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Hitler und Chamberlain machten Weltpolitik im Hotel Dreesen

Hitler und Chamberlain in Bad Godesberg : Als im Hotel Dreesen Weltpolitik gemacht wurde

Der britische Historiker Tim Bouverie zeigt am Beispiel deutsch-britischer Gespräche von 1938, dass mit Adolf Hitler nicht zu reden war.

Der britische Premierminister Neville Chamberlain, der da am 22. September 1938 auf der Rheinfähre von Niederdollendorf nach Bad Godesberg übersetzt, staunt nicht schlecht: Da hat Deutschlands Diktator Adolf Hitler doch am Ufer eine Luxusyacht stehen, auf der er nach den Verhandlungen über die sogenannte Sudetenkrise den aus London Herbeigeeilten auf „eine wagnerianisch inspirierte Ausflugfahrt den Fluss entlang“ mitnehmen will. So berichtet es der britische Historiker Tim Bouverie in seinem neuen Buch „Mit Hitler reden“. Am Kölner Flughafen hat der Premierminister schon die Parade der SS-Leibstandarte Hitlers abschreiten müssen, der er, „in der Hand seinen Regenschirm, das Symbol des Friedens“ entgegenzusetzen versuchte, so Bouverie. Im Quartier auf dem Petersberg haben Chamberlain „Obst, Zigarren, Hortensien und Eau de Cologne in überbordender Menge“ offensichtlich wieder milde stimmen sollen.

Der Druck auf Chamberlain steigt

Doch er spürt den Druck seines Parlaments im Nacken. In diesem, seinen zweiten Treffen mit Hitler, das in dessen Refugium, dem Rheinhotel Dreesen, geplant ist, soll er endlich harte Kante gegen die Nazis zeigen. Der Zweite Weltkrieg steht kurz vor dem Ausbruch.

Bouverie widmet nun Bad Godesberg in seinem Buch ein ganzes spannendes Kapitel. Darin schildert er die hochexplosiven Treffen der beiden Kontrahenten am Rüngsdorfer Rheinufer auf packende Weise, ohne die historische Analyse zu kurz kommen zu lassen. Der Autor war schon für den Fernsehsender Channel 4 tätig. Er zieht seine Szenen dramaturgisch auf: Im Dreesen müssen zumindest am 22. September die Fetzen geflogen sein. An eine wagnerianische Schiffstour auf dem Rhein ist da nicht mehr zu denken.

Denn die Verhandlungen eskalieren. Die Haltung des Appeasements, also der politischen Beschwichtigung, als deren glühendster Vertreter Chamberlain hier am Tisch sitzt, trifft offensichtlich unvorbereitet auf die brutale Aggression dessen, der die Welt in Brand setzen will. Im Dreesen, wo Hitler 1934 schon die Fäden für die „Röhm-Affäre" gezogen und damit auf nationaler Ebene seine Konkurrenz ausgelöscht hat, ist er nun 1938 plötzlich nicht mehr bereit, schon ausgehandelte Vereinbarungen mit London, Paris und Prag einzuhalten.

Gereizter Ton zwischen Hitler und Chamberlain

Er lässt gefälschte Berichte über angeblich von Tschechoslowaken verübte Grausamkeiten vorlegen. Die Unterredung hat längst einen gereizten Ton angenommen. Chamberlain, hochaufgerichtet und mit gerötetem Gesicht, kann es nicht fassen: Mit Hitler ist eben nicht zu reden. Auch wenn der Brite sich am Folgetag im Dreesen erneut beschwichtigen lässt und damit auch das baldige Ende seiner eigenen Karriere bewirken sollte: Sein realistischer und knallharter Kollege Winston Churchill stand schon in den Starlöchern.

Die entscheidende und letztlich aktuelle Frage, die Bouverie aufwirft, heißt am historischen Beispiel: Wie soll sich eine demokratische Gesellschaft gegenüber dem um sich greifenden Autoritarismus verhalten? Dabei bildet das Beispiel von Beschwichtigern, die glauben, sogar mit einem Adolf Hitler vernünftig reden zu können, ein Lehrstück über die Gefahr, die autoritäre Akteure auch heute für Demokratien darstellen. Tim Bouverie hat das brillant in seinem neusten Buch dargestellt – und damit Bad Godesberg kurzzeitig zu einem Ort der Weltpolitik erhoben.

Im Handel erhältlich: Tim Bouverie, Mit Hitler reden. Der Weg vom Appeasement zum Zweiten Weltkrieg. Rowohlt Verlag 2021, 28 Euro