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Theater am Amos-Comenius-Gymnasium: Aus dem Land, in dem die Neurosen blüh'n

Theater am Amos-Comenius-Gymnasium : Aus dem Land, in dem die Neurosen blüh'n

Theater am Amos-Comenius-Gymnasium führt ab heute den Tennessee-Williams-Bestseller "Die Glasmenagerie" auf

"Was fangen wir jetzt mit dem Rest unseres Lebens an? Setzen wir uns hier zur Ruhe und schauen dem Trubel draußen zu? Sieht so die Zukunft aus, die wir für uns ins Auge gefasst haben?", fragt sich und den Zuschauer Tom Wingfield (Thomas Pelzer) auf der Bühne des Amos-Comenius-Gymnasiums.

Regisseurin Anette Niefindt-Umlauff hat sich mit sechs ihrer erfahrensten Schauspieler, die heute zum Teil schon in Bühnenberufen arbeiten, erneut an das nun schon 70 Jahre alte Stück "Die Glasmenagerie" des US-Dramatikers Tennessee Williams gewagt. Hat der Plot vom angeblichen Glücksversprechen des amerikanischen Traums, nein, letztlich von der Überlebenshölle einer ärmlichen und in einen Psychokrieg verstrickten Familie in St. Louis nicht schon mächtig Staub angesetzt? Hat er nicht, so wie ihn die intensiv spielenden Darsteller auf der von Ian Umlauff und seinem Schülerteam gut präparierten Bühne präsentieren.

Tom, der melancholische Lagerarbeiter, dessen Träume nur noch im Kino in Erfüllung zu gehen scheinen, blickt als gleichzeitiger Erzähler glasklar auf die Konstellation zu Hause, aus der er einfach nicht ausbrechen kann. An den Vater erinnern nur eine Postkarte, die er seiner Familie schrieb, nachdem er sie verließ: "Hallo - Lebt wohl!" -, und das schmucke Bild im Wohnzimmer.

Den trostlosen Aussichten des Alltags entfliehen auch die herrische Mutter Amanda (Eva Altenfelder) und die zerbrechliche Schwester Laura (Karolin Lauck/Celine Röding), jede auf ihre Weise. Amanda umringt sich mit Erinnerungen an eine längst vergangene Welt voller Verehrer, deren fantastische Beschreibungen die Kinder nicht mehr hören können. Wenn Eva Altenfelder traurig durchgeknallt damit loslegt, parodiert das Thomas Pelzer im Hintergrund pointiert pantomimisch, während Karolin Lauck versonnen in ihrer Gegenwelt schwebt und an ihren zarten Glastierchen dreht.

Denn letztlich leben sie alle im Glashaus, die unglücklichen Drei in St. Louis. Mutter Amanda hängt aller auch materielles Schicksal an eine potenzielle Heirat der leicht behinderten Tochter. Und dann stolpert als einzige handfest reale Gestalt eines Abends Toms Kollege Jim (Jannick Tapken/Andreas Kölling) in diese bizarr neurotische Familie hinein - und wird zur Projektionsfläche ihrer Sehnsüchte.

"Ein Stück aus dem Land, in dem die Neurosen blüh'n" nennt die Regisseurin den Tennessee-Williams-Bestseller. "Alles spielt in der Erinnerung. Als Spiel der Erinnerung ist es gedämpft beleuchtet, es ist sentimental, und es ist unrealistisch", erläutert Tom in seinem Eingangsmonolog. Erinnerungen spielten nicht nur für Tom und seinen Autor eine große Rolle, sondern auch fürs Theaterteam.

Sich erinnern bedeute, die Vergangenheit anzuschauen. "Da unser Gedächtnis sehr lückenhaft ist, unterstützen wir es mit Schrift, Fotografie, Film, heute mit dem Computer und Datenbanken", so Niefindt-Umlauff. Tom müsse sich mit dem familiären Irrwitz auseinandersetzen. "Und wir mussten uns überlegen, wie sich Erinnerungen auf der Bühne darstellen lassen." Dass das etwa auch mit wunderbaren Musikeinspielungen geschieht, sei über eine brillante Inszenierung noch angemerkt.

Aufführungen im Amos-Comenius-Gymnasium, Behringstraße 27: Freitag, 24. Oktober, Sonntag, 26. Oktober, Dienstag, 28. Oktober, jeweils um 19 Uhr; Freitag, 31. Oktober, um 8.30 Uhr, vor allem für Schulklassen.