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Jugendkriminalität in Bad Godesberg: Das sagen Verantwortliche der Jugendarbeit

Bilanz : Das sagen Jugendarbeiter zu Kriminalität und Gewalt in Bad Godesberg

Es gebe weniger Jugendgewalt in Bad Godesberg. Diese Bilanz ziehen Verantwortliche der Jugendarbeit. Der Rauschmittelkonsum junger Leute scheint während der Corona-Krise aber gestiegen zu sein.

Godesberg sei „keine deutsche Bronx“, sei es nie gewesen: So hatten vor drei Jahren die Vertreter der Jugendsozialarbeit im Stadtteil entgegen den Klischees auf GA-Anfrage geantwortet. Da lag der gewaltsame Tod des 17-jährigen Niklas Pöhler, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte, gerade einmal ein Jahr zurück. Und wie sehen die Verantwortlichen die Lage heute?

Sozialdezernentin Carolin Krause verweist auf die seit 2015 kontinuierlich rückläufigen Fallzahlen von Gewaltkriminalität in Bonn (die jedoch allgemein und nicht bezogen auf Jugendliche erhoben werden). Gemäß der polizeilichen Kriminalstatistik für 2019 ereigneten sich nur 14,2 Prozent aller Gewaltdelikte in Bad Godesberg. Zudem hätten bei einer Befragung Godesberger Schüler im Vergleich zu denen anderer Stadtbezirke am seltensten über Gewalterfahrung als Opfer berichtet.

Bad Godesberg: Aufsuchende Jugendarbeit

Die Stadt fördert, über ganz Godesberg verteilt, zehn Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit für Sechs- bis 21-Jährige, drei davon als mobile Angebote. Dezernentin Krause verweist auf eine Erhöhung von Fachkraftstellen seit 2017: So wird durch den Jugendtreff „Rheingold“ der Katholischen Jugendagentur Bonn (KJA) und das „Oneworld Café“ der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim und der CJG Hermann-Josef-Haus aufsuchende Jugendarbeit in Mehlem, der Rheinaue und im Kurpark angeboten. Die Kooperation mit dem Jugendkontaktbeamten der Polizei und dem städtischen Bezirksjugendpfleger wurde in den vergangenen Monaten intensiviert. Zwei Mitarbeiter des Kooperationsprojekts Straßensozialarbeit im Jugendamt arbeiten ebenso in Godesberg, so Krause. Dazu kommt das Projekt „YourChance!“ der städtischen Jugendberufshilfe mit drei Streetworkern. Sie vermitteln jungen Menschen, die durch das Jobcenter nicht (mehr) erreicht werden, in Unterstützungsangebote. Hier können nach den Beschränkungen der Coronaschutzverordnung nun wieder junge Menschen in die Beratung aufgenommen werden. Und nicht zu vergessen: Jugendverbände, Kirchen und Sportvereine vor Ort leisten ebenso einen Beitrag zur Prävention.

Jugendgewalt in Bad Godesberg: KJA in Mehlem und Heiderhof

Jugendgewalt habe zumindest in Mehlem und Heiderhof tendenziell noch mehr abgenommen, was auf die präventive Arbeit und die Kooperation mit Schulen und anderen Jugendzentren zurückzuführen sei, meint Alexandra Sorg für die Katholische Jugendagentur Bonn (KJA). Gunter Larisch, der in Mehlem nicht nur im Treffpunkt „Rheingold“ Beziehungsarbeit leistet, sondern auch in den Straßen unterwegs ist, erklärt, dass diverse auffällige Gruppen durch die pädagogische Arbeit aus Problemen „rausgewachsen“ und nur wenige „nachgerutscht“ seien. Mobile Jugendarbeit würde jedoch auch auf dem Heiderhof Sinn machen, und zwar mit Anbindung an die dortige Offene Tür der KJA, um junge Leute zu erreichen, die an diversen Treffpunkten zusammenkämen, fügt Larisch hinzu. „Einige Jugendliche sehen nur geringe Chancen, ein Teil der Gesellschaft zu werden, und benötigen von uns Hilfe bei der Planung ihrer Lebensentwürfe abseits von Gangsterimage und Perspektivlosigkeit“, verdeutlicht Sorg.

Jugendgewalt in Bad Godesberg auch durchHaus der Generationen gesunken

Die Jugendkriminalität in Mehlem sei auch durch die sozialpädagogische Arbeit des Hauses der Generationen weiter gesunken, antwortet Sanaa Elaidi vom gleichnamigen Verein, der sich hauptsächlich um muslimische Jugendliche kümmert. 2017 sei es vor allem um Extremismusprävention und gesellschaftliche Beteiligung gegangen. Inzwischen seien die Jugendlichen in politischen Diskussionen und im Leitbildprozess aktiv. „Für sie ist es selbstverständlich, dass sie nicht „nur“ Muslime, sondern ganz normale Bürger sind und sich nicht aufs Kopftuch reduzieren lassen“, sagt Elaidi. Man habe viele in den Einstieg ins Studium oder eine Ausbildung begleitet, „was vorher vielleicht nicht für sie in Frage kam oder was sie vielleicht nicht für möglich hielten.“ In Coronazeiten sei es jedoch schwieriger, Jugendliche zu erreichen, da sei die Jugendkriminalität in Mehlem leicht angewachsen. Das Haus der Generationen werde deshalb seine auf 50 Prozent reduzierte Arbeitsstelle wieder voll besetzen.

Jugendgewalt in Bad Godesberg: Laut „Oneworld-café“-Team „nicht schwerwiegend“

Für das Team des „Oneworld-Cafés“ im Hansahaus antwortet Berit Schmeling von der Evangelischen Axenfeld Gesellschaft, Jugendgewalt in Godesberg sei „nicht so schwerwiegend zu bewerten, wie es teilweise geschah und geschieht“. Aus ihrer Sicht sei das Thema Rauschmittelkonsum, vor allem seit dem Lockdown im März, aktuell besorgniserregender. Da sänken die Hemmschwellen. Treffpunkte seien der Redoutenpark, die Rheinaue, das Rheinufer, der Sportplatz Heiderhof, der Panoramapark sowie die Wege um die Godesburg. „Brennpunkte gibt es in unserer Wahrnehmung aber nicht“, so Schmeling. Als problematisch sehe das Team an, dass die jungen Leute keine persönlichen Perspektiven sähen, dass sie unzufrieden mit finanzieller Not seien, dass ihr Alltag durch die Pandemie strukturlos geworden sei und das ihr Verhältnis auch untereinander belaste. Das Team ist an vier Tagen die Woche zu zweit auch in der Rheinaue unterwegs. In Einzelgesprächen entschärfe man angespannte Situationen und verhindere körperliche Auseinandersetzungen.

Jugendgewalt in Bad Godesberg: Initiative „go respect“ bangt um langfristige Finanzierung

Wolf Kuster von der Initiative „go respect“ beruhigen statistisch rückläufige Straßengewaltzahlen noch nicht. Er bescheinigt aber den sozialpädagogisch tätigen Jugendeinrichtungen „eine richtig gute und präventive Arbeit“. Doch es bereite ihm Sorge, ob die langfristige Finanzierung des „Oneworld-Cafés“ im Zentrum gesichert bleibe. „Wir wissen allzu gut, dass Gelder immer nach „Bedarfen“ fließen“, sagt Kuster. Gleiches gelte für die Präsenz der Polizei, die unbedingt dauerhaft aufrechterhalten bleiben müsse.

„Auch eine Rückkehr zu mehr flächendeckender präventiver Präsenz der Polizei durch das Kommissariat Vorbeugung wäre meines Erachtens ein wichtiger Baustein, der allerdings schon vor vielen Jahren dem Rotstift der Landesregierung zum Opfer gefallen ist“, erklärt Kuster. Zudem wünsche „go respect“ sich einen ständigen Austausch der Stadtteil-Arbeitskreise mit dem Jugendamt, mit Godesberger Schulen und anderen erzieherischen Einrichtungen.