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Lesung in der Bezirksbibliothek: Madame Buchela: Die "Wahrsagerin von Bonn"

Lesung in der Bezirksbibliothek : Madame Buchela: Die "Wahrsagerin von Bonn"

Es war ein denkwürdiger Abend. Unter dem Titel "Verrat an die Zukunft" hatte die Bad Godesberger Bezirksbibliothek zum Gedenken an Deutschlands wohl bekannteste Vertreterin der Sinti und Roma eingeladen.

Am Beispiel der 1986 im Malteser Krankenhaus gestorbenen "Madame Buchela", der langjährigen "Wahrsagerin von Bonn", sollte über die Verfolgung der Volksgruppe gesprochen werden. Margarethe Goussenthier hieß diese kleine zarte Frau bürgerlich, berichtete Buchautorin Monika Littau, nachdem Moderatorin Antje Dertinger die Verfolgung der Sinti und Roma auch im Bonn des Nationalsozialismus skizziert hatte.

Littau las Ausschnitte aus ihrem Buch "Vom Sehen und Sagen" über diese 1899 unter einer Buche geborenen Buchela, Kind "des fahrenden Volkes". Und da lief es bei diesen fiktiven Alltagsszenen dem Publikum, in dem auch einige Sinti saßen, kalt über den Rücken.

Man hätte eine Stecknadel fallen lassen können, so still wurde es, als die Autorin die tagtägliche Diskriminierung in Deutschland plastisch werden ließ. Da betritt also die schmächtige kleine Margarethe erstmals verängstigt das Klassenzimmer. Und sofort führt der Lehrer das Waisenkind vor der versammelten Schülerschaft so subtil vor, dass es in dieser Gemeinschaft absehbar kein Bein mehr auf den Boden bringen wird.

Nein, nicht weil die Kleine den Eltern von den Behörden weggenommen und in ein Waisenhaus gesteckt wurde, sondern weil sie eben ein wenig anders aussieht als andere und deshalb in der allerletzten Bank Platz nehmen wird, "denn du wirst ja ohnehin nichts lernen", so der Lehrer ätzend.

Das Lachen, die Verachtung der Mitschüler und später anderer Mitmenschen wird Margarethe das ganze Leben lang im Hinterkopf haben, berichtete Littau: als die Buchela versuchte, den Holocaust zu überleben, während ihre Mutter im Vernichtungslager Auschwitz starb, als sie versuchte, ihren Lebensunterhalt als Hausiererin zu verdienen und letztlich auch, als die kleine Frau mit der riesigen Ausstrahlung als Hellseherin eine sensationelle Karriere im Adenauer-Nachkriegs-Deutschland machte.

"Dem Alten" aus Rhöndorf soll die nachmalige "Pythia vom Rhein" ja den ersten Wahlsieg vorausgesagt haben, anderen Politikern, Showstars und Tausende einfachen Leuten die nächsten Lebensschritte. Sie konnte halt "sehen und sagen", so Monika Littau. Sie stieg dann noch ins Gespräch mit einem Neffen der Buchela, Johann Wuttke, ein.