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Bärbel Grebert beherrscht Scherenschnitt: Eine Virtuosin der spitzen Schere

Bärbel Grebert beherrscht Scherenschnitt : Eine Virtuosin der spitzen Schere

Es sieht so einfach aus. Flink geht die kleine, superspitze Schere in der Hand von Bärbel Grebert den Konturen eines leicht aufs Papier skizzierten Baumes nach. "Ach, hier lasse ich noch ein paar Blätter mehr sprießen, was meinen Sie?", fragt die 75-Jährige.

Und schon saust die Minischere in kunstvollen Kurven souverän übers Blatt. "An sich mache ich das frei. Ich zeige Ihnen hier nur die Technik", erläutert Grebert schmunzelnd. Der Scherenschnitt ist ihr Metier. "Dieses kunsthandwerkliche Verfahren ist zwar eine aussterbende Kunst", gibt Grebert zu.

Aber mit Hilfe des klassischen Silhouetten-Schneidens auf kontrastierendem Untergrund ließen sich doch die schönsten Effekte erzielen. Vor vielen Jahren habe sie im Kunstunterricht Feuer gefangen. Die Resultate hat Grebert schon in Ausstellungen, etwa in der jährlichen Schwarz-Weiß-Werkschau im Haus an der Redoute, gezeigt. Und sie hat, wie berichtet, 2009 ein Buch des Königswinterer Pfarrers Max Koranyi kongenial bebildert. Ihr Scherenschnitt wurde hier zum adäquaten Gestaltungsmittel.

"Eigentlich habe ich mir die Feinheiten alle selbst beigebracht", erläutert die Frau, die sich mit Ehemann Richard schon als Mit-Restauratorin der Statue des Johannes von Nepomuk am Plittersdorfer Rheinufer verdient gemacht hat. Auch dem großen alten Taufengel der Rüngsdorfer Erlöserkirche hat sie in ihrem Garten in zahllosen ehrenamtlichen Restauratorenstunden die Wehwehchen genommen (der GA berichtete).

Jedes Weihnachtsfest lockt die Schwemmholzkrippe der Greberts, die nur aus Treibholz vom Rheinufer gefertigt ist, in die Christuskirche. Bärbel Greberts ganze Leidenschaft sind aber diese kleinen kunsthandwerklichen Juwele, ihre zarten Scherenschnitte. Sie leben vom Spiel von Licht und Schatten, von der Interaktion von positiver und negativer Form, diese Papiergeschichten, die sie nach langer Schneideerfahrung aus einfachen Bögen zaubern kann. Kreativität und Sinn für den Effekt des Seitenverkehrten müsse man entwickeln, um Aussagen konzentrieren zu können, sagt sie fast beiläufig. Und die Fähigkeit, bei wenig Tiefe Bewegung aufs Papier zu bannen.

Aus Kisten und Kästen zieht Grebert nun Serien zauberhaft filigraner Tierszenen und federleichter Stillleben, die sie mit ruhiger Hand in das extra selbstklebende schwarz-weiße Papier gebannt hat. Drüben sieht man den Scherenschnitt der von ihr restaurierten Nepomuk-Statue und dort den Schnitt der früheren Georgskapelle, der Vorgängerin von St. Evergislus. Selbst kleinste Grabsteine vom Friedhof sind herausgearbeitet. "Das hier ist das Profil meines kleinen Neffen. So was war ja in der Goethe-Zeit unheimlich in Mode", berichtet Grebert. Die Autodidaktin hat bei der Friesdorfer Awo oder in der Gotenschule schon selbst Schnittkurse angeleitet. Interessant kann sie aus der Geschichte dieser oft verkannten Kunst erzählen. Und von den szenischen Möglichkeiten, die sich irgendwann dem Virtuosen der kleinen spitzen Schere eröffnen.

Schließlich holt Grebert noch einige "Delikatessen" aus der Schublade. Sie kann nämlich auch "in Karikatur". Gerade, was sie als Auswüchse in Gesellschaft, Kirche und Kultur empfindet, setzt sie nur allzu gerne in scharfzüngige Szenen um. Hier rollt sie den endlosen Faden des typisch "Kölschen Klüngels" auf. Dort amüsiert sich ein Engel auf seiner Wolke über den Disput der Kirchenfürsten, warum der Papst immer recht habe. Das Pfarrerlein fragt mit angesetztem Hörrohr flehentlich gen Himmel: "Was hast du gesagt?"

Ein durchgeknallter Dirigent, ein fröhlicher Albert Einstein auf dem Tretroller - der Mutter eines Sohnes gehen die Ideen nicht aus. "Man muss halt nur die Kurve kriegen", lacht Grebert spitzbübisch und setzt wieder das Scherchen an.

Der Scherenschnitt

Der Scherenschnitt ist ein ganz besonderes Verfahren im Bereich des Kunsthandwerks. Man bezeichnet diese ursprünglich aus dem nördlichen China stammende Technik auch als Psaligraphie. Dabei werden sowohl das Verfahren als solches als auch das hinterher erhaltene Ergebnis als Scherenschnitt bezeichnet. Der Scherenschnitt ist eine der ältesten Volkskünste Chinas. Nach der Jahrhundertwende hatte er zunächst an Bedeutung verloren, da Glas das Fensterpapier, an das man Scherenschnitte zu kleben pflegte, ersetzte. Jede Provinz hatte ihren bestimmten Stil und ihre spezifische Farbgebung. In Deutschland war der Scherenschnitt beliebt in der Kultur der Goethezeit und des 19. Jahrhunderts. Bekannte Vertreter der Moderne sind die Scherenschnitt- und Papier-Künstlerin Brigitte Prommegger-Weilguni und der Schweizer Papierschneider Adam Dario Keel.