1. Bonn
  2. Bad Godesberg

GA-Serie "Bonner Köpfe" - Bestatter Wilhelm Becker aus Bad Godesberg

GA-Serie Bonner Köpfe : Wilhelm Becker begleitet Menschen auf dem letzten Weg

Der Godesberger Wilhelm Becker ist als Bestatter seit Jahrzehnten mit Abschieden beschäftigt. Seine Arbeit umfasst aber weit mehr als das Begräbnis eines Menschen. Der 55-Jährige sieht sich als ganzheitlicher Begleiter - und er wirbt für mehr Auseinandersetzung mit dem Tod.

Der Tod gehört zum Leben – kaum ein Berufsstand dürfte näher an dieser nüchternen bis schmerzlichen Erkenntnis agieren als der des Bestatters. Wilhelm Becker kennt diesen Spruch, und er kennt noch einige andere. Für ihn sind es keine Phrasen, sondern vielmehr essenzielle Wahrheiten, die es zu akzeptieren gelte, noch besser: zu denen man offen umgehen sollte. „Viele von uns sperren den Tod aus, bis er dann plötzlich auftaucht“, sagt Becker, Jahrgang 1966. „Ich glaube, es tut gut, sich ein wenig mehr mit damit zu beschäftigen“. Seit mehr als 125 Jahren führt seine Familie ein Bestattungshaus in Lannesdorf, immer wurden die Geschicke an die nächste Generation weitergegeben.

Menschen unter die Erde bringen: mit dieser ebenfalls nüchternen Umschreibung ist der Beruf, in den Augen und Aussagen Beckers eher eine Berufung, nur unzureichend beschrieben. „Wenn man diese Tätigkeit mit allen Facetten ausübt, ist man ein ganzheitlicher Begleiter“. So beginnt die Arbeit im Auftrag von Angehörigen nicht etwa mit dem Begräbnis selbst, oft beginnt diese Begleitung, sowohl des Verstorbenen als auch der Verwandten oder Freunde, etwa mit dem Abtransport eines Leichnams. „Wo es eben passiert: Daheim oder im Krankenhaus, in einem Pflegeheim oder von einem Unfallort“, zählt Becker alltägliche Szenarien auf. Was folgt, sei die Arbeit hinter den Kulissen.

Firmensitz schon immer in Lannesdorf

Die Verstorbenen, die man ihm und seinen Mitarbeitenden anvertraut, werden seit Bestehen des Unternehmens in die selbe Straße in Lannesdorf überführt. „Hier ist der Ursprung, seit 1888 ist das Bestattungsunternehmen urkundlich erfasst“, sagt der 55-Jährige. Bereits zuvor sei die Familie allerdings im Bestattungswesen tätig gewesen. Nur eben eher nebenbei, würde man heute wohl sagen.

Becker erklärt eine Besonderheit des Berufs, die aus heutiger Sicht wie aus einem anderen Zeitalter zu stammen scheinen. „Im Rheinland war es früher üblich, dass derjenige, der den Sarg baut, auch für die Bestattung sorgt.“ Heute gebe es das nur noch selten, mit dem Bestattungswesen heutiger Prägung sei ein eigenständiges Gewerbe sei entstanden. Becker selbst hat in jungen Jahren den Weg durch sämtliche „beteiligten“ Bereiche genommen: „Neben der Bestatter-Ausbildung habe ich eine handwerkliche und eine kaufmännische Lehre absolviert.“

Seit dem 14. Lebensjahr im Unternehmen beschäftigt

Die Frage nach dem „Warum“ seiner Berufswahl hat er vor allem in jungen Jahren öfter gehört. „Da war aber nie so etwas wie Abscheu oder Ablehnung zu spüren, eher Neugierde.“ Die Nachfolge einer Familientradition anzutreten, ist in Berufen wie Konditor oder Heizungsbauer gesellschaftlich womöglich einfacher nachzuvollziehen. „Für mich stand früh fest, dass ich den Weg weitergehen werde“, blickt Becker zurück. „Seit meinem 14. Lebensjahr habe ich meinem Vater im Betrieb geholfen. Von Anfang an habe ich vieles von dem getan, was später zum Beruf gehört.“ Ob eines seiner Kinder besagten Weg weiter geht, weiß er noch nicht: „Sie sind in der Orientierungsphase.“

Die Präsenz des Todes, das Berühren von Leichen – für den Jugendlichen Becker bereits früh berufliche Routine. „Selbst, wenn jemand darüber heute die Nase rümpft oder den Gedanken daran unmöglich findet, wird er beim zweiten Nachdenken zugeben müssen, dass der Beruf relevant für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist.“ Was andere für ein morbides Szenario halten mögen, ist für den eingefleischten Godesberger eine angenehme Kindheitserinnerung: „Ich spielte damals im Mausoleum von Carstanjen, als es halb vergessen da stand neben dem Plittersdorfer Friedhof“. Das ist lange her, der Ort ist heutzutage eine beliebte Stätte für Urnenbestattungen, verantwortet von der Bürgerstiftung Rheinviertel.

Engagiert im Namen des Berufsstandes

Der Job bringt es mit sich, dass die Bonner Ortskenntnisse geschärft sind – in einer Stadt mit 40 Friedhöfen kommt der Bestatter seit jeher viel herum. Der Friedhof im Schatten der Kirche St. Evergislus ist für Becker ein besonderer Ort. „Ich kenne kein Gräberfeld, das so nah an einem großen Strom liegt“, sagt Becker und schaut über die hüfthohe Mauer in Richtung Rhein. Wer mit Becker spricht, bekommt das eine oder andere bildhafte Gleichnis zu hören. Weniger religiös, vielmehr philosophisch geprägt sind seine Aussagen, wenn es um Leben und Tod geht. So auch an dieser Stelle. „Der Fluss des Lebens reißt nicht ab“, sagt der Mann, den kaum jemand in Bonn je ohne weißes Hemd und schwarzen Anzug kennen dürfte.

Über die Alltagsarbeit hinaus engagiert sich Becker auch im Namen seines Berufsstandes. In der jüngsten Vergangenheit saß er am Bonner „Runden Tisch Friedhof“. Den Wandel in der Bestattungskultur, der sich auf nahezu sämtlichen Ruhestätten ablesen lässt, kann er mit Zahlen belegen: „Drei von vier Begräbnissen sind heute Urnenbestattungen, vor etwa zwanzig Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt zugunsten von Erdbestattungen.“ Was sich nicht ändert, sind die Umstände, sagt Becker: Ein Mensch ist gegangen, und meist trauern andere um ihn.“ An dieser Stelle erwähnt Becker einen Reiz des Berufs: „Es passiert jeden Tag etwas Neues. So groß die Herausforderung und die Unwägbarkeiten, so gut ist das Gefühl, wenn man den Hinterbliebenen den Abschied erleichtern kann.“

Was tut ein Bestatter, wenn Menschen aus seinem engsten Kreis gehen? „Ich erweise ihnen meinen Dienst“, sagt Wilhelm Becker und meint damit, dass er immer wieder auch Verwandte und Freunde so begleitet, wie er es für seine reguläre Kundschaft tut. „Für mich ist dies die beste Form, mit der unmittelbaren Trauer umzugehen.“