„Löwe von Münster“ Mobiler Escape Room aus Bonn wirft die Frage nach Zivilcourage auf

Bad Godesberg · Zeitreise in das Jahr 1941. Der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen bietet Hitler die Stirn. Mit diesem Thema hat Matthias Hecking einen Escape Room entwickelt. Fieberhaft suchen die Mitspieler nach einem wichtigen Flugblatt. Außerdem stellen sie sich die Frage, ob sie auch so mutig sind?

 Was die Spieler im Escape Room unternehmen, verfolgt Spielleiter Matthias Hecking per Kamera, gibt Anweisungen und steuert authentische Geräuschkulisse bei.

Was die Spieler im Escape Room unternehmen, verfolgt Spielleiter Matthias Hecking per Kamera, gibt Anweisungen und steuert authentische Geräuschkulisse bei.

Foto: Alfred Schmelzeisen

Das ist ein Beispiel, wie aus einem zufälligen Treffen eine Super-Geschichte entsteht: Denn beim Marktplatz „Gute Geschäfte“ (siehe Infokasten) war auch Ulrike Brzoska, Leiterin für Weiterbildung bei dem Verein Evangelische Frauen im Rheinland, dabei. Damals kam sie mit Matthias Hecking ins Gespräch. Hecking, Wirtschaftsingenieur, Planer, Pilger sowie Reisender und Rätselfreak und sein Kollege Winfried Hachmann, Historiker, Theologe, Bastler, Pädagoge und ebenfalls Rätselfreak reisen mit ihren Escape Rooms seit inzwischen fünf Jahren zu unterschiedlichen Veranstaltungsorten.

Für Aufsehen sorgen die beiden mit dem mobilen Escape Room „Löwe von Münster“. Die zufällige Begegnung beim Marktplatz „Gute Geschäfte“ führte jetzt dazu, dass der mobile Escape Room am vergangenen Wochenende von zahlreichen Spielgruppen in der Weiterbildungseinrichtung der Evangelischen Frauenhilfe in Bad Godesberg aufgebaut wurde. Die Aufgabe war, eine schwierige Rätselgeschichte mit Technik aus dem Jahr 1941 zu lösen.

Die Spieler sind gespannt: Matthias Hecking (M.) gibt Instruktionen für den „Löwen von Münster“.

Die Spieler sind gespannt: Matthias Hecking (M.) gibt Instruktionen für den „Löwen von Münster“.

Foto: Alfred Schmelzeisen

Das Szenario, Sommer 1941: Die Predigten des legendären Bischofs von Galen gegen die Tötung behinderter Menschen durch die Nationalsozialisten verbreiteten damals mitten in der der Zeit des NS-Regimes und mitten im Zweiten Weltkrieg Mut und Aufrichtigkeit. Doch Opposition und freie Meinung waren in dieser Zeit lebensgefährlich. Die Mitspielerinnen und Mitspieler müssen im Escape Room die verbotenen Flugblätter der Predigt finden. Der Raum ist dabei mit Möbeln und Technik des Jahres 1941 ausgestattet. Eine alte Schreibmaschine, ein Telefon mit Wählscheibe, ein manueller Diaprojektor , ein Volksempfänger sowie Lichtschalter zum Drehen sind für die eher jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer teilweise hinsichtlich der Verwendung nicht mehr gebräuchlich. Daher erläutert Hecking vor Spielstart, wie man beispielsweise das Telefon mit Drehscheibe bedient.

Wo ist das berühmte Flugblatt des Bischof von Galen? Die Lösung steckt im Detail von historischen Zeitungsausschnitten und Postkarten.

Wo ist das berühmte Flugblatt des Bischof von Galen? Die Lösung steckt im Detail von historischen Zeitungsausschnitten und Postkarten.

Foto: Alfred Schmelzeisen

Teamarbeit gefragt

Insgesamt sieben Gruppen, darunter die Feuerwehr-Jugendgruppe aus Mehlem und Konfirmandengruppen, gehen auf die bedeutsame Mission, besagte Flugblätter bei ihrer Zeitreise zurück ins Jahr 1941 im Escape Room zu finden. Dabei finden sie Predigtaufzeichnungen und auch alte Postkarten, müssen kombinieren, um schließlich einen Tresor geöffnet zu bekommen. Zwischendurch gibt es von Matthias Hecking Anweisungen aus dem Nachbarraum – teilweise mit verzerrter Stimme - was zu tun ist. Außerdem ist eine Geräusch-Kulisse mit Fahrzeugen hinterlegt.

Die Teilnehmer tauchen sofort in die Geschichte ein, in der Clemens August Graf von Galen, früher Bischof von Münster, eine wichtige Rolle spielt, folgen den Hinweisen und lösen schließlich den Fall, manche Gruppen in weit kürzerer Zeit als vorgegeben. Aber: Es geht nur gemeinsam. Auch Ulrike Brzoska und Tochter Mirjam haben sich angeschlossen. Am Ende sind sie begeistert, wie sich die Zusammenarbeit mit den anderen Teilnehmern der fiktiven Pfadfindergruppe, deren Gruppenleiter in der Geschichte von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet worden war, im Escape Room gestaltet. Natürlich wurde es bei der Suche der Flugblätter mit dem verbotenen Predigttext auch hektisch und eindrücklich. Kardinal von Galen hatte in seiner Predigt am 3. August 1941 öffentlich über die systematische Tötung von Menschen mit Behinderungen durch die Nationalsozialisten gesprochen. Wegen des Mutes, gegen die menschenverachtenden Nazi-Gräueltaten zu predigen, wurde von Galen auch „Löwe von Münster“ genannt.

Diskussion über Zivilcourage

Am Ende sahen sich die Teilnehmer der Mission vor die Wahl gestellt: Hätten sie damals den Mut gehabt, die Flugblätter zu verteilen? „Das ist eine schwere Frage“, waren sich alle einig. „Wir haben ausgiebig diskutiert“, sagt Matthias Hecking und verweist darauf, dass dieses Escape Room-Konzept auch „Spielraum für Diskussionen“ bietet. Am Ende stellen die Teilnehmer fest: „Auch heute ist es nicht immer einfach, Zivilcourage zu beweisen. Aber in den kleinen Entscheidungen des Alltags müssen wir uns für andere Menschen einsetzen. Das ist Demokratie. Bischof von Galen hat in weit schwereren Zeiten ein Beispiel gegeben, wie man auch trotz innerer Widerstände seinem Gewissen folgen kann.“

Tenor der Mitspieler ist, dass man die Flugblätter in der Gruppe vermutlich eher verteilt hätte als im Alleingang. Der „Löwe von Münster“ schaffe emotional den Spagat zwischen Spiel und Erinnerung an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Erfinder Hecking stellt sich vor, dass sein Escape Room-Projekt an Schulen in Bonn und der Region im Religions- oder Geschichtsunterricht sowie im Fach Sozialwissenschaften auf besonderes Interesse stoßen wird.

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