der überhitzten Reisebusse, die tieftraurig grauen Speisesäle und die Bespitzelung in der Reisegruppe im real existierenden Sozialismus also auf jeden Fall.

Dabei jongliert Turovski einen Roman lang gleich mit einer ganzen Reihe von Zeitebenen. Der Erzähler bleibt ganz bei seiner Heldin, wenn er ihre Jahrzehnte als Ehefrau und Mutter mit den Kindheitserinnerungen in der vielköpfigen Herkunftsfamilie und noch dazu mit dem Tagebuch des Vaters kontert. Der hat beide Weltkriege miterleben müssen. Louise B. hat seine Notizen gefunden und kommt nun als ältere Frau nicht mehr von ihnen los. Denn da ist noch eine weitere Zeitschicht, die sich immer mehr in ihre Alltagsgedanken drängt: die von ihrem jüngeren Bruder Karl, der 1943 als 19-jähriger Soldat in Russland erschossen wurde. Die Familie hat sein Grab nie gesehen. Nur ein Bekannter hat es einmal aufgespürt und es Louise beschrieben.

1985 auf Russland-Kulturreise kramt die 75-Jährige diesen Brief noch einmal aus ihrer Tasche. Sie wird am nächsten Tag auf der Reiseroute genau an dem Friedhof vorbeirattern, wo ein Holzkreuz an den geliebten Karl erinnerte. Turovski schreibt seinen neusten Roman auf diese zentrale Suche Louises nach ihrer eigenen Geschichte und ihrer aktuellen Bestimmung hin. Was abseits von jeder Kriminalstory zum spannenden Leseerlebnis wird.

Im Handel erhältlich: Jan Turovski, Die Spur der Lousie B., Edition Andiamo 2020, 13,90 Euro