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Interview mit Bonner Musiker Nils Kercher: „Jeder ist fähig zu kleinen Heldentaten“

Interview mit Bonner Musiker Nils Kercher : „Jeder ist fähig zu kleinen Heldentaten“

Der Sänger und Komponist Nils Kercher aus Bad Godesberg spricht über die Themen seines neuen Albums. Letzteres ist geprägt von westafrikanischen Einflüssen. Ein Land, das ihm lange Heimat war.

Wenn Nils Kercher fragt, ob Sie den Regen riechen können, dann geht es ihm natürlich nicht um den Geruch der vom Himmel fallenden Tropfen. Der in Wachtberg lebende Bad Godesberger hat mit „Can You Smell The Rain“ ein hübsches Album herausgebracht mit Melodien, die den Zuhörer gleich umhüllen und Texten, die nachdenklich machen. Darüber sprach mit ihm Dylan Cem Akalin.

Nils Kercher, wie lebt es sich als Künstler in Zeiten von Corona?

Nils Kercher: Wir wohnen sehr schön in Pech mit Garten. Von daher ist es nicht so schlimm. Aber ich gebe ja auch Kurse und Unterricht in Afrikanischem Trommeln. Das geschieht jetzt online. Das ist natürlich nur ein Ersatz, weil ich den Kontakt zu den Menschen schon vermisse. Außerdem hat dieses Trommeln auch eine körperliche Komponente. Aber meine Schüler und ich sind froh, dass es überhaupt geht.

Kommen wir zu Ihrem schönen neuen Album „Can You Smell The Rain“. Ihre Musik schwingt zwischen World, Pop und Folk, manchmal mit sanftem Funkfeeling, rhythmisch oft nicht uninteressant. Wo würden Sie selbst Ihre Musik einordnen?

Kercher: Ihre Beschreibung ist schon ziemlich treffend. Ich würde die Weltmusik noch etwas spezifizieren: Es sind deutliche westafrikanische Einflüsse in meiner Musik.

Die Texte erinnern tatsächlich bisweilen an die Geschichten der westafrikanischen Griots, die gerne mit historischen oder mythologischen Inhalten unterhalten, bisweilen auch durchaus mit satirischem Unterton. Identifizieren Sie sich mit diesen Troubadouren?

Kercher: Eigentlich gibt es die ja in allen Kulturen, etwa in der Folkkultur Irlands. Ich finde, dass das Geschichtenerzählen eine universelle Sache ist von Sängern. Mich mit Griots zu vergleichen, damit wäre ich vorsichtig, weil ich schon eher meine eigene Musik mache. Ich kenne und schätze sie sehr. Aber die Griots haben schon eine andere Funktion. Ich war viel und lange in Afrika und habe auch viel gelernt von Griots. Aber mir war und ist wichtig, meine eigene innere Handschrift zu finden. Außerdem sind die Texte vor allem von meiner Partnerin Kira Kaipainen. Ihr fällt das viel leichter, Dinge mit Worten auszudrücken.

Zu den Texten und Themen Ihrer Musik muss ich einmal nachhaken. So ein Lied wie „This Side of the Road“ sticht schon heraus mit seiner sarkastischen Anklage gegen Terroristen und den bissigen Bemerkungen über Märtyrer und die versprochenen Jungfrauen im Paradies. Warum haben Sie sich für dieses Thema und diese Form entschieden?

Kercher: Kira schreibt häufig Texte über Dinge, die sie gerade beschäftigen. Da lag also dieser Text und ich musste schmunzeln, als ich ihn las, und gleich etwas mit der Gitarre ausprobieren. Dabei hatte sie eigentlich gesagt, der Text sei ja nur eine Idee, und eigentlich hatte sie gedacht, das sei eher was für eine Punkband. (lacht)

Das heißt also, Ihre Partnerin schreibt nicht nur Texte für Ihre Musik?

Kercher: Das war für sie erst mal ein Text, der ungefiltert aus ihr herauskam. Aber ich merkte, dass das etwas Besonderes ist. Ich finde, der Song bringt diese Absurdität sehr schön zum Ausdruck, und zwar nicht nur von diesen Terroristen, sondern auch von festgefahrenen Ordnungen. Der erste Teil geht mehr um die Terroristen, der zweite handelt von unserer Welt und dem Geschäft mit der Angst.

Dieser Song hat ja noch relativ klare Aussagen. Andere Texte scheinen wesentlich weniger eindeutig zu sein. Der Titelsong erscheint wie eine Collage von Bildern und Fetzen aus Geschichten. Worum geht’s?

Kercher: Das ist ein Aufruf, alte Strukturen zu erkennen und sich davon zu befreien. Es ist aber auch eine Einladung an uns, aber auch die Mächtigen, erst mal durch den Regen zu laufen und ihn zu fühlen, bevor man die nächste wichtige Entscheidung fällt.

Also ein Appell, öfters mal innezuhalten?

Kercher: Genau. Ein Fan hat mir kürzlich geschrieben, der Song erinnere ihn an einen Ausspruch von Bob Marley. Der habe mal gesagt: Es gebe Menschen, die fühlten den Regen – andere würden nur nass.

Also auch ein Weckruf, seine Umwelt bewusster wahrzunehmen?

Kercher: Ja, genau, ein Weckruf oder eher eine Einladung, seine innere Stimme wiederzufinden. Der Song spricht wirklich viele Komponenten an. Der Song beschreibt, finde ich, ganz gut, wie Menschen festgefahren sind in ihren Abläufen und Vorstellungen vom Leben.

Das Thema Auszubrechen und Angst kommt oft vor in Ihrer Musik. In „You Know Who“ gibt’s viele Figuren aus Büchern, Filmen und der realen Welt: Aus „Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“, „Einer flog über das Kuckucksnest“, und auch Edward Snowden huscht da durch…alles durchgewirbelt wie in einem Traum.

Kercher: In Märchen und Mythen ist die Konfrontation zwischen Gut und Böse ganz wichtig. Und diese Geschichten sind praktisch sowas wie ein Abbild der realen Welt. Und so geht es in dem Song auch um einige von unseren modernen Helden. Aber es geht darin auch darum, dass jeder von uns fähig ist, eine kleine Heldentat zu vollbringen. Und somit geht es auch um den Mut, mal etwas an- und aussprechen, was vielleicht nicht gesagt werden darf. Uns geht es in unserer Musik auch darum auszudrücken, dass globale Probleme auch persönliche Probleme sind.

Sie spielen viele Instrumente auf dem Album selbst, unter anderem die Kora, ein westafrikanisches Instrument, das auch Stegharfe bezeichnet wird. Wie kamen Sie dazu?

Kercher: Nachdem ich als Teenager Schlagzeug gelernt habe, bin ich nach dem Abitur nach Westafrika gereist, weil mich die Musik dort schon damals unheimlich angesprochen hat. Und dort habe ich die Musik sehr intensiv studiert. Ich bin da mit Griots, aber auch mit Meistern zusammengekommen, von denen ich das Trommeln und die Kora lernen durfte. Das war zwar ganz wichtig für mich. Aber ich habe schon bei der ersten Reise nach Afrika gemerkt, dass ich eben auch meinen eigenen Ausdruck finden musste.

Einmal zu den musikalischen Vorbildern. Beim Durchhören des neuen Albums hat man Assoziationen. Der Titel hat was von America, zu dem es am Ende sowas wie Tribaldrums gibt. „I Wish She’d Ask for More“ liegt stilistisch zwischen Simon & Garfunkel und Katie Melua. „This Side of the Road“ hat durch die Kora zwar starke Weltmusikbezüge, erinnert aber ein wenig auch an James Blunt.

Kercher: Mit Mainstream-Musik kenne ich mich wenig aus. James Blunt kenne ich jetzt nicht. Aber mit dem Rest kann ich auf jeden Fall etwas anfangen. Vor allem mit Simon & Garfunkel. Das war ein Duo, das ich über meinen älteren Bruder schon ganz früh und gerne gehört habe. Paul Simon sowieso. Es klingt vielleicht verrückt. Aber ich war ja so sehr in der westafrikanischen Musik versunken, dass das, was ich jetzt an Musik mache, für mich schon fast ein wenig exotisch ist.

In einem Lied geht es um ein Kind ohne Namen, rastlos und auf der Suche. Sehen Sie sich so?

Kercher: Den Text hat Kira geschrieben. Aber ich konnte viel damit anfangen. Aber ich denke auch, dass sich viele Leute darin wiederfinden können. Es ist ja ein Song über die Sehnsucht, endlich anzukommen, seine Wurzeln zu finden.