Das alte Bad Godesberg Die Jungs vom Knolleeveedel: Juppi Schaefer erinnert sich an seine Jugend

BAD GODESBERG · Kennen Sie noch den Wüsthoff? Mit dem Namen werden Bad Godesberger ebenso wenig etwas anfangen können wie mit dem Burschli. Für Juppi Schaefer haben die Namen dagegen Klang.

 Die Godesberger Bugstraße früher. Repro: Axel Vogel

Die Godesberger Bugstraße früher. Repro: Axel Vogel

Es sind Relikte einer vergangenen Zeit, mit denen das 65-jährige Godesberger Urgestein viele Ereignisse, Menschen und Geschichten aus Kindheitstagen verbindet. Doch von dem alten Ortskern, so wie Juppi Schaefer ihn kannte, ist nichts mehr geblieben - zum Bedauern des Filmemachers und Heimatforschers. Der wird nicht müde, in Büchern, Filmen und Diavorträgen mit alten Fotos, die von ihm und dem Fotografen Otto Schreiber stammen, an die alten Zeiten zu erinnern.

Bad Godesberg hatte etwas, was andere Städte nicht hatten. "Nach dem Zweiten Weltkrieg war hier nur ein Haus zerstört", sagt Schaefer, "der Kluthentreter an der Ecke Bahnhofstraße und Moltkestraße." Auch sein Elternhaus an der "verträumten Kirchstraße" war heil geblieben.

Dort verlebte der kleine Juppi als ein "echter Junge aus dem Knolleveedel" glückliche Kindheitstage. "Das Viertel zwischen Kirchstraße, oberer Burgstraße und Junkerstraße hieß so, weil dort viele Bauern wohnten, die dort auch Gemüse anbauten, und auf dem Marktplatz verkauften", vermutet Schaefer.

Mit der Kirchstraße, von der kein Haus mehr steht und die heute Pfarrer-Minartz-Straße heißt, verbindet Juppi Schaefer den Ausruf des Vaters: "Jüppchen, et Brunnenwasser ist all, jeh emal schnell neues holen." Dazu muss man wissen: Freitags war Brunnenwassertag.

Für den achtjährigen Juppi bedeutete das, sich die Tongefäße zu schnappen, die "schwer wie Blei" waren, und sich auf den Weg zum Brunnen an der Brunnenallee zu machen. Immer mit Karl Dieter, dem Sohn von Schuster Krollmann.

Der Weg führte vorbei an den Ruinen des Fronhofes. Just auf jenem Gelände, wo Juppi Schaefer zugeschüttete Keller ausbuddelte, legten die Stadtväter bald den Grundstein für die "städtebauliche Ursünde", wie er findet: Der Bau von Hertie 1967 habe mit der "Zerstörung der Godesburg" Anfang der 60er Jahre den Untergang des Stadtkerns eingeläutet.

Zur festen Route auf den jugendlichen Streifzügen gehörte die Villichgasse. "Eine der urigsten Straßen Bad Godesbergs", so Schaefer: "Ihrem Lauf konnte man kaum folgen, sie verlief verwinkelt durch die halbe Godesberger Altstadt." Besonderes Interesse rief bei dem Knaben damals der Wüsthoff hervor: "Ein Mini-Kaufhaus von zehn Quadratmetern Größe, wo man fast alles kaufen konnte." Ebenfalls lohnenswert: ein Abstecher zur Bahnhofstraße, wo das Geschäft Stamm & Ott seinen Sitz hatte.

Ein "seriöser Porzellan- und Tischbesteck-Laden", schreibt Schaefer, der nebenbei auch "Stilette, Schlagringe, Gummiknüppel, Totschläger, Pistolen, Revolver und Munition" verkaufte. "Es war immer sehr aufregend, die Waffen in der Auslage zu betrachten", weiß er noch.

Doch das "pralle Leben" spielte sich dort ab, wo heute nüchterner Beton regiert: Entlang der Burgstraße dominierten einst Gründerzeithäuser mit Geschäften. Dort zogen das Eiscafé Bedorf, der Tabakladen des Zigarre rauchenden Herrn Gerlach und Gaststätten wie die "Tonhalle", die Kneipe vom Wershovens Pitter, viel Leben an. Ebenfalls eine Attraktion: das Kino Burglichtspiele, im Volksmund nur Burschli genannt. Höhepunkt für die Pänz aus dem Knollenviertel war der "Kicker", die erste Spielhalle, eine Art "Jugendheim", so Schaefer: "Für eine Runde Kicker wurde die letzte Mark geopfert."

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Dass die alten Zeiten vorbei sind, machte Schaefer spätestens ein Besuch von Schwägerin Ingrid bewusst: Die 70-Jährige hatte in Bad Godesberg gelebt und kam stets gerne zu einer Stippvisite. Bis zu jenem August 2008: Bereits nach einer Nacht reiste Ingrid wieder ab - zu sehr vermisste sie ihr "altes Godesberg".