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Proust-Lesung in Bad Godesberg: Poetisch, präzise und herausfordernd

Proust-Lesung in Bad Godesberg : Poetisch, präzise und herausfordernd

Die Günter-Grass-Tochter Helene Grass liest am 14. November im Schauspielhaus in Bad Godesberg unbekannte Texte von Marcel Proust. Zu hören sind unter anderem bislang unbekannte Erzählungen des Romanciers.

Es ist sicher das Zusammentreffen von Literatur und Musik, das den besonderen Reiz des Marcel-Proust-Abends am Sonntag, 14. November, im Schauspielhaus ausmacht. Zum einen werden unter dem Titel der Neuerscheinung „Der geheimnisvolle Briefeschreiber“ bislang unbekannte Erzählungen des frühen Proust zu hören sein. Schauspielerin Helene Grass, Tochter des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass, wird diese spannenden Vorstufen des Proust’schen Jahrhundertwerks „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ lesen. Dazu kommt der Übersetzer der französischen Entdeckungen aus dem Jahr 2019 zu Wort: Bernd Schwibs wird zum 150. Geburtstag des französischen Schriftstellers sprechen.

Und schließlich wird das junge Trio Solaris, also Cellistin Simone Drescher, Geiger Moritz Ter-Nedden und Pianist Amadeus Wiesensee, Werke von Claude Debussy und Maurice Ravel spielen. Wie berichtet, waren sie im Lockdown in Bad Godesberg in Klausur gegangen, um ihr Repertoire neu zu entwickeln. Wiesensee spielte kürzlich als „Artist in Residence“ im Beethoven-Haus.

Grass: Literatur und Musik erzählen die Geschichte

„Literatur und Musik können sich wunderbar ergänzen, können sozusagen die Geschichte gemeinsam erzählen, nur eben mit unterschiedlichen Stimmen und Mitteln“, erklärt dazu die prominente Vorleserin Grass. Die Kunstgattungen könnten sich aber auch widersprechen, provozieren, aufmischen und damit das, was erzählt werden soll, sehr beleben. „Wichtig ist mir nur immer, dass das eine das andere nicht nur etwas begleitet, garniert, sondern Musik und Literatur immer gleichberechtigt sind“, sagt Grass.

Allein der Fakt, dass die Proust-Texte, die sie lesen werde, erst vor wenigen Jahren wiedergefunden wurden, sei natürlich aufregend, fährt sie fort. „Die Sprache Prousts ist ja sehr poetisch und dabei gleichzeitig so präzise. Das ist wunderschön, aber eben auch herausfordernd – nicht nur beim Vorlesen, sondern beim Lesen selbst.“ Sie habe als Schülerin ein Jahr in Frankreich gelebt und den Ehrgeiz gehabt, Proust im Original zu lesen. Durch das gesamte Hauptwerk sei sie dann aber nicht durchgekommen. „Bei der Geschichte, die ich in Bad Godesberg lesen werde, ist der Blick auf die Sehnsucht und die Sexualität der Protagonistinnen sehr spannend und untypisch für die Zeit“, meint Grass.

Übungen, um Schreibstile zu prüfen

Die „neuen Erzählungen“ gehörten zeitlich und stilistisch-thematisch in den Umkreis der ersten Buch-Veröffentlichung Prousts, „Freuden und Tage“, erläutert Schwibs. Interessant sei die Frage, warum Proust sie nicht in diesen Band mit aufgenommen habe. „Eine sicher nicht abwegige Antwort ist, dass Proust fürchtete, den Band damit eine zu starke homosexuelle Färbung zu verleihen – was er zu jener Zeit, noch zu Lebzeiten seiner Mutter, vermeiden wollte.“ Er bewerte die Texte als Vorentwürfe zur „Suche nach der verlorenen Zeit“, genauer: als Übungen, um Schreibstile zu prüfen, zu übernehmen oder zu verwerfen, erklärt Schibs. Eingestreut werden sollen immer auch kurze Passagen aus Proust`schen Briefen.

Beginn des Marcel-Proust-Abends ist um 18 Uhr im Schauspielhaus, Am Michaelshof 9. Karten (18 Euro) gibt es in der Parkbuchhandlung, Am Michaelshof 4B, unter ☎ 0228 / 35 21 91 oder per E-Mail an info@parkbuchhandlung.de.

Im Handel erhältlich: Marcel Proust, Der geheimnisvolle Briefeschreiber. Frühe Erzählungen. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs, Suhrkamp 2021, 28 Euro