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Interview mit Godesberger Pfarrer: Pastor Thielmann: Kirchen machen etwas falsch

Interview mit Godesberger Pfarrer : Pastor Thielmann: Kirchen machen etwas falsch

Der Godesberger Pastor Wolfgang Thielmann hat Ideen für eine Renaissance der christlichen Feiertage. Im Interview zu seinem Buch sagt er, wie Kirchen ihre Feiertage neue beleben können.

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Wissen die meisten Mitbürger überhaupt noch, was ihre Feiertage bedeuten – außer dass sie frei haben?

Wolfgang Thielmann: Ich weiß, dass ein Riesenbedarf an Feiern besteht. Großbritannien hat ein Ministerium gegen Einsamkeit eingerichtet. Immer mehr Menschen werden krank, weil sie allein sind, weil sie niemanden zum Feiern haben. Wenn sie das Angebot der Kirchen, denen wir die meisten Feiertage verdanken, ausschlagen, machen die Kirchen etwas falsch. Sie bieten zum Beispiel an Feiertagen keine Partnerschaftsbörsen oder Dating-Apps an.

In Ihrem Buch bringt der EKD-Ratsvorsitzende zu wenig gemeinsame Zeit mit dem Zerbrechen von Familien zusammen.

Thielmann: Ich gebe ihm recht. Gemeinsame Zeit lässt Liebe und Beziehungen wachsen. Wenn wir uns nur kurz sehen, werden wir einander schnell fremd. Und auch seelische Erhebung geht nur gemeinsam.

Sie nennen es eine Gefahr, den Alltag nicht zu unterbrechen?

Thielmann: Das Grundgesetz definiert Sonn- und Feiertage als Zeiten der Ruhe und seelischen Erhebung. Wir müssen uns ab und zu aus der Arbeitshaltung erheben und die Früchte unserer Arbeit genießen. Das gibt uns neue Kraft. Schon Gott unterbricht den Alltag, als er mit seiner Schöpfung durch ist, und schiebt einen Ruhetag ein.

Warum gehört zu gemeinsamer freier Zeit auch ein Essen?

Thielmann: Weil wir uns das Wichtigste im Leben nicht selber geben können. Unsere erste Erfahrung als Menschen ist es, dass wir versorgt werden. Lebensmittel zuzubereiten, einander anzubieten und zu genießen drückt das aus. Deshalb ist Essen ein heiliger Moment, Lebensmittel sind Mittel zum Leben und nicht nur zum Sattwerden. Zu den anrührendsten Szenen der Bibel gehören die, wo Zöllner und Sünder Jesus bekochen und bewirten.

Feiern nicht die unterschiedlichen Generationen Feste anders?

Thielmann: Nein. Die Deko, die Musik oder die Speisen können sich unterscheiden. Aber alle verbringen zweckfrei Zeit miteinander.

Wie können die Kirchen denn ihre Feiertage neu beleben?

Thielmann: Ich wünschte mir, dass Kirchen für die schönsten Feiern bekannt wären. Die Einsamen brauchen sie, die allein erziehenden Eltern, die Kinder. Hochzeiten und Taufen sind die wichtigsten Feste. Die Kirchen müssen auf die Menschen hören und Platz und Rahmen schaffen, dann kommen die Leute schon und feiern.

In Ihrem Buch feiert auch eine Muslimin Himmelfahrt. Wie das?

Thielmann: Sie ist mit einem Christen verheiratet. Weil Christi Himmelfahrt auch für Muslime außer Frage steht, gibt das Fest einen Anlass, mit den Kindern über Jesus und über Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede zwischen den Religionen zu reden. Und auch zu vergleichen. Übrigens mit offenem Ausgang. An Himmelfahrt zeigt der Islam seine sinnlichsten Seiten.

Sie als evangelischer Pastor sehen sogar Halloween als ein heilsames Fest an?

Thielmann: Halloween stiftet meine Tochter und ihren Freund zu unglaublicher Schmink- und Verkleidungskunst an. Es macht ihnen eine Riesenfreude. Das kann mein kopflastiger Protestantismus einstweilen nicht überbieten. Ich fände es dumm, anderen ein Fest madig zu machen, nur weil ich nicht so viel damit anfangen kann.

Und was ist der in Ihrem Buch kreativste Feiervorschlag für Sie persönlich?

Thielmann: Das ist der Valentinstag. Den hat sich eine Koalition von Liebenden und Floristen wieder erobert, nachdem die katholische Kirche ihn gestrichen hatte. Daraus beginnen beide Kirchen zu lernen. Sie bieten Feiern an, die die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen ausdrücken. Sie feiern mit den Menschen und setzen ihnen nichts vor. Denn was bleibt, stiften die Liebenden.

Im Handel erhältlich: Wolfgang Thielmann (Hg.), Feste feiern. Wie wir christliche Feiertage heute begehen können. Mit Anselm Grün, Christoph Markschies, Christina Brudereck, Hans Leyendecker und anderen, Neukirchener Verlag 2018, 14,99 Euro.