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GA-Serie "Volo will's wissen": Muffendorf: Wenn sich neue Welten öffnen

GA-Serie "Volo will's wissen" : Muffendorf: Wenn sich neue Welten öffnen

Das schönste Dorf im Rheinland soll ich zu Gesicht bekommen, dort würden sich mir hinter unscheinbarer Fassade neue Welten öffnen.

So macht mir Elisabeth Laagland am Telefon Muffendorf schmackhaft und lädt mich zu einem Spaziergang in den Ortsteil ein, in dem sie als junges Mädchen wohnte. Ich bin begeistert und frage, wo wir uns treffen wollen.

"Na, am besten hole ich Sie in der Redaktion ab", sagt Laagland. Laufen? Sie lässt mich im Ungewissen. Also mache ich mich kleidungstechnisch für eine Wanderung bereit und bin kurz davor, Proviant einzupacken - zwar bin ich nicht als fußkrank bekannt, aber gefühlt ist Muffendorf von der Innenstadt doch recht weit entfernt. Oder?

Ich werde wirklich überrascht: Nach knapp 10 Minuten Fußmarsch stehen wir im Fachwerk-Himmel auf der Muffendorfer Hauptstraße. Laagland lacht über meine Verblüffung, zieht mich aber sofort weiter, vorbei an den toll in Schuss gehaltenen Häuschen. Ganz mutig und mit leicht verwegenem Bauchgefühl schleichen wir uns hier und da durch ein paar Hoftore, um einen Blick auf das Siebengebirge zu erhaschen.

Auf der Jagd nach dem perfekten Ausblick

Dabei liest mir Laagland aus dem Heftchen "Spaziergang durch Muffendorf" von der bekannten Muffendorferin Pia Heckes vor, das jede Menge historische Daten und Geschichten enthält. Am Ende der Hauptstraße stapfen wir den Hügel zur Sankt Martin Kirche hinauf, in der Laagland heiratete.

"In einem der Fenster hat sich einer der Pfarrer selbst mit Hut und Aktentasche in einem Glasmosaik verewigt", erzählt sie. Von außen kann man das leider nur erahnen. Quer über den Friedhof geht es in Richtung der Lyngsbergstraße: "Als ich jung war, standen hier noch keine Häuser. Abends bin ich dann manchmal durch den Wald hier zu den Kneipen in Lannesdorf gelaufen", erzählt Laagland. Zwischen den neueren Bauten hindurch erspähen wir auf der Jagd nach dem perfekten Ausblick immer wieder das Siebengebirge.

Unversehens finde ich mich vor dem Kamin wieder

Aber als es anfängt zu schneien, verkündet die gut gelaunte Rentnerin, dass wir nun bei einer Bekannten zum Tee eingeladen wären. Gut, denke ich, dass die Godesberger gastfreundlich sind, ist mir ja schon öfter aufgefallen. Eben noch im Schnee, finde ich mich nun vor dem Kamin auf der Küchenbank von Annika Leese wieder. Sie lebt seit zehn Jahren hier.

In Muffendorfer Zeitrechnung gilt das offenbar als "frisch hergezogen". Das Haus ist ein gutes Beispiel für dieses Phänomen äußerer Unscheinbarkeit und innerem "Wow-Effekt": Hinter dem Tor eröffnet sich ein malerischer Vierkanthof, inklusive riesigem Garten, Heuboden, Wohnhaus.

"Der Innenhof ist im Sommer unser zweites Wohnzimmer", sagt Leese, während wir uns an einer Tasse Tee wärmen und über das Leben hier reden. Weil Leese mir im Zuge dessen eines der "richtig alten Häuser" zeigen will, laufen wir kurzerhand den Hügel ein Stück hinauf.

Ziel: "Am Gäßchen", wo Jean Lennox in einem kuscheligen und verwinkelten Häuschen aus dem 18. Jahrhundert wohnt. Die Jagd nach der besten Sicht gewinnt sie. Denn von der Dachterrasse blicken wir über ganz Muffendorf und das Siebengebirge. "Im Sommer lassen wir oft die Türen auf, und alle Nachbarn kommen mal hier und da zu Besuch", berichtet Lennox.

Nachbarschaftsnähe scheint hier generell eine große Rolle zu spielen: Leese und Lennox berichten von Musik- und Filmabenden der Nachbarn, die sie abwechselnd ausrichten. "Hier in Muffendorf leben viele Kreative aus allen möglichen Ländern", erzählt Leese. "Mir gefällt der dörfliche Charakter dieses Ortsteils besonders. Man passt aufeinander auf."

Wer nach Muffendorf zieht, zieht nie alleine ein

Ein paar Tage später befinde ich mich bei einer ähnlichen Abendgestaltung unter Nachbarn: Im Haus des Ehepaares Leistikow. Boris und Anna kochen jeden zweiten Donnerstagabend, eingeladen sind Freunde und Bekannte, die sich für das Essen begeistern und sich austauschen wollen. Heute sind das: ein Amerikaner, eine Thailänderin, zwei Inder, ein Ire - und ich. Woher diese Gastfreundschaft rührt?

"Wer nach Muffendorf zieht, zieht nie alleine ein", sagt Boris lachend und erzählt, dass man ihn zunächst vor Muffendorf gewarnt habe: "Es würde lange dauern, bis ich akzeptiert werde. Außerdem kaufe man Muffendorfer Häuser nicht, die erbe man." Bestätigen können Leistikows nichts davon.

"Wir fühlen uns hier sehr wohl", sagen beide. Das Haus wirkt wie ein altes Fachwerkhaus, wurde aber tatsächlich 1984 gebaut - mit "den alten Methoden, aber den Annehmlichkeiten eines modernen Hauses". Das Vorderhaus ist jedoch ursprünglich, und besitzt ein der Geschichte als Weinörtchen entsprechendes Feature: einen gemauerten Weinkeller, dessen Vorräte die Gäste heute gerne probieren.

Wenn sie von Muffendorf redet, spricht Anna Leistikow vom "Muffendorfer Gefühl", das irgendwie beschreibt, dass man sich nicht wie ein Bonner fühlt, sondern wie in einem kreativen, internationalen und trotzdem traditionellen Dorf. Das Paar organisiert seit 2010 auch die Muffenale.

"Mich hat das Fest von vorne herein fasziniert, vor allem der intime Charakter und diese neuen Welten, die sich in den Höfen eröffnen", sagt Anna und erinnert mich an Laagland, die schließlich genau mit dieser Besonderheit Muffendorfs gelockt hatte.

Daher nun der Tipp einer erkundenden Volontärin, die zur Muffenale leider nicht mehr in Godesberg sein wird: Wer das zauberhafte Dorf und seine gastfreundlichen Bewohner ebenfalls kennenlernen will, sollte es auf keinen Fall verpassen, am ersten Wochenende im September in die Welt hinter den Toren einzutauchen.