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Offene Kirche in Bad Godesberg: Mancher erzählt sein ganzes Leben

Offene Kirche in Bad Godesberg : Mancher erzählt sein ganzes Leben

Seit November steht die Christuskirche nachmittags für seelsorgerische Gespräche in Corona-Zeiten offen. Das Angebot organisiert Regina Uhrig. Manche kommen und erzählen ihr ganzes Leben.

Es wurde aus der Not der Corona-Krise geboren, das Offene-Kirche-Angebot in der evangelischen Christuskirche, sagt Regina Uhrig. Und dann habe es sich bewährt, so dass sie auch auf eine Weiterführung nach der Pandemie hoffe, fügt die Initiatorin hinzu. Uhrig ist eine bekannte Ansprechpartnerin in Bad Godesberg. Sie leitete bis 2019 sieben Jahren lang direkt neben der Christuskirche hauptberuflich die Familienbildungsstätte Haus der Familie. Nach einer theologischen Zusatzausbildung arbeitete die 65-Jährige dann in der Thomas-Kirchengemeinde weiter als Prädikantin. Das heißt, sie predigt, tauft Kinder, traut Paare – und betreibt Seelsorge. Und genau daraus hat Uhrig seit November das Projekt offene Kirche entwickelt.

Bis Weihnachten stand an vier Wochentagen jeweils ein Seelsorger im offenen Gotteshaus für zwei Stunden zum Gespräch bereit. Prädikantin Uhrig hatte dafür vier weitere Kräfte ins Boot geholt: die beiden Pfarrer im Ruhestand Sven Dreiser und Günter vom Hau, die Mitprädikantin Heike Vennemann und Christuskirchen-Pfarrer Oliver Ploch. „Ich habe in dieser für viele Menschen beängstigenden Pandemie mit Besuchern, die einfach in die Kirche kamen, manche Sternstunde eines Gesprächs erlebt“, sagt Ploch. Das niederschwellige Angebot habe jeden, auch ihn, aus der Hektik des Alltags herausgeholt. Es sei bei den Besuchern um Konflikte bei der Arbeit gegangen, aber auch um Ängste, gerade in der Corona-Pandemie allein zu sein. Oder um die Traurigkeit, die mehr Menschen, als man denke, mit Weihnachten oder dem Jahreswechsel verbänden.

„Für manchen sind gerade diese Familienfeste, an die hohe Erwartungen geknüpft werden, jedes Jahr ein Horror“, führt Ploch aus. Wenn man eben keinen Partner habe und keine Kinder zum Beispiel. Da schmerze das Alleinsein besonders. „Eine Frau hat mir zwei Stunden ihr ganzes Leben erzählt. Sie brauchte das einfach“, meint der Pfarrer. Andere hätten gerne auch die Termine mit den nicht in Plittersdorf lebenden Pfarrkollegen genutzt. „Das ist auch mal wichtig: sich jemandem anzuvertrauen, den man nicht beim Bäcker wiedertrifft“, erläutert Ploch. In der offenen Kirche könnten Menschen alles erzählen, was ihnen auf der Seele liege, bestätigt Uhrig. „Wir hören zu, wenn es darum geht, dass Familien sich zerstreiten.“ Man spende Trost, wenn die Geduld der Menschen mit der Pandemie ans Ende gelangt sei.

„Den ersten Lockdown haben wir alle doch noch locker weggesteckt“, meint Uhrig. „Beim zweiten kamen Trauer, Ärger und Wut hoch.“ Man vermisse die Gemeinschaft und müsse den inneren Widerstand gegen das bekämpfen, was uns der Kopf sage: Abstand halten und keine Leute treffen. All das habe sie vielfach in der offenen Christuskirche gehört. „Einige müssen das auch mal auskotzen können. Das Leben kann nicht nur eine Einbahnstraße sein“, bringt die Religionspädagogin und Mediatorin es auf den Punkt. Das Gesprächsangebot versuche, genau diesem Bedürfnis einen Raum zu geben. Mit Erfolg. „Manchmal braucht man dabei auch ein Taschentuch.“ Wobei das Projekt natürlich keine Therapie ersetze.

Sie habe in den jeweils zwei Stunden schon eine ganze Reihe Menschen getroffen, die sie in der Gemeinde oder im Haus der Familie noch nie sah. Mit manchen trinke sie in der Kirche dann auch einen Kaffee, erzählt Uhrig. „Oder es kommt die Oma mit der Enkelin, die einfach eine Kerze in der Kirche anzünden wollen und plötzlich das Gespräch mit uns suchen.“ Ältere Leute klagten nicht selten darüber, dass sie es leid seien, in der Pandemie laufend als Risikogruppe behandelt zu werden. „Was mache ich bloß: Meine Kinder bemuttern mich und wollen mir vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe“, zitiert Uhrig Anliegen von Gesprächspartnern. Andere bewege gerade aktuell die Frage der Endlichkeit. „Dann sprechen wir darüber, ob wir uns eigentlich schon auf den Tod vorbereitet haben. Es ist klar, dass da dann einige Ängste hochkommen.“ Letztlich sei das, was man bieten könne, ein offenes Ohr, ein Gebet und, wenn gewollt, ein Segen.

Ab Weihnachten habe man das Format dann zu einem täglichen Angebot entwickelt, erläutert die Initiatorin. Bis zum 10. Januar öffne man die Kirche also jeden Nachmittag von 15 bis 17 Uhr auch für diejenigen, die im Gotteshaus die traditionelle Schwemmholzkrippe von Bärbel und Richard Grebert betrachten wollen. Inzwischen seien auch Presbyter und Lektoren der Kirche zum Team hinzugekommen, sodass Uhrig den Terminplan auch an Feiertagen bestücken kann. „Ich bin richtig stolz auf das Format“, lobt Pfarrer Ploch das Projekt. Ohne Hemmschwelle fänden hier auch Menschen in die Kirche, die das sonstige Gemeindeleben gar nicht erreiche. Trost zu spenden, für den anderen da zu sein, das sei gerade in der Corona-Krise noch wichtiger als sonst. „Mal sehen. Vielleicht erhalten wir das Angebot ja auch weiter aufrecht.“