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Bonn im Ersten Weltkrieg: Dank für Zigaretten und mollige Betten

Bonn im Ersten Weltkrieg : Dank für Zigaretten und mollige Betten

Die damalige Kurstadt Godesberg diente während des Ersten Weltkriegs als externer Lazarettstandort für verwundete Soldaten. Ein Blick auch hinter die Kulissen

Die Postkarte soll beruhigen. Sie soll die Botschaft: „Seht, in welch angenehmer Atmosphäre ich wieder gesund für den nächsten Kriegseinsatz werden kann“, überbringen. Doch wer genauer hinschaut, sieht auch, dass sich in einigen Gesichtern das erfahrene Leid, ja der Irrsinn des jahrelangen Abschlachtens spiegelt. Diese verwundeten Soldaten blicken den Betrachter auch nachdenklich, bedrückt und sorgenvoll an. Manch Einer scheint sogar nicht mehr alle Sinne beisammen zu haben. Wohl 17 Millionen Menschen sollte der Weltkrieg bis 1918 noch das Leben kosten. Beim Fototermin 1914 hat er gerade erst begonnen.

Der Heimatforscher Bernd Birkholz zeigt diese Postkarte in seinem Bericht „Lazarette in Godesberg während des Ersten Weltkriegs“, der in Kürze in den diesjährigen Heimatblättern des Geschichtsvereins erscheinen wird. Im BonnBuchverlag hat der 67-Jährige mit dem Band „Historisches Godesberg“ schon weitere Exemplare seiner historischen Postkartensammlung veröffentlicht. Nun schildert er das Godesberg, das sich von 1914 bis 1918 plötzlich als deutsche Lazarettstadt neu erfinden muss. Denn obwohl die Kurstadt in sämtlichen Kriegsjahren von Luftangriffen verschont bleibt und man den dumpfen Schall der Geschütze im Westen nur bei klarem Wetter hört, ist die Zahl der Gäste rapide zurückgegangen.

Panikartig sind die Sommerfrischler aus den zahlreichen Hotels, Pensionen und Spezialkliniken geflohen, hat Birkhoiz recherchiert. Der Beiname „Pensionopolis“ trifft plötzlich nicht mehr zu. Da scheint es ein Segen, dass die vornehme Badestadt, ihrer Heil- und Pflegeanstalten wegen, zu einem Standort deutscher Reservelazarette erklärt wird. So können die Einrichtungen zum Ausgleich mit Kriegsverletzten ausgelastet werden. Birkholz hat in Godesberg 13 Abteilungen des Lazarettbetriebs ausgemacht, dazu zwei Genesungsheime. Häuser an der Kronprinzenstraße, die 1957 zum Alten- und Pflegeheim St. Vinzenzhaus wurden, beherbergten ab 1914 Kriegsversehrte. Das ehemalige Krankenhaus Markusstift an der Burgstraße ebenso. Auf dessen Grund betreibt die Caritas seit 1989 ebenfalls ein Seniorenheim.

Verletzte Soldaten wurden auch ins Beamten-Erholungshaus in die Rheinallee 17 gebracht, das heute, durch Anbauten verändert, als Hotel Rheinland und als Kneipe Zwitscherstube genutzt wird. In der Waldstraße hatte sich das Sanatorium Godeshöhe bereiterklärt, in seinen stattlichen Räumlichkeiten Kriegsversehrte aufzunehmen. Heute steht am Standort das neue Rehabilitationszentrum. Verletzte lagen auch im Haus der damaligen Kurfürstenbad Godesberg AG in der Kurfürstenallee 2 und, ein paar Türen weiter, im Lazarett der Frau von der Groeben in der Kurfürstenallee 8, der heutigen Musikschule. Noch komfortabler dürfte es in der heutigen Redoute zugegangen sein. Im ehemaligen kurfürstlichen Ballhaus hatten die damaligen Besitzer Richard und Hermann Wendelstadt die obere Etage für eine Verwundetenstation freigeräumt.

Und auch die Soldaten, die in das Schloss der Bankiersfamilie von der Heydt auf die Wacholderhöhe geschafft wurden, dürften sich nicht beklagt haben. In der heutigen Villa Stella Rheni des Aloisiuskollegs waren zwei Jahre lang Krankenbetten im feinen Billardsaal aufgebaut. Selbst die Tochter des Hauses, Gerda von der Heydt, habe sich hier als Krankenschwester um Genesende gekümmert, schreibt Birkholz. Die dankten es der Familie mit Gedichten im Gästebuch. Etwa ein Pionier Dottendorf reimte: „Der Schlossherrschaft sei Dank für Herberg, Speis` und Trank. Für Karten, Rasieren, Zigarren, Zigaretten und die schönen molligen Betten.“ Auch Prinzessin Viktoria zu Schaumburg-Lippe, die Schwester des amtierenden Kaiser Wilhelms II, ließ sich hier auf Besuch der Soldaten blicken. Ganz zufällig war dann auch ein Journalistentross dabei.

Geeignet war das damalige Godesberg als Lazarettort also auf jeden Fall wegen seiner guten Infrastruktur an Heilanstalten und erfahrenen Ärzten besonders im heutigen Villenviertel und entlang der Kurfürstenallee. Dazu stellten Privatiers Teile ihrer Häuser zur Verfügung. Bürger engagierten sich. Ein Vaterländischer Frauenverein hatte sich gebildet, mit Hilfe dessen man sich als Pflegekraft oder Krankenträger ausbilden lassen konnte. Die Freiwillige Feuerwehr sprang ein, wenn die verletzten Soldaten aus Zügen am Godesberger oder Bonner Bahnhof ausgeladen worden waren. Alles, was Räder hatte, hielt dann für den Transport her: Pferde- und Kohlenwagen, Autoanhänger und fahrbare Tragbahren, hat Birkholz ermittelt.

Doch der Einsatz für die Verwundeten sei oftmals auch ein “schockierendes Erlebnis“ gewesen. Ärzten und Pflegepersonal wurde angesichts der schweren Wunden, Giftgasfolgen und posttraumatischen Belastungsstörungen die Augen über die Brutalität moderner Kriegsführung geöffnet. Die Psychiatrie der Zeit war hilflos. Traumatisierte wurden als Kriegszitterer, Hysteriker, Kriegsneurotiker und Neurastheniker, ja letztlich als Simulanten und Drückeberger geschmäht. „Entsprechend wurden sie behandelt: Mit Elektroschocks, Dauerbädern, Scheinoperationen, sogar Schein-Exekutionen sollte ihr Wille gebrochen werden, damit sie wieder an die Front geschickt werden konnten,“ so Birkholz. Das Lächeln in die Kamera für die Lazarettpostkarten dürfte also gerade bei diesen Verletzten nicht selten entgleist sein.