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Auf dem Präsentierteller: Die Kienbaums wohnen zurzeit notgedrungen im eigenen Café

Auf dem Präsentierteller : Die Kienbaums wohnen zurzeit notgedrungen im eigenen Café

Die Umzugskartons im Schaufenster sind Deko und Hinweis zugleich, und Passanten schauen nicht selten mehrmals hin: Da ist Leben im Café an der Muffendorfer Hauptstraße, obwohl das an diesem Tag eigentlich geschlossen ist. Familie Kienbaum lümmelt sich im Schlafanzug auf dem Sofa.

Die hausbreite und bodentiefe Fensterfront ohne Verdunklungsmöglichkeit und Sichtschutz erlaubt keine Privatsphäre. "Es ist ein bisschen wie Big Brother, aber man beguckt sich von beiden Seiten", sagen die Kienbaums schmunzelnd. Ihr ungewöhnlicher Umzug steckt ihnen nach 48 Stunden indes noch in den Knochen, und an ihr Interimszuhause müssen sie sich noch gewöhnen: Die zwei Erwachsenen und zwei Kinder wohnen jetzt in ihrem Café.

Erst war das "Wohnzimmercafé" nur ein Konzept, denn als zweites Wohnzimmer und Treffpunkt der Stadtteilbewohner haben sie das Café vor gut zwei Jahren eröffnet. Jetzt wird es notgedrungen vorübergehend zu ihrem ersten Wohnzimmer - und zu ihrer Küche und ihrem Büro gleichermaßen. "Aus unserem bisherigen Heim mussten wir raus, und unser neues Haus ist noch nicht fertig", erklärt das Paar. Da hatte Maja Kienbaum die Idee, "die Kultur zu leben, die wir selber ins Leben gerufen haben".

130 Umzugskisten und fast alle Möbel der Familie stehen in der Garage im Innenhof des Cafés. Aus ihrem Büro im Keller musste Storemanagerin Yvonne Döpker weichen. Den ganzen Raum nimmt dort jetzt eine riesige aufblasbare Matratze ein, auf der die Kienbaums mit dem zweieinhalbjährigen Sohn Götz schlafen. Nur das Kinderbett des 14 Monate alten Hannes hat daneben noch reingepasst.

Während sein Bruder im Kindergarten ist, erkundet der Kleine tagsüber eifrig jeden Winkel des neuen Territoriums. "Vor der Theke sollten wir vielleicht noch ein Gitter anbringen, damit er nicht am Kaffeeautomaten spielt", schlägt Maja Kienbaum ihrem Mann vor. Der Kassenschlüssel sei auch schon verschwunden. Aber sie sieht die neue Erfahrung als Abenteuer: "Situationen sind neutral. Das, was man daraus macht, ist entscheidend." Heiko Kienbaum hat am ersten Morgen im Café bereits die Gäste überrascht, "als ich mir im Pyjama und noch ganz verschlafen erst mal einen Kaffee an der Theke geholt habe und dann wieder im Keller verschwunden bin".

Das Büro des Unternehmers besteht jetzt aus nicht mehr als einem Laptop auf einem Biedermeiersofa im Gastraum. Von zu Hause eingeräumt haben sie dort bloß ein helles Ledersofa nebst Nachttischchen mit Lampe sowie ein Bild und Kinderspielzeug. Die Zahnputzbecher stehen im Café-WC, geduscht wird bei Nachbarn und bekocht werden die Kienbaums von Freunden. Manchmal winkt ein Passant, und viele Anwohner, die die Kienbaums und ihr "Café de Muffendorf" mögen, bieten ihnen "Asyl" an, wenn sie mal ein paar Stunden Ruhe suchen oder einen Rückzugsort zum Lesen oder Arbeiten.

Die Gastfreundschaft der Muffendorfer erfahren beide als "großartig", aber sie werden wohl doch noch einen Vorhang fürs Fenster kaufen und froh sein, wenn sie voraussichtlich Ende Februar in ihr Haus ziehen. Bis dahin haben die Mitarbeiter die Order, an den vier Tagen die Woche, an denen das Café öffnet, morgens die Croissants und abends die Kuchen möglichst leise zu backen.