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Bad Godesberg per App entdecken - Theaterprojekt des Fringe Ensembles

Interaktives Theaterprojekt des Fringe Ensembles : Godesberger können ihren Stadtbezirk jetzt per App entdecken

Schauspieler des Bonner Fringe Ensembles haben Bürger ihre Geschichte zu Orten in Bad Godesberg erzählen lassen. Herausgekommen ist ein interaktiver Stadtspaziergang, den andere vom 13. bis 16. Oktober nachlaufen können.

Der Stuhl vor dem Ladenlokal lädt zum Innehalten ein. Dabei steckt eher Bewegung hinter dem neuen Projekt des Fringe Ensembles, das seit dieser Woche Quartier in der früheren Parkbuchhandlung an der Koblenzer Straße bezogen hat. „Citizen Map“ steht in großen schwarzen Lettern auf einem gelben Banner über der Tür, und lässt erstmal rätseln, was denn ein „Bürger-Stadtplan“ sein soll.

„Wir haben eine spielerische Stadtkarte für Bad Godesberg jenseits der üblichen Beschreibungen entwickelt“, erzählt Regisseur Frank Heuel beim Pressegespräch. Dafür schwirrten seine Schauspieler im Frühjahr aus und sammelten persönliche Geschichten von im Stadtbezirk arbeitenden, lebenden oder verweilenden Menschen ein. Diese sollen nachher einen interaktiven Godesberg-Spaziergang ergeben. „Sie haben die Leute per Zufall ausgesucht und versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen“, so der Regisseur. Das sei nicht immer leicht gewesen, trotzdem hätten sie am Ende 30 Fundstücke mitgebracht, die von besonderen Begegnungen heute und in vergangenen Zeiten mit bekannten oder fremden Menschen erzählen.

Die Spaziergänger können 20 Geschichten an 20 Orten erkunden

Von diesen wählte man 20 Geschichten für 20 Orte zwischen Innenstadt und Rhein aus. Und diese sollen die Bürger vom 13. bis 16. Oktober erwandern – mittels einer extra entwickelten App. Dafür zeichnet seit mehreren Monaten Fehime Seven aus Istanbul verantwortlich. Knapp vor dem Startschuss prasselt in dem nur spärlich eingerichteten Ladenlokal viel auf die Programmiererin ein. „Die Schwierigkeit liegt darin, viele Komponenten technisch zusammenzubringen“, erklärt Seven auf Englisch. So greife die App auf Google Maps zu, brauche aber auch Datenfutter und basiere auf Augmented Reality (AR), also vereinfacht gesagt, der visuellen Darstellung von Informationen, zum Beispiel über Bilder und Videos. „Aber der Spaß wächst immer weiter“, sagt die Optimistin.

Ein Scheitern der „Citizen Map App“ zieht Ausstatterin Annika Ley nicht in Betracht. „Es gibt so viele Tests vorher, da kann nichts schiefgehen.“ Derweil kümmern sich im Hubertinumshof und an weiteren Orten die Schauspieler Philine Bührer, Matthias Höhn, Nicole Kersten, Bettina Marugg, Andreas Meidinger und Philip Schlomm darum, die Geschichten der Godesberger zu vertonen. „An den Aktionstagen selbst werden sie an fünf von 20 Stationen mit Live-Acts vertreten sein“, erzählt Regisseur Heuel, der sich wünscht, dass die „Stadtgesellschaft“ mit dem Projekt ihren Erfahrungshorizont erweitert – um Geschichten und andere Perspektiven.

Der Laden an der Koblenzer Straße hat jetzt schon geöffnet

Auf Godesberg als Veranstaltungsort kam man, da die Fringe-Leute seit drei Jahren im Hansa-Haus proben. „Zudem bin ich über die Grundsituation im Stadtbezirk informiert, da ich vor zwölf Jahren an den früheren Kammerspielen das Theaterstück ‚Zwei Welten‘ inszeniert habe“, so Heuel. Das beschäftigte sich mit dem Strukturwandel der einstigen Diplomatenstadt und der Entstehung von Parallelgesellschaften. Die Abkehr von der statischen Bühne ist für ihn nicht nur wegen Corona bewusst gewählt: „Als Theaterleute wollen wir in den öffentlichen Raum reingehen.“ Und der Bürger kann an drei Tagen organisiert und kostenfrei mitgehen. „Der Start erfolgt in unserem Laden zwischen 16 und 18.30 Uhr“, erklärt Heuel. Wer kein AR-fähiges Handy hat, kann sich eines vor Ort ausleihen.

Zehn gebrauchte Exemplare haben die Macher eingekauft. Finanziert aus den gleichen Mitteln wie das Gesamtprojekt: dem Fonds Soziokultur im Rahmen des Rettungs- und Zukunftsprogramms „Neustart Kultur“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Über die Höhe schweigt sich Heuel aus: „Es reicht, dass wir alle für mehrere Monate arbeiten können.“

Bad Godesberg per App entdecken: Es gibt drei Startpunkte

Wer ausgerüstet ist, erhält vom sechsköpfigen Leitungsteam einen Nickname (Pseudonym), eine ID mit der man die App öffnen kann und einen von drei Startpunkten. „Wir schicken die Leute alleine los, jeder soll seine individuellen Erfahrungen machen“, kündigt Heuel an. Die Handys selbst werden für die Dauer der Tour (anonymisiert) getrackt, so dass die Macher auf einem Monitor verfolgen können, wer wo unterwegs ist. Denn nach der ersten Station darf jeder die weiteren Punkte anhand von Überschriften selbst bestimmen. Diese lauten beispielsweise „Eine Tasse Frieden“ oder Peinlich, peinlich“.

 Das Projektteam hat schon zwei Wochen vor den Stadtspaziergängen Quartier in der Godesberger City bezogen.
Das Projektteam hat schon zwei Wochen vor den Stadtspaziergängen Quartier in der Godesberger City bezogen. Foto: Axel Vogel

„Wobei die App intelligent ist, da wir entschieden haben, dass sie nicht zwei lange Strecken hintereinander vorschlägt, sie weiß, wo man schon war und unter den ersten fünf Stationen auf jeden Fall ein Live-Act dabei ist“, erzählt Ausstatterin Ley. Bei einem bauen Schauspieler sogar eine Wohnung nach. An den Standorten ohne Programm muss das Handy an gelbe Schilder mit QR-ähnlichen Codes gehalten werden, die dann Infos fließen lassen.

Nach dem Projekt ist die App in Stores erhältlich

Der Spaziergänger kann jederzeit abbrechen. „Und gerne am nächsten Tag wiederkommen“, hofft Heuel. Der Endpunkt ist, nicht nur um die Telefone abzugeben, im Ladenlokal. Da das Theaterprojekt ausgewertet werden soll, freut man sich über einen Austausch. Auch gerne schon jetzt. „Wir sind bis zur Aktion montags bis freitags von 11 bis 13 und von 16 bis 18 Uhr da sowie Samstag von 11 bis 13 Uhr“, sagt Heuel. Wer im Aktionszeitraum verhindert ist, kann sich die Godesberger Geschichten später eigenständig erwandern. Nach dem 16. Oktober ist die „Citizen Map App“ in den bekannten Stores erhältlich.

Das Fringe Ensemble bietet den interaktiven Stadtspaziergang in der kommenden Woche von Donnerstag bis Samstag, 13. bis 16. Oktober, an. Ein Start ist zwischen 16 und 18.30 Uhr jederzeit möglich. Los geht es in der Koblenzer Straße 57. Die Teilnahme ist kostenlos.

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