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Einblicke in den Alltag : Godesberger Seniorenheime sind von Normalität weit entfernt

Einblicke in den Alltag : Godesberger Seniorenheime sind von Normalität weit entfernt

Fünf Wochen nach der plötzlichen Öffnung für Besucher geben Leiter von Godesberger Seniorenheimen einen Einblick in den Alltag der Einrichtungen. Fazit: Von Normalität sind die Häuser weit entfernt.

Von Normalität sind Seniorenheime aktuell weit entfernt. Fünf Wochen nach Aufhebung des Besuchsverbots lässt sich in Godesberger Einrichtungen eher von gut gelebter Routine sprechen. „Viele Angehörige haben nun verstanden, dass alle ein Recht auf Besuch haben“, sagte Blanca Krüger, stellvertretende Leiterin der Seniorenresidenz Rheinallee, auf Anfrage. Ihnen stehen maximal 30 Minuten Besuchszeit zur Verfügung, nach jedem Gast muss der Raum desinfiziert werden.

Gut die Hälfte der 69 Bewohner leide an Demenz. Gerade für diese sei die soziale Komponente wichtig, zugleich aber auch der Infektionsschutz, weshalb Krüger von einem „zweischneidigen Schwert“ spricht. So versuchen die 70 Mitarbeiter, die ausfallenden Kulturangebote von extern mit eigenen Aktionen, wie einem Arabischen Nachmittag, zu ersetzen. Natürlich auf Abstand. „Für die Pfleger ist die Situation auch nicht einfach, schon alleine, ständig mit Mundschutz und Handschuhen herumzulaufen“, sagte Krüger.

Gleich zwei Einrichtungen verantwortet Detlef Spötter mit den Evangelischen Altenzentren Haus am Redoutenpark und Haus auf dem Heiderhof. Als „politisches Geschenk zum Muttertag, aber echte Zumutung wegen der Kurzfristigkeit der Umsetzung“ bewertet er auch jetzt noch die Situation kurz vor dem 10. Mai. „Trotzdem lohnt natürlich der Mehraufwand, denn Isolation ist auf lange Sicht nicht zuträglich“, meinte Spötter. 134 Bewohner und 50 Mitarbeiter gilt es, seitdem noch besser als sonst zu briefen. „Das meiste Personal wird beinahe durch die von uns eingesetzte Hygienekommission gebunden“, führte er aus.

Das Besuchskonzept sieht eine telefonische Anmeldung vor. Am Redoutenpark können maximal zwei Verwandte mit dem Bewohner für eine Stunde in einem Büro des vorgelagerten Hauses zusammenkommen; auf dem Heiderhof muss es ein Zelt richten. Wer kommt, wird vorher auf Covid-19-Symptome gescreent. „Besuche am Fenster ermöglichen wir aber ebenso wie Spaziergänge mit den Angehörigen“, betonte er. Mit nach Hause dürften die Senioren aber wegen der Nachverfolgbarkeit der Kontakte nicht. Auch viele andere Heime bieten zusätzlich zu den Besuchen vor Ort Spaziertermine an.

Davon, Bewohner und Mitarbeiter dauernd durchzutesten, hält Spötter nichts: „Das gibt maximal für einen Tag Sicherheit.“ Stattdessen wünschte er sich mehr Mut zu Lockerungen: „Wenn wir geringe Fallzahlen in Bonn und dem Kreis haben, dann sollten wir auch den Blick auf die Senioren richten.“ Die Erlaubnis zur Öffnung der Tagespflege in dieser Woche sei ein erster Schritt. Einen langen Weg prophezeite Matthias Walbröl, Geschäftsführer des DRK-Seniorenhaus Steinbach in Mehlem: „Ein völlig normaler Alltag, wie vor der Pandemie, kann erst erfolgen, wenn es einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt.“

Wie alle Befragten lobte er die gute Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt der Stadt. Vom Land dagegen erhoffe er sich konkretere Hinweise und Vorgaben für den Alltag: „Die Coronaschutzverordnung regelt die Belange für die Pflegeeinrichtungen nur sehr oberflächlich.“ Die Anzahl der Besuchstermine hat Walbröl der Nachfrage angepasst: „In der Regel finden wöchentlich 60 bis 70 Besuche á 30 Minuten statt, die alle umfänglich begleitet werden.“ 78 Bewohner und 84 Mitarbeiter gibt es. Glück im Unglück hat der Geschäftsführer, da im Februar der Wintergarten fertig wurde. Statt Gruppenraum dient er nun dank ausgetüfteltem System als Treffpunkt für Verwandte. Alle hätten viel Verständnis: „Aber mit zunehmender Öffnung draußen nehmen auch die Fragen der Bewohner und Angehörigen nach dem ‚Warum?’ zu.“

Einen hohen Beratungsbedarf der Träger hat die Stadt Bonn festgestellt, wie Kristina Buchmiller vom Presseamt auf Anfrage mitteilte. Meist sei es um Fragen der Umsetzung von Verordnungen gegangen. „Beschwerden von Angehörigen, es gäbe die konzeptionell geregelten Besuchsmöglichkeiten nicht, haben die WTG-Behörde (früher Heimaufsicht) nicht erreicht“, sagte Buchmiller. Auf größere Kritik sei gestoßen, dass einige Einrichtungen Besuche nur im Außenbereich ermöglichten. Die Anstrengungen aller scheinen sich auszuzahlen: „Seit Muttertag sind keine neuen positiven Fälle aus Bonner Senioreneinrichtungen bekannt geworden“, so Buchmiller.