1. Bonn
  2. Bad Godesberg

Kitas in Corona-Zeiten: Der Alltag zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung

Kitas in Corona-Zeiten : Der Alltag zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung

Autohäuser, Bekleidungsläden sowie bald Frisöre dürfen die Normalität probieren, Kindergärten aber nicht. Selbst bei den Schulen gibt es dank Homeschooling keinen Totalausfall. Wie gehen Kita-Eltern mit der Perspektivlosigkeit um? Was bemerken sie an ihrem Nachwuchs? Und wie fühlen sich die Erzieher?

■ Das sagen Godesberger Eltern: Seit zwei Wochen kann Deborah Klein durchatmen. Seitdem kann Tochter Josefine (3) die Notbetreuung in ihrer Kita regelmäßig in Anspruch nehmen. Davor: Telefonkonferenzen mit der Kleinen auf dem Schoß. Der Versuch, Kind und Job gleichermaßen gerecht zu werden, gelang nur partiell. „Es fehlt an einem Konzept für die Kitaöffnung“, stellt die Alleinerziehende fest. Langsam rücke das Thema in den Fokus der Politik – zu langsam, wenn man die Nöte anderer Familien betrachte, so Klein. Wichtig sei, nicht nur Virologen zu Rate zu ziehen, „sondern auch Soziologen und Pädagogen“.

Land unter herrscht in einer anderen Bad Godesberger Familie, die anonym bleiben möchte. „Man zerreißt sich zwischen Kindern und Arbeitgeber“, stellt die Mutter fest. „Wir sind am Ende unserer Kräfte.“ Beide Eltern arbeiten Vollzeit im Homeoffice, Aussicht auf Notbetreuung für die Kinder (6 und 3) besteht nicht. Gesundheitsschutz sei wichtig, auch, dass die Wirtschaft angekurbelt werden müsse, sei nachvollziehbar. Aber: „Die Unsicherheit ist schlimm, man fühlt sich schwächer, wenn man nicht weiß, wie es mit den Kitas weitergeht.“

Unproblematisch ist es derzeit bei der fünfköpfigen Familie Gomez Hoffmann. Mutter Nora ist in Elternzeit, Vater Nicolas kann zu Hause arbeiten. Da Tochter Carla bald in die Schule kommt, „finde ich es auch schön, dass wir noch einmal als Familie viel Zeit miteinander verbringen können“. Aber: „Wir sind uns dieser komfortablen Situation deutlich bewusst“, betont Nora Hoffmann. Bei vielen Freundinnen sehe das anders aus. „Es ist wichtig, dass die Politik ein Auge auf die Kinder richtet. Damit endlich versucht wird, wenigstens ansatzweise Lösungen zu finden.“

■ Das sagen Wachtberger Eltern: Zumindest tagsüber allein ist Juliane Daniel. „Ich arbeite derzeit in mehreren Schichten im Homeoffice“, sagt die Mutter von Oskar (2), Jonas (7) und Leo (10). Noch hat sie den großen Vorteil, dass in der Morgenschicht der Älteste das Kita-Kind Oskar bespaßen kann. „Aber nächste Woche darf er als Viertklässler wieder in die Grundschule, dann wird’s hier spannend“, glaubt die 42-Jährige. Da sie beim Sparkassenverband arbeitet, überlegt sie, ob sie nach einer Systemrelevanz nachfragt.

Einen daraus resultierenden Notbetreuungsplatz hat Lara Traude für ihre zweijährige Tochter. Die 25-Jährige und ihr Mann sind beide im Rettungsdienst tätig. „Wir stellen aber fest, dass Lena durch die veränderte Situation in der Kita viel weint und sich ihre Laune von jetzt auf gleich ändert, leider meist zum Negativen“, sagt Traude. Die Kleine frage ständig nach, wo die anderen Kinder seien und warum sie diese nicht sehen dürfe. „Positiv ist, dass sich ihre Sprache weiterentwickelt hat, dafür hat sie kein Interesse mehr daran, zur Toilette zu gehen“, so Traude.

In einer komfortablen Situation ist eigentlich Familie Skuplik, da Mutter Mareike schwanger und mit einem Beschäftigungsverbot belegt ist. Eigentlich, wie Vater Michael betont. „Henri ist bislang Einzelkind und völlig abgeschnitten von sozialen Kontakten zu anderen Kindern“, sagt der 36-jährige Industriekaufmann. Auf Dauer könnten sie als Eltern Erlebnisse und Erfahrungen des Zweijährigen in der Kita nicht ersetzen. „Es wäre toll, wenn man hier ein neues Konzept überlegen würde, vielleicht mit stundenweisen Treffen von wenigen Kindern“, regt er an.

■ Das sagen die Erzieher: Dass der Unmut und der Druck in den Familien steigt, stellt Heike Dohm-Acker fest. „Viele Eltern fragen uns, wie wir mit der derzeitigen Situation umgehen, wie sehen unsere Ängste aus, welche Meinung haben wir“, so die Leiterin der Plittersdorfer Kita Sankt Georg. Die Kinder genössen zwar teilweise, dass die Eltern nun zu Hause seien, aber die älteren vermissten ihr gewohntes Kita-Umfeld. Das Team sei froh, wenn der normale Alltag wieder losgehe.

Doch selbst in der Krise breche der Kontakt nicht ab. Einmal pro Woche gibt es Telefongespräche, auch Impulse werden verschickt. Und für die Erzieher selbst? „Wir sehen die Situation professionell“, so Dohm-Acker. Der pädagogische Auftrag stehe im Vordergrund.

Eine Perspektive sei dringend notwendig, sagt Gertrud Lindlar, Leiterin des Beratungs- und Förderdienstes der Bürgerstiftung, dessen Schwerpunkt die Inklusion der Kinder ist. Man gehe individuell auf die Bedürfnisse der Familien ein. Ständiger Kontakt, Beratung und Hausbesuche seien die Stichworte. Man müsse sich nun damit auseinandersetzen, wie ein Neustart aussehen könnte. Denn: „Es wird keine Kita mehr geben wie früher“, ist Lindlar sicher.

22 von 86 Kindern sind aktuell in der Notbetreuung des Familienzentrums St. Maria Rosenkranzkönigin in Wachtberg. „Und leider ist mit den Bestimmungen des Landes aus der vergangenen Woche unser Konzept des offenen Arbeitens zunichte gemacht worden“, sagte Leiterin Mieke Schulze. Die Türen zu den einzelnen Gruppen müssten geschlossen bleiben, Selbstständigkeit, beispielsweise indem sich die Kinder selbst Essen nehmen würden, sei beschnitten. „Es geht hier jetzt steril zu, und wir sind nur noch eine Aufbewahrungsanstalt“, meint Schulze. In ständigem Austausch steht sie mit dem Jugendamt. „Wir haben ein Kind zugeteilt bekommen, das keinen Anspruch auf einen Notplatz hat, aber wo die Verhältnisse zu Hause schwierig sind“, so Schulze. Und es gebe sicher viele weitere gefährdete Kinder aktuell.