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Spur führt von Bad Godesberg nach Berlin: Der mächtige Schrank der Hohenzollern

Spur führt von Bad Godesberg nach Berlin : Der mächtige Schrank der Hohenzollern

Die Bonnerin Juliane Kalinna ahnte, dass der antike Schrank in ihrem Wohnzimmer eine lange Geschichte hat. Als sie sich auf die Suche begab, reichte die Spur bis ins Berliner Stadtschloss.

Wohin mit dem Schrank? Diese Frage hat sich wohl jeder schon einmal gestellt, der Umzug oder Renovierung vor sich hatte. Im Fall von Juliane Kallina allerdings gibt es zwei Besonderheiten. Zum einen besitzt das Erbstück mit 2,36 Meter Breite und 2,57 Meter Höhe raumgreifende Maße. Zum anderen hatte ihr Vater zu Lebzeiten stets versichert, der Schrank sowie acht herrschaftliche Stühle stammten aus dem berühmten Berliner Stadtschloss. Seinen Spitznamen hatte das Holzteil deshalb weg: Kaiser-Wilhelm-Schrank.

„Ich will mich räumlich verändern, deshalb habe ich einen Abnehmer gesucht“, erzählt die Frau, die im Villenviertel wohnt. Seit 1996 stand das Möbelstück, in das beneidenswerte Mengen an Kleidung und Schuhen passen, im Wohnzimmer ihres Gründerzeithauses. Doch selbst ein renommiertes Bonner Auktionshaus winkte ab. „Alte Möbel würden überhaupt nicht mehr gehen, versicherte man mir dort, ohne meine Geschichte richtig anzuhören“, ärgert sich Kalinna. Denn so ganz wollte sie den Glauben nicht aufgeben, dass es sich doch um einen Hohenzollern-Schrank handelte. Am Rande sei verraten: Es ist einer!

Weil die Zeit drängte, war sie kurz davor, das Ungetüm, wie sie es liebevoll nennt, zum Sperrmüll zu geben. „Aber dann habe ich angefangen zu recherchieren“, so die 70-Jährige. Wichtige Hilfe erhielt sie von der Godesberger Schreinerei Ungerathen. „Der Inhaber hat mir empfohlen, den Schrank mal von der Wand abzurücken“, sagt Kalinna. Und tatsächlich: Auf der linken Seite befand sich der Rest eines kleinen gelben Zettels, auf dem geschrieben stand: „Berlin II, Zimmer-Nr“. Als der Blick von Besitzerin und Schreinermeister aber auf die rechte Rückseite fiel, stutzten beide.

 „Schloß Bonn, Zimmer No. 37, Lfd. Nr. 18“, war auf jenem Überbleibsel zu lesen. „Ich wusste gar nicht, was mit einem Bonner Schloss gemeint war“, sagt sie rückblickend. Sie kontaktierte den möglichen Vorbesitzer: die Generalverwaltung des vormals regierenden preußischen Königshauses in Potsdam. Dort sei man sehr interessiert gewesen. „Man wusste sofort, dass es sich beim ‚Schloß Bonn‘ um die sogenannte Kronprinzenvilla an der heutigen Tempelstraße handelt, die in den 50ern für das Pförtnerhaus des Auswärtigen Amtes abgerissen wurde“, führt Kalinna aus.

Die 2010 verstorbene Kunsthistorikerin Olga Sonntag hat sich in ihrem Werk „Villen am Bonner Rheinufer“ ebenfalls mit dem 1871 errichteten Palais beschäftigt. Demnach war es von 1900 bis 1910 im Besitz des Kaiserhauses. „Wilhelm II. hat seine eigene Studienzeit in Bonn wohl so genossen, dass er das dem Kronprinzen und weiteren Söhnen auch ermöglichen wollte“, weiß die Erbin. Sozusagen mit im Gepäck für die Zeit am Rhein war jener Holzschrank. „1910 kam er zurück ins Berliner Schloss“, hat die Generalverwaltung der Godesbergerin mitgeteilt. Dem GA bestätigte Kurator Stefan Schimmel die Vorgänge kurz, ließ weitere Nachfragen aber leider unbeantwortet.

Wie aber kam der Schrank aus Berlin nach Lüneburg, wo ihr Vater Georg Kellermann lebte? Seine Tochter hat Hinweise in Akten ihres Vaters gefunden, der wegen seiner ersten Ehe mit einer Jüdin von den Nationalsozialisten zwangspensioniert worden war. „Er hat sich dann als freier Architekt durchgeschlagen und über einen befreundeten Baurat den Auftrag erhalten, das Celler Schloßtheater wiederherzustellen und Prunkräume neu einzurichten“, erzählt Kalinna. Dafür hatte Kellermann Kontakt zu einem Major L. Müldner von Mülnheim, der wohl  Zugriff auf Lagerbestände aus Schlössern der Hohenzollern hatte. Darunter auch Berlin. Das besagt eine Korrespondenz mit dem „Kabinettchef und Chef der Hofverwaltung Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen“, die Kalinna vorliegt.

Als die Wohnung des Vaters ausgebombt war, habe dieser auf Anraten des Celler Oberbürgermeisters für sich selbst beim Major um den Ankauf von Möbeln gebeten. „Erst wurde ihm das verwehrt, dann scheint es geklappt zu haben“, sagt Kalinna und zeigt auf Schrank und Stühle.

Mittlerweile allerdings hat die Generalverwaltung aus Potsdam alles abholen lassen und der Umbau ihrer Wohnung kann starten. Die einstige Besitzerin hofft, dass die Möbel, wie vom Kurator angedeutet, auf der Stammburg der Hohenzollern im schwäbischen Hechingen einen neuen Platz finden. Über eine Einladung dorthin als kleines Dankeschön würde sich die 70-Jährige freuen.