Bernhard Schlink im Gespräch „Kräftig auszuteilen macht noch keine Debatte“

BONN · Schriftsteller Bernhard Schlink über sein Buch „Die Enkelin“, die innere Einheit, das moralische Überlegenheitsgefühl der westdeutschen Linken und seinen Optimismus mit Blick auf die Jugend

 Der Autor Bernhard Schlink kommt für eine Lesung in die Bad Godesberger Redoute.

Der Autor Bernhard Schlink kommt für eine Lesung in die Bad Godesberger Redoute.

Foto: dpa/Henning Kaiser

Ein älterer Herr, der nach dem Tod der geliebten Ehefrau deren lang gehütetes Geheimnis entdeckt: Noch bevor mit seiner Hilfe in den Westen flüchtete, hatte sie in der DDR eine kleine Tochter zur Welt gebracht und zur Adoption freigegeben. Kaspar, so der Namen des Mannes, macht sich auf die Suche nach dem Mädchen und findet es in einem Milieu völkischer Siedler auf dem Land im Osten der Republik. Kaspar nimmt sich des Mädchens an und gewinnt ihr Vertrauen. Darum geht es in Bernhard Schlinks jüngstem Roman „Die Enkelin“. Zu den Hintergründen, historischen und aktuellen Bezügen befragte Rüdiger Franz den Autor, der am Donnerstag, 24.März, auf Einladung Bad Godesberger Parkbuchhandlung in der Redoute aus seinem Buch liest.

Obwohl er nicht der leibliche Großvater Sigruns ist, handelt Kaspar mit geradezu aufopferungsvollem pädagogischem Impetus. Welche Motivation treibt ihn über das Vermächtnis seiner verstorbenen Frau hinaus an?

Bernhard Schlink: Kaspar findet den Unterschied zwischen leiblicher und Stiefgroßelternschaft nicht so wichtig wie Sie. Er schließt Sigrun ins Herz.

Kaspar scheint (zunächst) vergleichsweise leichtes Spiel zu haben, indem er Sigrun mit weltläufiger Kultur „überdosiert“. Ist dieses Jugendbild nicht allzu idealistisch. Oder, anders gefragt: Hätte er heute in der Wirklichkeit nicht mit TikTok, McDonalds und Playstation mehr Erfolg?

Schlink: Wie gering Sie von jungen Menschen denken! Sigrun begegnet der Musik, entdeckt ihre Begabung, ihre Leidenschaft fürs Klavierspielen und erschließt sich damit eine neue Welt. Das gibt’s, denken Sie an die vielen Jugendlichen, die Instrumente spielen, für sich, mit anderen, in Orchestern. Kaspar kann Sigrun die Begegnung mit der Musik nicht verschreiben und dosieren, er kann sie ihr nur eröffnen.

Auch die Nazis haben bekanntlich (deutsche) Kultur hochgeschätzt. Ist die Kulturferne der Sigrun und ihres Milieus vor diesem Hintergrund nicht überzeichnet?

Schlink: Wenn sogar für Sie TikTok, McDonalds und Playstation besser zur heutigen Wirklichkeit passen als die Kultur der Welt – was erwarten Sie von einem völkischen dörflichen Milieu?

Zu den autobiographischen Bezügen des Buches: Warum haben Sie sich so lange Zeit gelassen, diese doch sehr eindrücklichen Erlebnisse schriftstellerisch zu verarbeiten?

Schlink: Erinnerungen melden sich, wenn sie sich melden.

„Der Westen als der Stärkere hat dem Osten das Zusammenwachsen schwergemacht“

Das Buch spiegelt Kalten Krieg, Wendezeit und die heutige Kluft innerhalb Deutschlands. Inwieweit halten Sie auch der „Arroganz des Westens“ den Spiegel vor?

Schlink: Ich habe das Buch nicht geschrieben, um dem Westen einen Spiegel vorzuhalten. Aber über Ost- und Westdeutschland, Ost- und Westdeutsche lässt sich nicht schreiben, ohne davon zu handeln, wie der Westen, der Stärkere, dem Osten, dem Schwächeren, das Zusammenwachsen schwergemacht hat. 

Ist die deutsche Wiedervereinigung Ihrer Ansicht nach vollendet?

Schlink: Nein. Ich habe keinen Zweifel, dass sie schließlich gelingen wird. Aber sie dauert länger, als      wir 1990 erwartet haben.

Inwiefern wirkt die einseitige Vereinnahmung des Ostens durch den Westen nach, beispielsweise in der Aversion gegenüber Obrigkeiten und Meinungskorridoren?

Schlink: Sie wirkt in vielem nach – in einem anderen Verhältnis zu Politik, veröffentlichter Meinung, kulturellen Trends und in einem Ressentiment gegenüber allem, was als westliche Belehrung wahrgenommen wird.

„In der DDR gab es andere Verwerfungen als im Westen“

Welche Rolle spielte der Umstand, dass „1968“ in der DDR nicht stattgefunden hat?

Schlink: Wie hätte „1968“ in der DDR stattfinden sollen? Die Voraussetzungen, unter denen „1968“ in der Bundesrepublik stattfand, gab es in der DDR nicht. Dafür gab es andere Verwerfungen, besonders in den späten Ulbricht- und frühen Honeckerjahren, die auf ihre Weise generationenprägend waren.

Wie erklären Sie es sich, dass ausgerechnet die westdeutsche Linke – etwa in Corona-Debatte, aber auch im Umgang mit Mindermeinungen – zumeist auf der Seite des „starken Staates“ steht?

Schlink: Sehen Sie das so? Ich sehe die westdeutsche Linke einschließlich der Grünen weniger auf den starken Staat als auf ihren Anspruch moralischer Überlegenheit setzen.

Ihre Prognose: Wird sich die oftmals überhitzte Debattenkultur in Deutschland eher noch verschärfen oder wieder normalisieren?

Schlink: Ich finde nicht, dass es bei uns zu hitzige Debatten gibt. Es gibt eher zu wenige Debatten. Zwar wird kräftig ausgeteilt, aber das macht noch keine Debatte.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Gregor Mayntz, Berlin,

zu den Gipfeltreffen
Der Westen formiert sich neu
Kommentar zu EU, G7 und NatoDer Westen formiert sich neu
Enorme Symbolkraft
Kommentar zum Ukraine-Krieg Enorme Symbolkraft
Aus dem Ressort