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Coronavirus in Bonn: Flüchtling hilft Godesberger Ehepaar durch die Krise

Serie „Bonner Alltagshelden in der Corona-Krise“ : Flüchtling hilft Godesberger Ehepaar durch die Krise

Vor vier Jahren flüchtete Dhulfiqar Adelfi aus dem Irak. Jetzt unterstützt er in Bad Godesberg Senioren wie das Ehepaar Hochrath mit Einkäufen. Auch in der Hausaufgabenhilfe ist der 22-Jährige ehrenamtlich aktiv.

Es war 2016, als Dhulfiqar Adelfi vor einer schwierigen Entscheidung stand. Der heute 22-Jährige musste sich darüber klar werden, ob er seine Heimat Irak verlassen sollte oder nicht. Als Sohn eines Stammesführers nämlich sollte er in einem Lager für den Krieg trainieren, um anschließend für Rebellentruppen zu kämpfen. Ein Weg, den zuvor seine Cousins beschritten hatten. Der aber nicht der seine war.  „Ich wollte nicht kämpfen, ich habe zwei meiner Cousins dort verloren“, berichtet Adelfi, dessen Vater ihn gerne in den Rebellenreihen gesehen hätte. Gemeinsam mit seinem fünf Jahre älteren Bruder entschied er sich zur Flucht. „Ich habe niemandem sonst etwas gesagt.“

Über die Türkei, Griechenland, Albanien und Serbien ging es nach Deutschland, fast zwei Wochen lang waren die beiden Brüder unterwegs. Hier, in der Bundesrepublik, habe er eine Chance bekommen und viel Gutes erfahren. Eine Schulausbildung zum Beispiel. Außerdem konnte er über das Flüchtlingscafé des Kirchengemeindeverbands Bad Godesberg zahlreiche Kontakte knüpfen

Sein Ziel: Etwas zurückgeben zu können

Etwas zurückzugeben war Adelfis Ziel. So zögerte er keine Sekunde, als Flüchtlingskoordinatorin Alice von Spee nach Hilfe für Ellen Hochrath suchte. Die 72-Jährige und ihr Ehemann haben unter Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen zu leiden, einfach mal einkaufen zu gehen funktioniert nicht mehr. Zu Beginn der Corona-Krise habe sie sich wegen der Einkäufe keine Gedanken gemacht, erzählt die 72-Jährige, die seit 30 Jahren in Bad Godesberg lebt. „Ich hatte ja alles im Haus, was wir brauchten.“ Wie schnell die Vorräte des kleinen Haushalts schwinden, in dem sie mit ihrem schwerkranken Mann allein lebt, erkannte sie allerdings schon nach einigen Tagen. „Hier ging etwas aus, da fehlte etwas“, erinnert sich die Seniorin an die Momente, in denen die Verzweiflung wuchs.

Ihr Mann sei zu krank, um allein einen Einkauf zu stemmen. Sie selbst ist jedoch seit Jahren lungenkrank und gehört damit zur besonders gefährdeten Risikogruppe. Eine Ansteckung mit dem grassierenden Coronavirus wäre eine Katastrophe.

„Da habe ich in der Zeitung nachgesehen, welche Organisationen vielleicht helfen könnten“, so die gebürtige Norddeutsche. Erleichterung habe sich breit gemacht, als sie von Spee erreichte und diese ihr Hilfe zusagte. Die Flüchtlingskoordinatorin dachte sofort an den 22-Jährigen, den sie seit gut einem Jahr kennt. Damals sei er „mit einem Freund zu uns ins Café gekommen“. Als der Freund nach Darmstadt zog, um dort Maschinenbau zu studieren, blieb Adelfi dem Café treu. Und übernahm dessen Arbeit in der Hausaufgabenhilfe.

Adelfi steht kurz vor dem Realschulabschluss

Als er nach Deutschland gekommen sei, habe er erst Sprachkurse gemacht, „dann eine Schulausbildung“, sagt der junge Iraker. In wenigen Wochen will er, wenn die Corona-Krise es zulässt, seine Prüfung ablegen. „Dann habe ich einen Realschulabschluss.“

Danach möchte der 22-Jährige eine Ausbildung absolvieren, am liebsten „etwas mit Wirtschaft. Vielleicht Immobilienkaufmann oder im Großhandel“. Für Adelfi kein unbekanntes Terrain. „Bei uns zu Hause habe ich schon mit sechs Jahren im Supermarkt meiner Eltern gearbeitet“, erzählt der junge Mann. „Das ist bei uns so, dass die Kinder einfach mitarbeiten.“ Auch dass die Jüngeren für die Älteren mal einkaufen oder andere Dinge erledigen, sei alltäglich. Deshalb habe er auch gleich zugesagt, als von Spee ihn wegen der Einkäufe für Ellen Hochrath ansprach.

„Dhulfiqar ist ein nicht mehr wegzudenkender Teil unseres Cafés geworden“, sagt von Alice von Spee, deren Tätigkeit durch die Aktion Mensch ermöglicht wird. Dass die Wege des jungen Mannes und der Bad Godesberger Seniorin sich auf diese Weise gekreuzt hätten, sei sehr positiv. „Das ist gelebte Gemeinschaft. Von den Flüchtlingen hören wir so oft, dass sie sich mehr Kontakt mit Deutschen wünschen“, so von Spee. „Und so kann es funktionieren.“