Ex-Ministeriumssprecher Klaus Vater Familiengeheimnis inspirierte Mehlemer zu einem Roman

Bad Godesberg · Der frühere Ministeriumssprecher Klaus Vater aus Mehlem erfuhr erst sehr spät, dass seine Urgroßmutter zur von den Nazis verfolgten Volksgruppe der Jenischen gehörte. Dieses gelüftete Familiengeheimnis inspirierte ihn zu seinem neuen Roman.

Der Mehlemer Klaus Vater hat das Buch §Kleine Furcht§ über Personen aus "jenischen Familien" geschrieben. Dazu gehörte auch seine Urgroßmutter Getrud Lott.

Der Mehlemer Klaus Vater hat das Buch §Kleine Furcht§ über Personen aus "jenischen Familien" geschrieben. Dazu gehörte auch seine Urgroßmutter Getrud Lott.

Foto: Axel Vogel

47 Jahre lang hat Theo Kreitz aufopferungsvoll für einen Godesberger Verband gearbeitet. Und dann schleudert ihm ein junger Kollege am Rande des Abschiedsessens ein gehässiges „dreckiger Zigeuner“ entgegen. Und dass im Verband jeder Bescheid wisse, dass Kreitz eigentlich längst hätte rausgeschmissen werden müssen. Bald werden Theo Kreitz in der Straßenbahn ein paar Kerle mit der Drohung zusammenschlagen: „Wir kriegen Zigeuner wie dich.“ Doch er wird von sich aus nicht die Polizei rufen. Die Hauptfigur in Klaus Vaters neustem Roman „Kleine Furcht“ wehrt sich anfangs nicht gegen Hetze und Gewalt. In seinem fiebrigen Kopf läuft nur noch sein eigener Lebensfilm ab. Und der führt ihn zurück zu den Beleidigungen, die er schon als Dorfjunge in der Voreifel hatte einstecken müssen – und die er nie verarbeitet hat.

Die Romanfigur gehöre nicht zu den Sinti und Roma, sondern zu einer anderen, aber über Jahrhunderte ebenso ausgegrenzten und von den Nazis verfolgten Volksgruppe, den Jenischen, früheren Landfahrern, erklärte der Buchautor kürzlich bei seiner Lesung für die Reihe „Bob & Manu“, also Bonner Bücher und Manuskripte des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Viele Nachfahren dieser Jenischen outeten sich wie die Romanfigur trotz eigener Sprache und Kultur möglichst nicht, ergänzte Vater im Trinkpavillon vor einem verdutzten Publikum. Fußballstars wie Rafael van der Vaart und Antoine Griezmann seien Ausnahmen.

Und dann bekannte Klaus Vater, der einst Sprecher von Bundesministerien und unter der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel auch stellvertretender Regierungssprecher war, dass er selbst eine jenische Urgroßmutter hatte. Die habe er erst „sehr spät und rein zufällig“ entdeckt. „Ich war verblüfft, danach neugierig“, berichtete Vater im GA-Interview. „Denn über Abstammung oder damit Zusammenhängendes wurde während meiner Kindheit nach 1945 nicht geredet.“ Er habe aus Erzählungen der Eltern erfahren, dass sie aus Stotzheim bei Euskirchen stammte. „Aber mehr? Interesse an Herkunft, Abstammung ist ein Kind der Jetztzeit.“ Dafür habe er „Werthaltiges“ über diese Urgroßmutter gehört: dass sie das Geld zusammenhalten konnte, fürsorglich war und die Ur-Urgroßeltern pflegte.

Kriegszeit hing als dunkle Wolke über Familien

Der Krieg mit allem, was damit zusammenhing, habe nach 1945 wie eine dunkle Wolke über Familien gehangen, erläuterte Vater. Gespräche hätten sich möglichst nur um Alltagsdinge gedreht. „Es war schlicht eine völlig andere Zeit.“ Er selbst streckte aber, seitdem er von der Urgroßmutter erfuhr, seine Fühler Richtung Jenische aus. „Ich arbeite in deren Zentralrat mit, weil ich, obwohl kein richtiger, vollwertiger Jenischer, unter den heute aktiv an ihrer Sache arbeitenden Jenischen Freunde gefunden habe. Gute Freunde.“ Und weil diese Volksgruppe auf Achtung, Teilhabe und Beachtung ihrer Kultur poche. „Sie wollen als eigenständige Gruppe anerkannt werden wie die Sorben, die Friesen, wie Sinti und Roma.“

Klaus Vaters Urgroßmutter Getrud Lott kam aus einer "jenischen Familie". Das Foto von ihr stammt circa von 1870.

Klaus Vaters Urgroßmutter Getrud Lott kam aus einer "jenischen Familie". Das Foto von ihr stammt circa von 1870.

Foto: Axel Vogel

Nach dem Roman über den als „Zigeuner“ gewaltsam angegangenen Godesberger arbeite er nun an einer Reihe von anderen jenischen Biografien. „Denn sie sind seit Jahrhunderten vergessener Teil unserer deutschen Geschichte. Die Mehrheitsgesellschaft schuldet den Jenischen einiges“, sagte Klaus Vater.

Im Handel erhältlich: Klaus Vater, Kleine Furcht, Kid Verlag 2023, 16 Euro.

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