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Prägende Monate: Lara von Schirnding war als Helferin im Flüchtlingslager Moria

Prägende Monate : Lara von Schirnding war als Helferin im Flüchtlingslager Moria

Die Bad Godesberger Ärztin Lara von Schirnding berichtet von ihren Erfahrungen als Flüchtlingshelferin auf Lesbos. Die Klinik besteht nur aus kleinen, verstaubten Zelten und besitzt kaum hygienische Standards und Medikamente.

Auf einem Foto aus dem neuen griechischen Flüchtlingslager Moria 2.0 auf Lesbos weist gerade eine junge Frau im roten T-Shirt Patienten in die Schlange zur Erstversorgung ein. Auf einem anderen schält die Frau pfundweise Kartoffeln. Es ist Lara von Schirnding, eine Ärztin, die 2011 in Godesberg ihr Abitur machte und dann bis 2019 in Bonn Medizin studierte.

„Im Hintergrund des ersten Fotos sieht man die Zelte der neuen Klinik. Vor dem Betreten mussten wir die Leute auf chronische Erkrankungen, Wundversorgung, Pädiatrie und Gynäkologie hin aufteilen und nach Corona-Symptomen befragen und testen“, erklärt von Schirnding die Szene. Dabei besteht die Klinik nur aus kleinen, verstaubten Zelten und besitzt kaum hygienische Standards und Medikamente. „Oft muss man improvisieren“, sagt die Ärztin.

Sie war von August bis Mitte Oktober als freiwilliger Junior Doctor für die Hilfsorganisation Medical Volunteers International (MVI) im Einsatz. „In dieser Zeit habe ich den Corona-Ausbruch in Moria, die Zerstörung des Camps durch das Feuer am 9. September und den Aufbau des neuen Camps miterlebt“, sagt sie. Jetzt ist sie wieder in Bonn, um ihre Doktorarbeit fertigzustellen und eine Facharzt-Weiterbildung in Kinderheilkunde zu beginnen.

Die Eindrücke der vergangenen Monate gehen ihr aber nicht mehr aus dem Kopf. Ihre Schule, das evangelische Amos-Comenius-Gymnasium, habe sie in vielen Bereichen ihres Lebens geprägt, „am meisten meine langjährige Mitarbeit im schulischen Nord-Süd-Kreis“, erzählt von Schirnding. Deshalb verfolge sie schon lange die katastrophale Situation auf Lesbos. Vor ihrer Festanstellung habe sie dann vor Ort helfen wollen. „Und dann war es extrem erschreckend, die Zustände mit eigenen Augen zu sehen“, sagt sie.

Die beengte Wohnsituation, der Schmutz, das schlechte Essen, all das müsse von den Geflüchteten als unerträglich empfunden werden. Noch einschneidender sei das Gefühl, dass man festhänge. „Manche leben seit Jahren in Lagern ohne Perspektive.“ Die psychische Belastung für Menschen, die oft schon durch die Situation im Heimatland und die Flucht traumatisiert seien, steige ständig. „Panikattacken sind alltäglich.“ Die fehlende Privatsphäre setze vor allem Frauen zu. Sich in der Öffentlichkeit waschen zu müssen und unbeleuchtete Toiletten erhöhten die Gefahr, Opfer sexueller Übergriffe zu werden. „Hygiene und Zugang zu sanitären Anlagen sind doch Grundrechte“, sagt von Schirnding und schweigt erst einmal.

Vor Ort bot sie hausärztliche Versorgung an, aber packte bei Bedarf auch beim Essenmachen an. „Sehr viele Erkrankungen sind situationsbedingt. In Moria zu leben, macht krank.“ Rückenschmerzen bedingt durch das Schlafen auf dünnen Matten auf dem Boden, Magen- und Durchfallerkrankungen aufgrund mangelhafter Ernährung, Entzündung von Wunden bei fehlender Hygiene und psychische Erkrankungen, dafür gebe es eigentlich nur eine einzige Therapie: das Camp zu verlassen. Da sei der ärztliche Einsatz nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Auf der anderen Seite gebe es auch etliche chronisch Erkrankte im Camp. Die Krätze sei weit verbreitet. Eine medikamentöse Therapie wäre aber eigentlich nur sinnvoll, wenn auch die Bettwäsche, Kleidung und der Körper regelmäßig gewaschen werden könnten. Hier schließe sich der Kreis, klagt die Ärztin. Ihre wichtigste Aufgabe sei es also gewesen, sich einzusetzen, dass stark gefährdete Patienten außerhalb des Camps versorgt werden konnten, und Menschen zu helfen, für die niemand da war.

Dabei gerate vor Ort die Corona-Pandemie völlig in den Hintergrund. Bei mangelnden Hygiene- und Abstands-Möglichkeiten sei auch im neuen Lager davon auszugehen, dass sich das Virus weiter verbreite. „Die letzten Monate auf Lesbos haben mich geprägt“, sagt die Ärztin dann. Sie sei jetzt noch sicherer, dass sie sich weiter einsetzen möchte. „Und zwar für ein Europa, das Verantwortung übernimmt, das Menschen hilft und sie nicht zurücklässt.“