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Großhändler Josef Schliebusch: Bad Godesberger war Pionier der Tiefkühlkost

Großhändler Josef Schliebusch : Bad Godesberger war Pionier der Tiefkühlkost

Josef Schliebusch war ein bekannter Mann in Bad Godesberg. Sein Sohn Rudolf Udo Schliebusch hat ein Buch über den Großhändler geschrieben. Er sagt, er habe darin das Geheimnis seiner Kindheit gelüftet.

Die älteren Godesberger werden sich noch erinnern, als in den 1950er Jahren Laster und bald auch VW-Bullis des Großhändlers Josef Schliebusch durch die Badestadt fuhren. Eine mit der Godesburg dekorierte Packung des firmeneigenen „Burg-Kaffees“, der sich später „Schliebusch-Kaffee“ nannte, prangte darauf. Die Fahrzeuge steuerten vom Werksgelände in der Karl-Finkelnburg-Straße 50 gegenüber der italienischen Botschaft zu den vielen kleinen Lebensmittelläden der Einzelhändler und lieferten all die Waren aus, die der Bürger im sich entwickelnden Wirtschaftswunderland kaufen wollte: Spirituosen und Weine, das Waschmittel Persil, die plötzlich so beliebten Drei-Glocken-Makkaroni, Knorr-Erbswurst-Packungen, die Ein-Liter-Flaschen von Maggi als Geschmacksverstärker oder die gleichnamige gekörnte Brühe.

„Mir klingen noch andere, heute fast fremd gewordene Namen der Artikel Sil, Fay oder Sunlicht-Kernseife in den Ohren“, schreibt Rudolf Udo Schliebusch in seinem Buch „Godesberger Aufbruchsjahre“ über „das bewegte Geschäftsleben“ seines Vaters Josef Schliebusch. In dessen Werkshof hätten die Arbeiter unter dem Kommando des feldherrenmäßig agierenden Lageristen die bestellten Kartons, Tüten, Säcke und Flaschen in die Wagen verfrachtet, erinnert sich der Autor an seine Eindrücke, als er als Kind von seinem Tretroller aus neugierig zuschaute. Bei Nachfragen betätigte der Lagerist hörbar das Drehkurbeltelefon.

Die geschäftigen Eltern eilten vorbei – mit ihrem Aufbauwillen typische Beispiele der Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg unermüdlich anpackte. Selbst über dem Sonntagsbraten diskutierten sie noch über den schwierigen Wechsel von loser zu verpackter Ware oder über die ersten selbst gedruckten Werbeprospekte. Der 1947 geborene Sohn hörte aufmerksam zu. Schliebuschs fast aus dem Nichts aufgebauter Großhandel sollte in Godesberg bis 1959 ein wahres Erfolgsmodell werden.

Kaufmann und Kafferöster

Dass der Autor sich seit 20 Jahren intensiv mit der Familien- und damit auch mit einer Godesberger Unternehmensgeschichte beschäftigte, resultierte aus einem Schlüsselerlebnis: Nach dem Tod der Stiefmutter Erika Schliebusch hielt er 1999 plötzlich ihren stets gehüteten Schlüsselbund in Händen. Und hatte damit über zahlreiche Kästen und Schatullen Zugang zu den Zeugnissen des Berufslebens der Eltern. Über Urkunden, Fotos und Briefen sowie dank weiterer Recherche im Bonner Stadtarchiv konnte der Sohn das Leben des Vaters als Kaufmann und Kaffeeröster bis zum Tod verfolgen: von der Jugend im Lannesdorf der Vorkriegszeit durch den Zweiten Weltkrieg über den Wiederaufbau bis zum Wirtschaftswunder und den Unternehmerjahren in Niederbachem. „Ich nahm mir Zeit, das Geheimnis meiner Kindheit zu lüften“, schreibt der Autor, also auch die geschäftlichen Zusammenhänge im Rüngsdorf der 1950er Jahre zu verstehen.

„Besonders spannend wird es, wenn der Leser erfährt, wie erfindungsreich Josef Schliebusch immer wieder aufs Neue Kunden gewinnt und bindet, lange bevor man Marketing an den Hochschulen studieren konnte,“ urteilt etwa Martin Ammermüller als Vorsitzender des Vereins für Heimatpflege Bad Godesberg über die Lebensleistung des Großhändlers. Der Sohn biete am Beispiel seines Vaters ein Kapitel Wirtschafts- und Sozialgeschichte der (west-)deutschen Nachkriegszeit mit ihren Höhen und Tiefen, Erfolgen und Niederlagen, meint Stadtarchivar Norbert Schloßmacher. „Zudem enthält Schliebuschs Recherche ein wichtiges Stück (Bonn-)Bad Godesberger Lokalgeschichte.“

Dem Sohn wurde nämlich dank intensiver Recherche klar, dass sein Vater mit dessen kompetenter „Frau für die Zahlen“ an der Seite im Boom der 1950er Jahre sogar zum Pionier der Tiefkühlkost avanciert war. Denn die Schliebuschs gingen als erste im aufstrebenden Bad Godesberg das Wagnis ein, den von ihnen belieferten Einzelhändlern Tiefkühltruhen hinzustellen, um das ganze Jahr über Fisch, Eis und Spinat anbieten zu können. Die Neuerung schlug in Godesberg sofort ein. Was das Paar schließlich nicht davor verschonte, einen aussichtslosen Kampf gegen die aufkommenden Handelsmonopolisten führen zu müssen. Als Selbstbedienungsläden und Discounter eine neue Ära im Lebensmittelhandel einläuteten, verkaufte Josef Schliebusch 1959 sein Werksgelände und konzentrierte sich alsbald von Wachtberg aus nur aufs Kaffee-Geschäft. Und zwar wiederum mit Erfolg. Immer habe er den Duft von Kaffee gespürt, wenn sein Vater seiner Lieblingsbeschäftigung nachging, erinnert sich der Sohn: nämlich dem Kaffeerösten.

„Godesberger Aufbruchsjahre. Josef Schliebusch – ein bewegtes Geschäftsleben“, Rudolf Udo Schliebusch, BoD-Verlag 2019, 24,99 Euro.