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Günther Gratzfeld und die Beethovenallee: Das Gedächtnis einer Straße

Günther Gratzfeld und die Beethovenallee : Das Gedächtnis einer Straße

Die heutige Beethovenallee ist für Günther Gratzfeld nicht irgendeine Straße. Hier wurde er vor 78 Jahren geboren, hier lernte er laufen, hier verlief sein Schulweg, hier wurde tagsüber gespielt, und hier kommt er heute noch entlang, etwa wenn er von seinem heutigen Wohnort in Plittersdorf in die Innenstadt unterwegs ist. In acht Jahrzehnten wurde die Straße für den Bad Godesberger Bäckermeister also zu einer Lebensstrecke. Anlass für ihn, die Geschichte dieser Allee, ihrer Häuser und Menschen nachzuzeichnen und festzuhalten. Das Material, das dabei im Laufe der Jahre zusammenkam, findet in dem dicken Ordner in seinem Arbeitszimmer kaum Platz.

Bis heute übt Gratzfeld das Bäckerhandwerk aus - wenn auch längst nicht mehr in der Backstube, sondern am heimischen Ofen. Seine zweite große Leidenschaft gilt seit jeher der Heimatgeschichte. Kaum ein Fleckchen in der Region, über das der 78-Jährige nichts Erhellendes zu sagen wüsste. Auch die Lebensgeschichte(n) seiner Vorfahren hat er akribisch und liebevoll in Chroniken nachgezeichnet. Die Beethovenallee ist in diesem Wissensfundus gewissermaßen das i-Tüpfelchen. "1941 kam ich in die Bachschule. In dem Alter saugt man alles auf, was ringsum passiert. Insofern waren die 1940er Jahre besonders prägend", sagt Gratzfeld. Allerdings trug die Straße damals einen anderen Namen.

1937 war die Auguste-Viktoria-Straße in Horst-Wessel-Straße umbenannt worden. 1945 folgte die Taufe als Beethovenstraße, bevor sie erst im Zuge der Eingemeindung Bad Godesbergs nach Bonn 1969 zur Beethovenallee wurde. Neben der städtebaulichen Bedeutung der Allee hat Gratzfeld auch Informationen zu den einzelnen Altbauten zusammengetragen. Sein eigenes Elternhaus am westlichen Ende der Straße zwischen Sparkasse und Bahntrasse steht heute nicht mehr. Es fiel 1970 den Plänen zum Opfer, die Strecke der Straßenbahn auf zwei Gleise zu erweitern - die aber nie verwirklicht wurden.

Nebenan bot der "Zigarren- und Rauchwarenhändler Dreyer" seine Waren an. Nach seinem Wegzug 1939 nutzte Günther Gratzfelds Vater, Schlossermeister von Beruf, die Räume als Lager. Erhalten ist das Haus mit der Nummer 3, wo seit vier Generationen der Familienbetrieb Ungerathen, Schreinerei und Beerdigungsinstitut, seinen Sitz hat. Der evangelische Pfarrer Julius Axenfeld hatte Ende des 19. Jahrhunderts die Ansiedlung protestantischer Handwerker in Bad Godesberg forciert. Erhalten sind auch die Räume des evangelischen Kindergartens, heute auf dem Gelände der Firma Glitsch-Necke gelegen.

Und Gratzfelds Kindergarten? Er befand sich im Haus Nummer 14 und wurde von katholischen Schwestern betrieben. Wie gesagt: Für Günther Gratzfeld ist sie nicht irgendeine Straße, die Beethovenallee.

Kontakt zu Günther Gratzfeld über Tel. 02 28/35 05-210.