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Erstmals ein lyrisches Werk: In Versen Paris entdecken

Erstmals ein lyrisches Werk : In Versen Paris entdecken

Jan Turovskis Gedichtband „Fünfter Bezirk“ führt den Godesberger Autor in die französische Metropole.

Das einst so pulsierende Paris am Anfang der Coronakrise wiederzusehen, das schmerzt einen Kenner der Seine-Metropole wie den Godesberger Jan Turovski. Leere, „fast schuldige“ Plätze, Cafés, „todernst versiegelt“, hat er im April 2020 vorgefunden. Gespenstisch grüßt Frankreichs Hauptstadt. „Kein Mensch nirgends“, schreibt Turovski in seinem neusten Buch „Fünfter Bezirk“.

Und die Spaziergänge des Autors oder vielmehr die seines Erzählers gehen Jahrzehnte nach seinem ersten Besuch auch genau vom Sorbonne-Viertel Quartier Latin aus hinein in die Stadt der Liebe. Die hat Turovski schon 2018 in seinem Roman „Madame Bourgin“ erneut aufgesucht. Da hatte er seinen Erzähler erotische Träume der Studentenzeit in Prosa wiederaufleben lassen. Im neuen Buch schreibt er in Versen.

 Jan Turovski
Jan Turovski Foto: GA-Archiv/Friese

Turovski ist Jahrgang 1939. Auf eine kaufmännische Ausbildung folgten Studienaufenthalte in Cambridge, London und Paris sowie eine Gesangsausbildung. Im Brotberuf leitete er ein Godesberger Unternehmen – und schrieb daneben auch in englischer und französischer Sprache Kurzgeschichten und Romane. Dieses Mal also Lyrik. Der neue Band dürfte eine Zusammenstellung von Paris-Gedichten und träumerischen Fotos verschiedener Lebensetappen und Besuche an der Seine darstellen.

Am Anfang und am Ende sieht man den Autor selbst auf Bildern als Student und als reifer Mann in seinem geliebten Paris, das er einerseits als erschreckenden Moloch beschreibt, und dann wieder als glitzernde Verführerin. Frühe Liebeserfahrungen im fünften und sechsten Bezirk der Stadt spiegeln sich in den Gedichten ebenso wie der Blick des älteren Mannes auf Erinnerungen am Seineufer, am belebten Boulevard Saint-Michel oder im Park Jardin du Luxembourg. „Schmerzhaft besoffen“ macht ihn „die Poesie der Straßen“, schreibt Turovski. Und seine gewollt überbelichteten oder blaustichigen Fotos aus den Straßenschluchten atmen die Melancholie des Flaneurs, den es auch Jahrzehnte nach der Jugend immer wieder ins Quartier Latin zieht. Im Rückblick dekliniert er auch schon mal in englischer Sprache den eigenen Seelenzustand durch, erzählt von Ankunft, Glück, Trennung und Abschied.

Auch auf dem berühmten Friedhof Père Lachaise sammelt Turovskis lyrisches Ich Beobachtungen, da, wo er alte Leute sabbernd Krüppeltauben füttern sieht, wo ihn aber auch die einsamen Gräber jenseits des Lärms zu einem Zwiegespräch mit dem exzentrischen Lyrik-Star vergangener Jahrhunderte, mit Arthur Rimbaud, inspirieren. Offenbar einsam lässt der Erzähler die Fahrtgeräusche der Metros, wenn sie über die Brücken rattern, auf sich wirken und scheint noch den heißen Atem längst vergangener Lieben zu spüren. Turovski, dessen letzter Roman „Die Spur der Louise B.“ seine Hauptfigur ins ferne Russland und damit in ihre verschüttete Vergangenheit führte, hat sich auf lyrische Pfade begeben – seine Leser dürften überrascht sein.

Im Handel erhältlich: Jan Turovski, Fünfter Bezirk, Edition Andiamo,
12,90 Euro.