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Visualisierung durch 3D-Technik: Hinter den Kulissen des Kleinen Theaters in Bad Godesberg

Visualisierung durch 3D-Technik : Hinter den Kulissen des Kleinen Theaters in Bad Godesberg

Der Bad Godesberger Kulturverein KuKuG hat das ehemalige Bürgermeisterhaus visualisieren lassen. Nun können Besucher während des Corona-Lockdowns einen besonderen Blick in das Kleine Theater werfen. Weitere Gebäude sollen visualisiert werden.

Karminrot leuchten dem Betrachter auf dem PC-Schirm sämtliche 161 Sitzplätze im Rund des Kleinen Theaters entgegen: Man befindet sich dank einer nagelneuen 3-D-Visualisierung von Dejan Bileski und Jürgen Langen im virtuellen Raum der Godesberger Kleinbühne. Dank Browser und Internet bewegt man sich digital, wohin man will. Es lassen sich sogar die Plakate an den Wänden heranzoomen. Plötzlich wird plastisch, warum man sich als Zuschauer in diesem Kleinod von Theater außerhalb des Lockdowns so hautnah an der Bühne und damit fast mitten drin im jeweiligen Stück zu fühlen pflegt. Mit der PC-Maus lässt sich nun das Objekt drehen und kippen. Immer neue Perspektiven können aufgerufen werden. Mit einem Klick bringt man sich auch an jeden Sitzplatz heran und kann dessen Sicht auf die Bühne prüfen.

Sogar die Plakate kann man sich ansehen

Vom Saal führt eine kleine Treppe in den gemütlichen Aufenthaltsraum und dann ins lichte Foyer, auf dessen rotem Teppich das Publikum noch vor dem Lockdown das Theater betreten hat. Von einem riesigen Plakat wirft ihm Marylin Monroe Kusshände zu. Unter dem Saal wartet wiederum ein paar Klicks weiter die Bar „Ullrich`s“, die an den Gründer und langjährigen Chef Walter Ullrich erinnert, auf Gäste. Und dann lässt sich sogar noch mehr als ein Auge hinter die Kulissen der Traditionsbühne werfen: etwa in den ersten Stock, wo der heutige Theaterleiter Frank Oppermann derzeit versucht, den Betrieb über die Covid-19-Krise zu retten, und wo er schon neue Besetzungen austüftelt.

Dejan Bileski und Jürgen Langen haben die Visualisierung umgesetzt

„Wir haben nun auch das Kleine Theater digitalisieren lassen“, erklärt Sabine Köhne-Kayser vom Verein Kunst und Kultur Bad Godesberg (KuKuG) und erinnert an die Vorgängerprojekte: etwa an die 3-D-Aufnahmen des Bunkers unter der Godesburg und der Paul-Magar-Kunstausstellung am Haus an der Redoute (der GA berichtete). Dejan Bileski und Jürgen Langen von der Spezialfirma BD Media seien in den vergangenen Wochen mehrfach zur Aufnahme vor Ort gewesen. „Die Arbeiten machen sie für den Verein ehrenamtlich und kostenfrei“, erläutert Köhne-Kayser. Sie könnten mit speziellen Laser- und Infrarotkameras in kurzer Zeit Außenareale oder mehrstöckige denkmalgeschützte Häuser wie das Godesberger Theater bis in alle Winkel scannen und in eine virtuelle Realität transferieren, beschreibt Bileski selbst das Verfahren.

Theaterchef Frank Oppermann freut sich über die Umsetzung

Dann wird die enorme Datenmenge verarbeitet, damit der Nutzer die Objekte auch ohne zusätzliche Hardware „begehen“ kann, ergänzt Langen. „Dadurch werden dann auch die Zusammenhänge der Räumlichkeiten deutlich.“ Die Arbeiten vor Ort im Kleinen Theater seien eher unspektakulär zu beobachten gewesen, berichtet Köhne-Kayser. Bileski wähle gezielt die Standpunkte aus, von wo aus er seine Aufnahmen starte. „Die meiste Arbeit passiert dann am PC, wenn die Daten zusammengeführt werden.“ Auch Theaterchef Frank Oppermann sagt, die beiden Spezialisten hätten sich mit ihrer portablen Kamera sehr unaufwändig von Raum zu Raum vorgearbeitet. Als sie das fertige 3-D-Produkt gesehen habe, sei ihr das mehrstöckige Theater plötzlich wie ein großes Puppenhaus vorgekommen, ergänzt Köhne-Kayser lachend. Man glaube das Haus zu kennen. „Aber es gibt immer wieder Neues zu entdecken.“

Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 1922 errichtet

Mit einer Spezial-Kamera hat Dejan Bileski im Kleinen Theater die Räume visualisiert. Foto: Privat

Das heute denkmalgeschützte Gebäude hat eine fast 100-jährige Geschichte. Der Godesberger Willy Maß hatte es 1922 in der Nähe der Redoute eigentlich als Wohnhaus für die Bank-Gebrüder David errichtet. Maß war ein erfolgreicher Architekt, der zahlreiche Godesberger Villen, das Sparkassengebäude an der Rheinallee oder auch die preisgekrönte Leichenhalle des Zentralfriedhofs entwarf. Dagegen war der Bankier Louis David weniger vom Glück gesegnet: Wegen gescheiterter Spekulationen mit obskuren Weinbauern von der Mosel nahm er sich 1924 das Leben. Woraufhin 1925 Bad Godesberg die Immobilie erwarb, anfangs als Dienstwohnung für seine Bürgermeister und ab 1970, als Stadtteil Bonns, als Spielstätte für Walter Ullrichs „Kleines Theater.“ Das wiederum übernahm 2019 Oppermann mit einem Mietvertrag.

3-D-Visualisierung kann auch für Sanierungen genutzt werden

Oppermann erinnert sich selbst noch an seine ersten „Entdeckungen“ im Theater im Jahr 2016. „Der Techniker und Inspizient hat ja keinen Platz hinter dem Publikum, sondern muss alles über Monitore seitlich der Bühne regeln“, schildert er. Die Schauspieler müssten über das Treppenhaus zur Bar auftreten oder von außen um das Haus herum über den Notausgang auf die Bühne steigen. All das könne nun nachverfolgt werden. Man könne genauer hinsehen. „Für viele Godesberger hat das Haus ja etwas identitätsstiftendes.“ Man ziehe digital also die Rollläden hoch. Ganz praktisch könne die 3-D-Präsentation demnächst auch für nötigen Sanierungsschritte genutzt werden. „Das ist für die Planung von immensem Wert“, so Oppermann.

Weitere Gebäude in Bad Godesberg sollen visualisert werden

Der Verein KuKuG lasse Godesberger Gebäude mit historischem Hintergrund digitalisieren, um Geschichte zu bewahren, verdeutlicht Köhne-Kayser. „Es sollen Gebäude sein, in die nicht jeder rein kann oder die etwas Besonderes sind.“ Also „Hidden Places“, versteckte Orte, so der Projektname. Fertig seien schon 3-D-Versionen von St. Evergislus, des Mausoleums von Carstanjen, der Redoute und des Stadtmarketing-Pavillons. In Arbeit seien noch die Stadthalle und der Trinkpavillon. „Wir möchten gerne die ganze Kurfürstliche Zeile digitalisieren“, bekennt Köhne-Kayser. Für das Haus an der Redoute habe man schon die Zulassung.

Fotos, Plakate und Programmhefte werden gesucht

Das BD Media-Team hat ebenfalls Wünsche: Das Restaurant Maternus, eine Fähre, den Bismarckturm und die Stella Rheni des Aloisiuskollegs würden sie gerne aufnehmen, sagen Bileski und Langen. Gerne auch die Draitschquelle, die Michaelskapelle an der Godesburg, das Mausoleum des Burgfriedhofs, den alten Wasserturm und das Hotel Dreesen. Jetzt sind erst einmal die Aufnahmen des Kleinen Theaters online gegangen. „Spannend wird es, wenn wir weitere Informationen zusammentragen“, sagt Köhne Kayser. Zeitzeugen sind eingeladen, sich mit Fotos, Videoaufnahmen, alten Programmheften oder Plakaten zu beteiligen (E-Mail an: info@kukug.de). „Es soll wie ein kleines Museum werden.“

Link zur 3-D-Visualisierung: www.KuKuG.de