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Neue Orgel für Mehlemer Gemeinde: Letzter Feinschliff für die Pfeifen

Neue Orgel für Mehlemer Gemeinde : Letzter Feinschliff für die Pfeifen

An diesem Sonntag weiht die evangelische Heiland-Kirchengemeinde in Mehlem ihre 400 000 Euro teure Orgel ein. Ein Intonateur hat zuvor den Klang der 1402 Pfeifen überprüft. Die Initiatoren des Projekts suchen weiter nach Pfeifenpaten.

Wie oft Reiner Janke in der zurückliegenden Woche die kleinen Streben der Holzleiter zur Orgelempore der Heilandkirche genommen hat, lässt sich nur schwer sagen. Wer mit dem Intonateur ins Gespräch kommt, ahnt aber: Es dürften viele Male gewesen sein. Denn der 61-Jährige nimmt seinen Job genau. Letzterer lässt sich so umschreiben, dass er die Abstimmung der Pfeifen auf den Raum vornimmt.

Wenn also an diesem Sonntag für die evangelische Heiland-Kirchengemeinde mit der offiziellen Einweihung ihrer Orgel ein neues Kapitel beginnt, schlägt Janke seinen Laptop zu. Der Chef-Intonateur der Freiburger Orgelbaufirma Späth ist in den heißen Phasen vor der Inbetriebnahme eines neuen Instruments immer selbst anwesend. Südkorea, China, die Schweiz und Österreich sind nur einige seiner Stationen. Und jetzt eben Mehlem. 

Viele Arbeitsschritte bis zum perfekten Klang

1402 Pfeifen hat das neue Instrument. „Und ich kenne sie alle“, sagt der gelernte Orgelbauer. Denn bis aus Blechen Pfeifen werden, bedarf es vieler Arbeitsschritte in der Werkstatt. Schließlich geht es nicht nur um laut oder leise, sondern um den perfekten Klang. „Leider verhält es sich anders als bei Glocken, die einmal gegossen fertig sind“, meint der Freiburger schmunzelnd. Bei seinen Pfeifen setzt er auf ein Gemisch aus 80 Prozent Zinn und 20 Prozent Blei.

„Mit dem Material ist der Klang nicht beeinflussbar, weshalb auch Kunststoff möglich wäre, der lässt sich aber nicht so gut verformen“, so der Experte. Wenn man so wolle, sei das Material nur die Hülle für die schwingende Luft. Was aber wichtig ist, ist zum Beispiel die Schlitzhöhe: „Ist der Aufschnitt zu niedrig, klingt die Pfeife zu forciert, hart, scharf und spricht langsam an. Ist der Aufschnitt zu hoch, verliert sie an Kraft, Obertönen und Stabilität“, führt Janke aus, dessen Vater auch Orgelbauer war.

Mit dem Intonateur reisen 35 Berufsjahre Erfahrung an

Doch die beste Vorarbeit an der Intonierlade – einer Orgel, auf der man die Pfeifen ausprobiert – ersetzt nicht den Stresstest vor Ort. Weshalb er Orgelwerk um Orgelwerk durchspielt. Denn auch die Klangfarbe des Raumes selbst, also der Kirche, ist entscheidend. „Wir haben hier aktuell einen sehr halligen Raum, deshalb brauche ich eine zurückhaltende Orgel“, sagt der Intonateur, der sein Gehör in 35 Berufsjahren geschult hat. Passt ihm ein Klang nicht, justiert er die Pfeife mit Spezialwerkzeug durch Verformung der Öffnung nach. Das wiederum ist wichtig, damit die Luft im Idealmaß schwingen kann.

Dafür holt er jede beanstandete Pfeife von der neu errichteten Empore. Der Spieltisch hingegen steht auf dem Kirchenboden. Oben finden sich Pfeifen in unzähligen Reihen und Formaten, von wenigen Zentimetern bis zu 2,40 Meter Länge. Und jede einzelne erfreut Julian Hollung und Thomas Klingenheben gleichermaßen. Den ersten Herrn, weil er das neue Instrument als Kantor spielen darf, den zweiten, weil er als Presbyter und Vorsitzender des Orgelbauausschusses nicht unwesentlichen Anteil am Mammutprojekt hat.

Denn 400 000 Euro sind für die Mehlemer Gemeinde erstmal eine Hausnummer. „Aber nach drei Jahren sind schon 120 000 Euro durch Pfeifenpatenschaften, den Verkauf der alten Orgel und Veranstaltungen auf dem Konto“, zeigt sich Klingenheben optimistisch, dass am Ende mehr als die avisierte Hälfte durch Spenden hereinkommt.

Statt großer Konzerte gibt es coronabedingt nur Gottesdienste und Orgelvespern

Warum aber hat sich der Mediziner so stark eingebracht? „Kirchenmusik ist ein Steckenpferd von mir, und ich singe bei Julian Hollung in der Kantorei“, sagt Klingenheben. Vom Nikolaustag an sollte die neue Späth-Orgel der Gemeinde in vielen Konzerten vorgeführt werden. „Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt Kantor Hollung etwas traurig, aber nun gehe man einfach in kleineren Schritten voran (siehe Infobox). In den vergangenen zwei Wochen hat er des Abends schon regelmäßig an der Orgel geübt. „Es ist schon emotional und hat was von Kennenlernzeit, denn man muss vertraut werden mit dem Instrument“, so Hollung, der auch Kreiskantor ist.

Und wie klingt sein Arbeitsplatz? „Die Orgel hat wahnsinnig viele Farben und bietet von Frühbarock bis zu zeitgenössischen Kompositionen eine große Bandbreite.“ Genau das war es, was sich die Gemeinde gewünscht hatte; eine Universalorgel für Trauerfeiern und Hochzeiten gleichermaßen wie für Konzerte. „Jetzt wird ein kirchenmusikalisches Konzept folgen, und wir werden auch moderne Sachen wagen“, kündigt Klingenheben an.

Zur bereits ausgebuchten Premiere im Gottesdienst am Sonntag hat sich Oberbürgermeisterin Katja Dörner angesagt. Gut möglich, dass sie Mehlem – dank des Charmes der Initiatoren – nicht ohne eine Pfeifenpatenschaft verlassen wird. Diese sind nämlich weiterhin möglich und nötig, wie Klingenheben ausführt: „Es gibt sie von 50 bis 2000 Euro, der Spender erhält unter anderem eine Urkunde.“

Wer mehr über die Profession von Reiner Janke erfahren will, kann auf seiner Homepage www.orgel-info.de vorbeischauen.