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Familien-Intensiv-Trainings-Zentrale auf dem Heiderhof: Hilfe für Eltern, die an Grenzen stoßen

Familien-Intensiv-Trainings-Zentrale auf dem Heiderhof : Hilfe für Eltern, die an Grenzen stoßen

Wenn Mutter und Vater noch sehr jung und unsicher sind, wenn sie nicht mehr ein noch aus wissen, dann brauchen sie häufig Hilfe. Die Familien-Intensiv-Trainings-Zentrale, kurz Fit, ist solch eine Einrichtung. Sie ist jetzt ins Pfarrhaus der Johannes-Gemeinde eingezogen.

Wenn Teenager Eltern werden, geraten sie oft an ihre Grenzen. Zumal wenn keine Familien da sind, die sie auffangen. Wie bei dem jungen Paar, das seit ein paar Wochen in der neuen Fit-Zentrale (Familien-Intensiv-Training) der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim ein- und ausgeht.

Die 18-jährige Mutter ist zum zweiten Mal schwanger. Fit-Mitarbeiter beraten sie. „Wir bieten Jugendlichen und jungen Familien eine intensive Begleitung auf ihrem Weg, selbstständig zu werden“, sagt Teamleiterin Susanne Trebesius.

Mit ihren acht Kollegen, bestehend aus Erziehern, Sozialpädagogen und einer Hebamme, hat die 48-Jährige im Herbst das Parterre des ehemaligen Heiderhofer Pfarrhauses der evangelischen Immanuelkirche bezogen: mit Büros, Küche und Gemeinschaftsräumen. Die anschließende Wohnung wird demnächst von Fit-Jugendlichen bezogen. Oben im ersten Stock betreibt seit Herbst derselbe Träger, die Axenfeld-Gesellschaft, betreutes Wohnen für Behinderte.

Auch den ersten Stock des Immanuelkirche-Pfarrhauses hat die Gemeinde an die Axenfeld-Gesellschaft vermietet. Hier betreibt sie neben der Jugendhilfe Godesheim die Intra GmbH, ein betreutes Wohnen für Menschen mit Beeinträchtigungen – ein weiteres Tochterunternehmen. Behinderte leben dort in fünf Einheiten. Teamleiterin ist Andrea Reis.

14 Wohnungen gehören zum Projekt

Seit dem Jahr 2000 bietet Fit jungen Müttern oder Eltern, die allein an ihre Grenzen stoßen, einen neuen Anfang. „Sie können sich bei uns bewähren, damit es nicht dazu kommt, dass Kinder aus der Familie genommen werden müssen“, erläutert Godesheim-Sprecherin Kerstin Rüttgerodt. Bei gefährdeten Familien gebe es häufig schwierige, bisweilen schädliche Einflüsse in ihrer Wohnumgebung.

„Der bewusste Neuanfang in einem anderen Stadtteil hilft ihnen, sich besser abzugrenzen und neu zu orientieren“, so Rüttgerodt. Trebesius, selbst Lehrerin und Erzieherin, und ihre Mitarbeiterin Sibylle Graf nicken. 14 Wohnungen gehören zum Projekt, die meisten verstreut auf dem Heiderhof. Jugendliche seien meist zu Dritt untergebracht. Seit letztem Jahr sind auch junge Flüchtlinge dabei.

„Alle bringen einen schweren Lebensrucksack mit sozialen und psychischen Problemen mit“, erzählt Trebesius: materielle Not, Arbeitslosigkeit, Suchtprobleme, Verschuldung, Gewalterfahrung im Bürgerkrieg oder psychosomatische Erkrankungen. In stark belasteten Lebensverhältnissen würden die Grundbedürfnisse der Kinder nach Ernährung, Schutz und Sicherheit oft vernachlässigt, woraus Entwicklungsdefizite resultierten. „Viele sind total perspektivlos. Da versuchen wir, ein verändertes Verhalten zu bewirken“ – und zwar durch Übung, Anleitung und Vorbild.

Fit-Zentrum als kleiner Treffpunkt

Am Mittwochmorgen habe sie im Gespräch mit einigen Jugendlichen auch mal auf den Tisch hauen müssen: „Sie wollen selbstständig werden. Da müssen sie auch Regeln einhalten.“ Die Jugendlichen hätten ihre Fehler sofort begriffen, fügt sie lächelnd hinzu. Während des Gesprächs klopft von außen ein junger Vater mit Kind grüßend ans Fenster: Diese junge Familie habe es geschafft, ohne Hilfe zurechtzukommen und lebe selbstständig in der Nachbarschaft, freut sich Trebesius.

Wenn der Frühling komme, wolle man auch den Gemeindegarten nutzen und die Fäden, die schon in Kindergärten, Schule und Gemeinde geknüpft seien, festigen. Vermieter Pfarrer Gruzlak stimmt zu. Mit dem Fit-Zentrum sei ein kleiner Treffpunkt geschaffen worden, hofft er und überreicht einen 500-Euro-Scheck der Johannes-Kirchengemeinde.

„Es ist gut, dass die, die etwas mehr haben, als sie brauchen, hier an der Kirche auf die stoßen, die etwas weniger haben“, so Gruzlak. Man wohne Tür an Tür und möge doch noch viel mehr voneinander erfahren. „Für mich als Pfarrer ist es eine religiöse Motivation, die Grenzen zwischen Welt und Kirche niedrig zu halten. Die Vermietung ist somit ein klarer inhaltlicher Zugewinn.“

Betreutes Wohnen