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Neuer leitender Pfarrer für Seelsorgebereich Bad Godesberg: „Heimat ist da, wo man ist“

Neuer leitender Pfarrer für Seelsorgebereich Bad Godesberg : „Heimat ist da, wo man ist“

Vor seiner Einführung als neuer leitender Pfarrer in Bad Godesberg spricht Pater Gianluca Carlin über Werdegang, Glaube und Prinzipien. Die Entscheidung, Priester zu werden, stand für den 52-Jährigen früh fest.

Wer fernab der Heimat lebt, saugt automatisch viele neue Gewohnheiten auf. Doch auch nach 27 Jahren in deutschen Gefilden hält Pater Gianluca Carlin an einem italienischen Ritual fest: Cappuccino gibt’s nur nach dem Frühstück, nach dem Mittagessen dagegen Espresso. Ansonsten aber präsentiert sich der neue leitende Pfarrer für den Seelsorgebereich Bad Godesberg flexibel. Nicht nur, was einen Pressetermin fürs Gespräch vor dem offiziellen Amtsantritt am 1. März angeht. Im Handumdrehen wird die gesendete E-Mail beantwortet.

Um zu ergründen, wie „der Neue“ denkt, muss man ein wenig zurückgehen in seiner Lebensgeschichte. In der Familie spielte die Religion eine wichtige Rolle. „Beeindruckt haben mich stets meine Großeltern, sehr einfache Leute, aber mit viel Weisheit und einem großen Glauben ausgestattet“, erzählt der 52-Jährige im Pfarrzentrum von St. Marien – natürlich auf Abstand. Auf dem Gymnasium lernte er dann die konservative, geistliche Bewegung „Comunione e Liberazione“ (Gemeinschaft und Befreiung) kennen. Spätestens da war es um ihn geschehen, der Wunsch, „Begleiter der Menschen“ und damit Priester zu werden, stand fest.

Der Neue hat zwei Doktortitel

Nicht zur Freude seiner Eltern, wie er ehrlich durchblicken lässt. Zunächst allerdings studierte er in Triest Italienisch, Latein und Philosophie auf Lehramt, erst später in Rom Theologie. Ein erstes Aufhorchen: Philosophie, die doch manches infrage stellt? „Nein, ich denke, man kann auch mit Vernunft dem Glauben begegnen“, sagt Carlin dazu. So lieferte er denn sowohl in Theologie („Die Ekklesiologie von Carlo Passaglia“) wie Philosophie („Philosophische Interpretationen der Quantentheorie von Werner Heisenberg“) Doktorarbeiten ab.

Sein Traum war, nach dem Studium 1994 als Missionar nach Lateinamerika zu gehen. „Mein erster Einsatz war dann aber Emmendingen bei Freiburg“, sagt er mit einem Schmunzeln im Gesicht. Dort eröffnete die Priestergemeinschaft der Missionare des Heiligen Karl Borromäus, der er sich angeschlossen hatte, eine Niederlassung. Er sei aber schnell angekommen, fügt der Priester hinzu und sagt auch mit Blick auf seinen Wechsel nach Bad Godesberg: „Heimat, ist da wo man ist.“ Eben, weil man jederzeit einen Ruf woandershin erhalten könne.

So wie 2009, als die Bruderschaft, die zur größeren kirchlichen Bewegung „Gemeinschaft und Befreiung“ gehört, eine Niederlassung in Köln aufbauen sollte. Wie berichtet, war er bis jetzt Schulseelsorger am St.-Ursula-Gymnasium in Brühl. Nach einem Unfall auf einer Schulwallfahrt, bei dem eine Begleiterin starb und er schwer verletzt wurde, kann er die Jugendarbeit mit vielen Fahrten und Angeboten physisch nicht mehr im gleichen Maße wie vorher leisten.

Vorsitz über die Bürgerstiftung Rheinviertel

Weshalb er einerseits „schweren Herzens gehe“, andererseits sehr erfreut sei, dass die Kinder- und Jugendarbeit in Burg-, Süd- und Rheinviertel große Priorität besitze. „Wenn wir als Kirche eine Zukunft haben wollen, muss das so sein“, betont der Geistliche hierzu. Dass man das in Godesberg erkannt habe, sehe man an den vielen Kindertagesstätten in katholischer Trägerschaft.

Hat er Respekt vor dem, was ab dem 1. März vor ihm liegt? Immerhin ist sein neuer Seelsorgebereich mit 26 000 Katholiken der größte im Erzbistum Köln. Zudem übernimmt er den Vorsitz über die Bürgerstiftung Rheinviertel. Ja, er habe Respekt vor diesen Aufgaben, gibt er unumwunden zu. Aber zum einen habe er in Emmendingen Erfahrungen als leitender Pfarrer von 16 000 Christen gesammelt, zum anderen treffe er auf viele Engagierte. Und schließlich komme er nicht alleine. „Der Austausch mit der Bruderschaft ist wichtig für mich, das sind Menschen, die mich tragen“, erklärt der 52-Jährige. Derzeit lebten sie zu fünft in Köln, wie viele und in welches Haus sie ihm im September folgten, sei noch unklar. „Klar ist aber, dass die Kölner Niederlassung geschlossen wird.“

Ökumene will er nicht als Projekt sehen

Das Thema Ökumene war für ihn als Italiener in Deutschland neu. „Es ist für mich schwierig, wenn Ökumene zum Projekt wird“, sagt er auf die Frage, was denn die Protestanten im Stadtbezirk künftig erwarten dürfen. Er habe jedoch keine Berührungsängste und setze auf die persönliche Begegnung mit seinen evangelischen Kollegen. „Wenn wir uns als Christen begegnen, kann alles andere eine Folge werden“, lässt er Raum für ein Miteinander, fernab der Diskussion um das gemeinsame Abendmahl.

Er stehe als Katholik nicht nur aus Solidaritätsgründen hinter dem, was die katholische Kirche vertrete. „Aber als Priester gebe ich nicht nur die Lehre wieder, sondern begegne dem Menschen, wie er ist, egal ob er homosexuell oder geschieden ist“, meint der Seelsorger explizit auf diese Gruppen angesprochen. Es sei seine Aufgabe, Ratsuchenden eine Perspektive zu eröffnen – für sich selbst und den eigenen Glauben.

Die Bad Godesberger dürfen also gespannt sein auf Carlins Arbeit. Zu der er übrigens, wenn es möglich ist, mit dem Rad anreisen will.