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Ab November für drei Monate in Godesberg: Julia von Lucadou ist erste Stadtschreiberin

Ab November für drei Monate in Godesberg : Julia von Lucadou ist erste Stadtschreiberin

„Bonn fühlt sich schon gut an“, sagt die 36-Jährige Schriftstellerin, als sie zum ersten mal die Wohnung im Bonner Villenviertel betritt. Sie sei neugierig auf die Kontakte mit ihren Lesern in Bonn.

Mit großen Augen betritt Julia von Lucadou ihr kommendes Domizil im Villenviertel. Hohe Wände und Fenster, edle Möbel und ein Jugendstilspiegel prägen den riesigen Wohnraum. Leicht knackt der Parkettboden unter den Schritten. An den Wänden hängt moderne Kunst. „Hier werde ich also bald drei Monate lang Stadtschreiberin von Bonn sein dürfen“, sagt die Schriftstellerin, die ansonsten in Köln, dem schweizerischen Biel oder in New York lebt.

Zum ersten Mal stellt sie sich vor Antritt ihres Amtes in Bonn der Presse. Die 36-Jährige, deren Erstlingsroman „Die Hochhausspringer“ in den letzten Monaten aus dem Stand fabelhafte Rezensionen in den großen deutschen Medien eingefahren hat, reagiert unkompliziert auf die klickenden Fotoapparate und surrenden Kameras. „Wenn Sie mich fragen, wie es mir hier gefällt: Es fühlt sich hier gut an“, sagt von Lucadou und lächelt.

Preis des Vereins Lese-Kultur

Neben ihr blickt Barbara Ter-Nedden vom Verein Lese-Kultur Godesberg, der dieses erste Bonner Stadtschreiberstipendium ausgelobt hat, noch einmal zurück auf die Juryentscheidung. „Wir hatten 35 deutschsprachige Bewerber für unser Literaturstipendium“, sagt die Vereinsvorsitzende. Die Hälfte davon seien arrivierte Autoren gewesen. Die Jury habe sich jedoch bewusst für eine kosmopolitische Newcomerin entschieden. Julia von Lucadou habe es geschafft, schon mit ihrem Erstlingsroman im renommierten Hanser Verlag zu publizieren und räume inzwischen sehr gute Kritiken ab. „Über beides freue ich mich natürlich riesig. Und ich bin neugierig auf die Kontakte mit meinen Lesern hier in Bonn“, fügt von Lucadou selbst hinzu. Mal sehen, was sie hier inspirieren werde, kommt hinterher.

„In dem, was ich hier schreibe, werde ich bestimmt auf Erfahrungen und Impulse vor Ort eingehen.“ Sie habe gehört, dass von ihrem neuen Domizil aus das Kinopolis nicht weit sei. „Da wird man mich bald auch antreffen können“, verspricht die studierte Filmwissenschaftlerin. Ihr erster Roman „Die Hochhausspringerin“ ist geprägt auch vom genauen Blick hinter der Kamera.

Weihnachten in New York

Drei Monate wird die Autorin auf Kosten des Vereins vor Ort arbeiten können. Ute Walberg stellt dafür ihre Wohnung zu einem für den Verein fairen Preis zur Verfügung. Im November werde von Lucadou erstmals Bonner Luft schnuppern, erläutert Ter-Nedden, Chefin der Parkbuchhandlung. Den Dezember, wenn sich die Buchhandlung wegen des Weihnachtsgeschäfts wenig kümmern könne, nutze von Lucadou für einen New-York-Aufenthalt. Um dann im Januar und Februar wieder im Villenviertel zu weilen und auch in Schulen zu lesen.

„Am liebsten erkunde ich neue Städte zu Fuß“, berichtet die Autorin. Eben ist sie durch die von Gründerzeitvillen geprägte Kronprinzenstraße gelaufen. „Ehrlich gesagt habe ich noch nie in einer ästhetisch so ansprechenden Umgebung gewohnt“, sagt die Autorin entwaffnend offen. Sie werde also viel in Bonn unterwegs sein und nicht nur dem ehemaligen Hauptstadtflair nachspüren.

Es interessiere sie sehr, wie Bonn und sein Diplomatenstadtteil Bad Godesberg mit den diversen Brüchen zurechtgekommen sei. „Nicht die glatte Oberfläche, sondern das reale Leben ist doch für Autoren spannend,“ beteuert von Lucadou. Draußen rumpelt die Müllabfuhr durch die Prachtstraße. Ob sie wie Thomas Mann wie ein Uhrwerk schreibe, wird von Lucadou gefragt. Ein herzliches Lachen kommt über den Tisch. Oh nein, sie sei eher das Gegenmodell, sie lasse sich nicht nach Tagesplan von der Muse küssen, erklärt von Lucadou und blickt hinüber zum Wintergarten. Hier wird sie vom Schreibtisch aus zu einem Fin-de-Siècle-Glasbild und in den Garten blicken. Das erinnere sie irgendwie an Fotos, die zeigen, wo die berühmte Virginia Woolf einst schrieb. Lucadou lächelt. „Also eher Virginia Woolf als Thomas Mann.“