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Corona-Pandemie: Bad Godesberger Künstler bangen um die Zukunft

Keine Einnahmen in Corona-Zeiten : Godesberger Künstler bangen um die Zukunft

Die Corona-Krise trifft die Godesberger Kulturszene hart. Den Künstlern fehlen nicht nur die Einnahmen, sondern auch ihre Bühne und ihr Publikum. Die Künstler hoffen nun auf staatliche Unterstützung.

Den Corona-Blues der Kunstschaffenden, den hat Norfried Baum in Musik gefasst und mit anderen dazu ein Video gedreht. Der Mann betreibt seit 1982 das Fachgeschäft Musik Baum an der Plittersdorfer Straße. Als Bill Baum steht er seit vielen Jahren mit seiner Band Baum‘s Bluesbenders selbst auf der Bühne.

Immer wieder lässt Baum besondere Ereignisse in seine Musik einfließen. Wie Ende 2016, als er nach der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump einen Protestsong gegen politischen Größenwahn geschrieben hatte. Und nun ist es Corona. „Überall sieht man Menschen mit Masken, die durch die Innenstädte hasten“, singt Baum. Der Mensch tanze nur noch zu Hause im Unterhemd, geht es weiter, und Baum tänzelt im Video im Feingerippten durchs Bild, während Fred Prünte, Rolf Schumacher und Francis Holzapfel in die Tasten hauen. Und Musikveranstalter wie Wolfgang Koll (Harmonie) und Martin Noetzel (Kunst!Rasen) blasen Trübsinn. Denn in der Pandemie fehle eben Eines: die Livemusik.

„Live kann nicht durchs Internet, Streaming oder die Glotze ersetzt werden“

Sein Song „Live ist besser“ handele davon, dass alle, die hauptberuflich von Musik leben, in Corona-Zeiten am Stock gingen. „Live kann nicht durchs Internet, Streaming oder die Glotze ersetzt werden“, fährt er fort. Deshalb müssten derzeit nicht nur Künstler, sondern auch Clubs, Kneipen, Veranstalter, Techniker, Verleiher, Bühnenbauer und Musikgeschäfte um ihre Existenz bangen. Baum hat durch die vorübergehende Schließung „einen erheblichen Umsatzeinbruch“ erlebt. „Ich dachte erstmals nach 1982, dass mir die Selbständigkeit unter den Fingern zerrinnt.“

Der Erfolg seines Lieferservices in Bonn sowie die Unterstützung des Landes NRW hätten ihm geholfen. Traurig stimme ihn aber, dass er in der Krise kein Angebot auf Mietminderung erhalten habe. Seit der Wiedereröffnung profitiere er von neuer Kundennachfrage, sagt Baum. „Aber ich habe großartige Künstler als Kunden, die vor dem wirtschaftlichen Kollaps stehen.“ Für die habe er den Song geschrieben.

Konzerte sind die Haupteinnahmequelle

Baum hat drei weitere Godesberger in sein Geschäft geladen. Da ist Marcus Schinkel, Pianist zwischen Jazz, Rock und Klassik, wie er sich beschreibt. Auch in der Corona-Krise habe er genug zu tun, schildert Schinkel: von zu Hause aus zu komponieren, Klavierunterricht zu geben oder Stücke zu arrangieren. Mit Susanne Kessel und Markus Schimpp gibt er Privatissimo-Konzerte für jeweils einen Haushalt. „Das kommt sehr gut an.“ Doch der Hauptteil seiner Einkünfte stamme aus öffentlichen Konzerten, die gestrichen oder auf nächstes Jahr verlegt wurden. „Und da kann ich dann wegen Terminüberschneidungen nicht doppelt auftreten“, sagt Schinkel.

Den Hauptanteil der Corona-Soforthilfe werde er mangels Betriebskosten wieder ans Land zurückzahlen müssen. Deshalb kritisiert er die Bedingungen des NRW-Angebots. Schinkel befürchtet, dass die Krise bis weit ins nächste Jahr wirken werde: Denn es bleibe sicher „die Angst der Zuschauer, die nicht sofort wiederkommen werden.“

Bandmitglieder leben von Nebenjobs und Staatshilfen

Seine Kollegin, die Liedermacherin Cynthia Nickschas, wird fast melancholisch. „Ich spiele einfach gerne live, mir fehlt die Bühne, das Publikum, das Feedback, das regelmäßige mit anderen Ausflippen und Abheben“, sagt sie. Dazu seien es rein materiell normalerweise natürlich die Livegagen und vor allen Dingen die CD- und Merchandising-Verkäufe bei Konzerten, die „so richtig reinhauen“.

In der aktuellen Krise lebten die meisten in ihrer Band also von regulären oder Nebenjobs. Sie finanziere sich vor allem von der NRW-Soforthilfe. „Und es wäre ein feiner Zug unserer Landesregierung, uns Soloselbständigen die 9000 Euro dann auch zu lassen“, sagt Nickschas. Des Weiteren werde sie Hilfe aus dem Kulturfonds der Stadt Bonn beantragen. Mit einem ersten Streamingkonzert habe die Band nur ansatzweise eine Gage im Hut gehabt. „Aber ich finde, wir Künstler sollten unsere Werke nicht unbedingt jede Woche für umsonst anbieten,“ warnt die Sängerin. Sonst gewöhne sich das Publikum daran, dass Kultur nichts koste. „Und wir verdienen nach der Krise überhaupt nichts mehr.“

Viele Open Air-Konzerte und Clubveranstaltungen auf kommende Saison verlegt

Große Sorgen macht sich auch Ernst-Ludwig Hartz. „Eine solche Situation hat es noch nicht gegeben“, sagt der Mann, der 43 Jahre Erfahrung als Musikveranstalter hat. Aktuell habe er 21 Open Air-Konzerte auf der Hofgartenwiese, auf dem „Kunst!Rasen“, der Insel Grafenwerth und dem Kölner Roncalliplatz auf kommenden Sommer verlegen müssen, dazu 17 Clubkonzerte auf den Herbst und Winter. „Das größte Problem ist, nicht zu wissen, wann es wieder Clubkonzerte und Großveranstaltungen geben wird“, klagt Hartz. Und selbst wenn im Herbst wieder Konzerte mit bis zu 600 Besuchern möglich sein sollten, wären sie mit den aktuellen Abstandsregeln wohl kaum planbar.

Ihm selbst helfe momentan, dass sein Unternehmen nur aus einem kleinen Team bestehe, für das er die NRW-Soforthilfe erhalten habe. „Aber alle Veranstalter und Clubs können nicht planen, den Künstlern geht es natürlich genauso.“ Da sei absehbar, dass viele nicht durchhalten werden. Das Dilemma sei in der Krise also, dass Kultur immer noch als nicht systemrelevant gelte.

Das Video „Live ist besser“ ist im Internet zu sehen.