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Teil 3: Gastbeitrag: "Ich lebe in einem sich wandelnden Bezirk"

Teil 3: Gastbeitrag : "Ich lebe in einem sich wandelnden Bezirk"

Ich bin Godesbergerin seit über 60 Jahren, aber das ist nicht ganz richtig, denn erstens war ich Muffendorferin, was vor 60 Jahren ein erheblicher Unterschied zu "Godesberger" war, und zweitens braucht es länger, um wirklich als Alt-Godesbergerin zu gelten. Darum sind meine Einlassungen alle mit Vorsicht zu lesen.

Die Diskussion um den Wert Godesbergs gab es schon einmal, nämlich als die "Krake Bonn" ihre Fangarme ausstreckte und den Stadtteil eingemeindete. Das war eine Verletzung des Stadtgefühls, denn alle Godesberger waren stolz auf ihre Stadt, die Stadt der Ruhrgebietsbarone mit den schönen Häusern, die Stadt der Parks, der Mineralquellen.

Das Thema ist verwunden, wenn wir "in die Stadt gehen", gehen wir auch schon mal nach Bonn statt in die Mitte Godesbergs. Aber das Lamento des sterbenden Bezirks ist dann doch eine andere Nummer! Ich finde, dass es ein seltsam verengter Blick ist, wenn man nur über das Umfeld des Theaterplatzes und die Leerstände dort redet. Ja, das sieht scheußlich aus. Aber da, wo es früher scheußlich war, ist es heute interessant geworden. Was war denn früher rings um den Marktplatz zu finden? Die Bürger- und Oststraße waren verstaubte Bereiche. Nette Kneipen oder Restaurants? Fehlanzeige. Könnten wir mal über Verlagerung sprechen, statt den Bezirk totzureden?

Ich lebe in einem sich wandelnden Bezirk - ja, das stimmt. Es gibt kein Diplomatenviertel, keinen Spanischen Garten, kein Kurhaus mehr. Godesberg mit seinen vielen bunten Menschen ist allerdings immer noch bunt, auch wenn sich mancher mit der eher schwarz gewandeten "Buntheit" schwertun mag. Es war immer ein Bezirk mit vielen fremden Menschen, wir sollten das nicht vergessen. Wir haben früher die oft ungewöhnlich gewandeten Diplomaten in der Stadt bestaunt, aber eine Sprachlosigkeit mit Fremden gab es auch damals.

Das Neue ist, dass wir uns an den Medizintouristen, die ja nicht bleiben wollen, reiben. Viel wichtiger ist, dass wir Zuwanderer haben, die aufgenommen werden wollen, und da kann man über die Integrationsbereitschaft in unserem Bezirk nicht laut klagen. Ich kenne mehr Leute, die sich bei der Aufnahme engagieren als solche, die die Augen zumachen oder sich beschweren.

Den Wandel kann man sehr schön in der Schule sehen. Als ich auf dem Gymnasium war, hatten wir eine Mitschülerin mit einem palästinensischen Vater - von allen bestaunt als Exotin. Jeder war stolz, einen arabischen Spruch ins Poesiealbum gemalt zu bekommen. Das hat sich wahrhaftig geändert! Es ist vollkommen normal geworden, dass Schulklassen bunte Herkunft von Schülern ausweisen.

An der Schule, an der ich Lehrerin war, haben wir bei einem Schulfest eine Begrüßungsformel von den Schülern mit einer Zweitsprache (oder besser einer anderen Erstsprache als Deutsch) schreiben lassen. Es war eine erstaunliche Menge an Schriftzeichen und Sprachen. Ich hatte es nicht bemerkt, wie viele junge Leute einen Migrationshintergrund hatten, vor allem aus wie vielen Ländern sie kamen.

Es ist also normal, dass Schulen die Zuwanderung spiegeln und so integrieren, dass wir oft die andere Herkunft nicht mehr merken. Und wir haben in Godesberg erstaunlich viele und gute Schulen, von denen (außer der Hauptschule) offenbar keine ein Problem mit zu wenig nachrückenden Schülern hat. Wie verträgt sich das mit einer "sterbenden Stadt"? Sechs Gymnasien, zwei Realschulen und zwei Kollegschulen in einem Bezirk, das ist beeindruckend und will gefüllt werden. Wenn das klappt, scheint es genug junge Menschen bei uns zu geben.

Sollten wir uns, bevor das Lamento sich ausweitet, vielleicht Gedanken darüber machen, was die Erwartungen an eine Stadt heute sind? Vielleicht ist es nicht mehr das Kurhaus oder das Kurfürstenbad? Vielleicht fühlen sich unsere "nachwachsenden Rohstoffe" auch nicht mehr so sehr vom Theaterprogramm angesprochen? Vielleicht fehlt uns ein Jugendhaus? Vielleicht leiden Geschäfte unter dem Interneteinkauf, dafür steigt aber die Suche nach Treffpunkten? Ich finde es sehr ausdrucksstark, wie viele Menschen sich in Godesberg vor Bars, Kneipen, Café-Häusern, Eisdielen und ähnlichen Sitzmöglichkeiten treffen. Und das soll ein sterbender Bezirk sein?

Zur Autorin

Im Rahmen der Serie hat der General-Anzeiger Gastautoren gebeten, einen persönlichen Blick auf Bad Godesberg zu werfen.

Dr. Gertrud Steinbrück (66) war bis vor zwei Jahren Lehrerin für Biologie und Sozialwissenschaften am Amos-Comenius-Gymnasium. Sie ist mit Peer Steinbrück verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Bad Godesberg.