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Hilfe für Familien und Erzieher: Bad Godesberger Kitas verbessern Kinderschutz

Hilfe für Familien und Erzieher : Bad Godesberger Kitas verbessern Kinderschutz

Aurelie Crames ist die Leiterin des neu geschaffenen Kinderschutzdienstes im Kitanetzwerk Bad Godesberg. Sie ist Ansprechpartnerin für Kinder, Eltern und Erzieher. Ihre Hauptthemen sind Vernachlässigung, Essens- oder Liebesentzug.

Egal ob in Lügde, Bergisch Gladbach oder Münster: Gewalt gegen Kinder, sei sie sexueller, körperlicher oder psychischer Natur, ist bundesweit ein aktuelles Thema. Doch es gibt noch andere Dimensionen der Kindeswohlgefährdung, die im Alltag geschieht – und zwar häufig unbemerkt. Es geht um Vernachlässigung, Essens- oder Liebesentzug. Diese zu erkennen und zu verhindern, hat sich das Kindergartennetzwerk Bad Godesberg, dem 14 Einrichtungen angehören, zur Aufgabe gemacht. Dazu wurde nicht nur ein Kinderschutzkonzept für Kinder, Eltern und Mitarbeiter erstellt. Ab 1. Juli ist außerdem Aurelie Crames an Bord – als Leiterin des neu geschaffenen Kinderschutzdienstes. Dass es diesen überhaupt geben kann, ist der Bürgerstiftung Rheinviertel zu verdanken. Die finanziert das zunächst auf drei Jahre angelegte Projekt mit 51.000 Euro mit.

„Uns geht es darum, das Kindeswohl in den Kitas sicherzustellen. Das ist unser Alltagsgeschäft“, sagt Kindergartenkoordinatorin Sonja Velten. Dafür aber müsse man ganz  genau hinschauen, mit den Eltern und dem Jugendamt im Gespräch bleiben. Das Problem: „Dazu fehlt häufig die Zeit.“ Außerdem brauche es jemanden, der nicht emotional involviert, der neutral sei. So entstand die Idee zu der Stelle, die in den kommenden drei Jahren von Crames besetzt wird.

Sie entwickelt das Konzept auf Basis ihrer gesammelten Erfahrungen weiter, ist Ansprechpartnerin für Kinder, Eltern und Erzieher. Und versucht tätig zu werden, bevor die Übergriffe geschehen. „Es geht nicht in erster Linie darum, Täter zu finden“, betont Velten. Ziel sei es zwar auch, im Ernstfall zu intervenieren, die Fälle zu melden, Familien zu unterstützen und mit den Ämtern zu kooperieren. Hauptsächlich gehe es aber darum, „wirksame Prävention zu betreiben.“ Genau hinzuschauen, die Kinder und ihre Eltern zu stärken, frühzeitig Hilfen anzubieten und die Erzieher zu unterstützen und zu professionalisieren. Damit die Kinder gar nicht erst zu Opfern werden.

Dafür müssen die ersten Anzeichen erkannt werden. Trägt ein Kind tagelang dieselben, schmutzigen Klamotten oder kommt ohne Frühstück in den Kindergarten, wird mit den Eltern Kontakt aufgenommen, erklärt Crames. „Wenn sich daran dann nichts ändert, werden weitere Gespräche gesucht. „Ein Signal ist auch, wenn Kinder sich zurückziehen und verstummen“, sagt die 47-Jährige. Dann versuche sie durch Rollenspiele, die Gründe zu erfahren und aufzuarbeiten.

Unterstützung kommt vom Beratungs- und Förderdienst, der 2012 im Netzwerk installiert wurde. Die heilpädagogischen und therapeutischen Fachkräfte beraten die Einrichtungen, bieten Hilfen für Kinder mit besonderem Förderbedarf und organisieren Angebote zur Sprachförderung. „Genau wie den Erziehern fällt uns natürlich auch auf, wenn Kinder auf einmal sehr schüchtern werden, keine Therapien mehr wahrnehmen oder nur noch unregelmäßig kommen“, sagt Leiterin Gertrud Lindlar. Und schiebt ein Aber hinterher: die Zeit.

Neben den Kindern und ihren Familien hat Crames auch die Einrichtungen im Blick. Denn, so erläutert Velten, „in der Erzieher-Ausbildung spielt das Thema Kindeswohlgefährdung eine eher untergeordnete Rolle“. Eine Lücke, die Crames auszufüllen versucht. Wo besteht Fortbildungsbedarf? An welche Stellen können sich die Einrichtungen wenden, wenn sie das Kindeswohl gefährdet sehen? Wie sprechen sie die Eltern, wie die Kinder an? In all diesen Fragen bietet die Kinderschutzkraft Unterstützung an.

Wie dringend notwendig Crames Arbeit ist, zeigt ein Blick auf die Statistik. Durchschnittlich zwei Kinder pro Schulklasse seien betroffen, sagt Velten. Eine Zahl, die man so auf die Kindergärten übertragen könne. Aber: „Man geht davon aus, dass lediglich neun Prozent der Fälle erkannt werden.“ Auch in den städtischen Kitas gibt es ein „verbindliches institutionelles Kinderschutzkonzept“, so Isabel Klotz vom Presseamt. Dieses sei gemeinsam mit den Einrichtungen und externer Unterstützung entstanden. Enthalten ist unter anderem ein Leitfaden, was in welchem Fall zu tun ist. Darüber hinaus werden Fortbildungen zu dem Thema angeboten.

„Wesentlich ist eine Kultur des offenen Umgangs“, so Sabine Lukas, Leiterin der Abteilung städtische Kindergärten. Es müsse normal sein, Fehler zu machen, aber auch von Kollegen darauf angesprochen zu werden. „Das ist der erste und wichtigste Schritt zur Prävention von Übergriffen in Kitas.“

Die einzelnen Kindergärten könnten auf Basis dieses Trägerkonzeptes eigene Impulse für ihre Einrichtung einbringen. Zentrale Anlaufstelle für sie seien die Fachberatungen. „Drei Fachberaterinnen sowie einige Kita-Leitungen haben eine Zusatzqualifikation zur Kinderschutzfachkraft und werden zur Gefahreneinschätzung zwingend hinzugezogen“, stellt Lukas fest.