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Perspektivgepräche bei der Frauenhilfe: „Corona deckt Krisen gnadenlos auf“

Perspektivgepräche bei der Frauenhilfe : „Corona deckt Krisen gnadenlos auf“

Menschen in Trennung können monatlich zu fachlich begleiteten Perspektivgesprächen bei der Frauenhilfe Bad Godesberg zusammenkommen. In der Pandemie häufen sich die Fälle.

Ute, Ende 50, ist gerade von ihrem Mann verlassen worden. „Ich fühle mich weggeschmissen wie ein alter Müllsack“, klagt die Frau in der Perspektiv-Gesprächsgruppe für Menschen in und nach einer Trennung. Diese findet jeden ersten Sonntag im Monat im Haus der Frauenhilfe statt. Als Teilzeitkraft sieht Ute auch finanzielle Probleme auf sich zukommen. Die Kinder leben weit entfernt. Und dann hat Ute auch noch ihre pflegebedürftige Mutter zu versorgen.

„Also haben wir ihr in der Gruppe geraten, den Schmerz ruhig zuzulassen, aber dann nicht nur auf das zu starren, was sie verloren hat, sondern sich an ihre eigenen Ressourcen zu erinnern“, berichtet Sofie Otto, Referentin für Persönlichkeitsentwicklung, die die Gespräche begleitet. Nach einigen Treffen habe Ute den ersten Schritt geschafft: Jetzt geht sie den Englisch-Online-Kurs an, den sie für eine Aufstockung ihrer Arbeit unbedingt braucht. Zudem vermittelte die Gruppe ihr auch den Kontakt zu einem guten Scheidungsanwalt. „Und das Wichtigste: Ute hat jetzt wieder Selbstwertgefühl“, sagt Otto.

Sie führt mit viel Fingerspitzengefühl durch das offene und kostenlose Angebot. „Trennungen können gewollt sein oder nicht, stets ist damit aber ein Abschied verbunden, zu dem auch Gefühle des Schmerzes und der Trauer gehören“, erläutert Ulrike Brzóska für die Weiterbildungseinrichtung im Haus der Frauenhilfe in Lannesdorf. Im offenen Gespräch könnten sich Menschen in ähnlicher Situation begegnen und gemeinsam Wege für den Umgang mit der Trennung kennenlernen.

„Es kristallisierte sich für uns schnell heraus, dass gegenseitiger Vertrauensaufbau und Diskretion zu den Hauptbedingungen für die Teilnehmer gehören“, berichtet Otto. Erstaunlich sei dann schließlich immer, mit welcher Offenheit die Teilnehmer über das Geschehene und die dazu gehörenden Gefühle sprechen würden. „Dann ist den Teilnehmenden deutlich eine Erleichterung anzumerken. Und wir erleben wunderbare Momente.“

In ihrer aktuellen Gruppe kämen monatlich Frauen und Männer, Junge und Alte zusammen, die einen ganz unterschiedlichen Bildungshintergrund aufwiesen, berichtet die Leiterin. Sie haben schmerzhafte Trennungen aufgrund von Trauerfällen hinter sich, sie spüren den Schock des Verlassenwerdens durch Familienmitglieder oder den Verlust des geliebten Haustiers.

Wenn Otto dann erzähle, dass sie selbst vor vielen Jahren ihre Tochter verlor, fühlten sich die Teilnehmer meist besser verstanden und öffenten sich leichter. „Die Leute kommen in der Aktivphase, dann, wenn es gerade passiert ist und sie nicht mehr weiterwissen“, berichtet Otto. Wichtig sei, dass sie alle ihre Erfahrungen ungefiltert erzählen könnten – solange das mit Blick auf die anderen im Kreis zu verantworten sei, fügt sie hinzu. Ansonsten schalte sie sich sofort ein, um die anderen zu schützen.

Menschen mit einem entsprechenden Krankheitsbild seien allerdings nicht gut in den Perspektivgesprächen aufgehoben. Das erkenne Otto schnell und begleite sie dann zu einem Psychiater oder in die Klinik, sagt sie. Aktuell kämen spürbar mehr Eheleute nach Trennungen in die Gespräche. „Paare hängen sich in der Pandemie zu eng auf der Pelle“, da komme all das hoch, was sonst nicht ausgesprochen werde, weiß die Gesprächsleiterin. „Corona deckt Krisen gnadenlos auf.“ Besonders aktuell sei also der Austausch in Gemeinschaft kein aussterbendes Kommunikationsfossil, sondern notwendiger denn je. „Denn wenn wir in der Gruppe wissen, dass wir nicht allein mit unserem Leid sind, geht es uns doch gleich etwas besser.“