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Peer Steinbrück liest aus seinem Buch: "Jeder sollte sich ordentlich einmischen"

Peer Steinbrück liest aus seinem Buch : "Jeder sollte sich ordentlich einmischen"

Peer Steinbrück wirkt nachdenklich, als er sich von seinem Platz in der ersten Reihe der Christuskirche erhebt und sich das Mikrofon greift. Er lässt den Blick über das zahlreich erschienene Publikum schweifen und beginnt mit einem einführenden Statement.

In seinem Anfang März erschienenen Buch "Vertagte Zukunft - Die selbstzufriedene Republik" unterzieht Peer Steinbrück die bundesdeutsche Gegenwart einer Analyse und wirft einen Blick auf die Herausforderungen, deren Bewältigung über Deutschlands Zukunft entscheidet - zumindest nach Steinbrücks Einschätzung.

"Es ist kein Rückblick oder eine Larmoyanz auf einen verlorenen Bundestagswahlkampf - das wollen die Menschen nicht lesen. Ich nehme den Bundestagswahlkampf aber als Grundlage. Es war ein spannungsloser, inhaltsloser Wahlkampf - die Bundeskanzlerin hatte die Nase schon ziemlich früh weit vorn", sagt Steinbrück.

Der 68-Jährige hält in einem Gespräch mit Pfarrer Siegfried Eckert an seinem Vorwurf fest, dass die SPD die Gründe der letzten Wahlniederlagen nicht aufarbeiten würde. "Daran halte ich auch solange fest, bis sich da was tut, sonst macht man dieselben Fehler 2017", vermutet Steinbrück. Dennoch fühle er sich heute nicht als "besseren Kanzler", dies wäre "vermessen". Überraschend: Als der Fall Christian Wulff zur Sprache kommt, kritisiert Steinbrück Medien und Justiz scharf. "Ich laste mir heute noch an, dass ich mich nicht früh genug an seine Seite geworfen habe", gab der 68-Jährige unumwunden zu.

Der einstige SPD-Kanzlerkandidat möchte mit seinem Buch warnen. Nur weil Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten relativ gut dastehe, heiße das noch lange nicht, dass man sich über die Zukunft keine Gedanken machen müsse, mahnt Steinbrück. "Wenn wir meinen, wir können uns in unsere deutsche Trutzburg zurückziehen, vergessen wir, dass wir mehr als 40 Prozent unserer Einnahmen aus dem Export ziehen", so der SPD-Politiker.

Bildung sei der Schlüsselfaktor für die Zukunft und den Zusammenhalt von Deutschland. Aber, und das sei ebenso wichtig, dafür müsse sich die Bevölkerung ordentlich einmischen. "Bringen Sie sich in die öffentliche Debatte ein! Ein Eintritt in eine Partei ist dafür nicht gleich notwendig. Aber bringen Sie sich ein, das bloße Kommentieren im Internet reicht nicht", ermutigt Steinbrück das Publikum.

Ganz am Anfang outet sich Pfarrer Oliver Ploch als Fan von Peer Steinbrück: "Über Ihre damalige Kanzler-Kandidatur habe ich mich sehr gefreut und war stolz - ich wäre so gerne der Heimatpfarrer des Bundeskanzlers geworden", sagte Ploch lachend zur Begrüßung.