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Bonnerin Sabine Pusch: Poststellen-Betreiberin fällt durch das Priorisierungs-Raster

Bonnerin Sabine Pusch : Poststellen-Betreiberin fällt durch das Priorisierungs-Raster

Sabine Pusch betreibt zwei Postfilialen in Bonn-Mehlem und in Lannesdorf. Jeden Tag hat sie Kundenkontakt. Eine priorisierte Corona-Impfung erhält sie allerdings nicht – obwohl Verkäufer im Lebensmitteleinzelhandel und in Drogerien einen Anspruch darauf haben.

Seit Beginn der Corona-Pandemie steht Sabine Pusch gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden an vorderster Front: In Mehlem und in Lannesdorf betreibt sie jeweils einen Lotto- und Schreibwarenladen mit angeschlossener Postfiliale. Besonders letztere wurde und wird in den vergangenen Monaten von den Kunden ganz besonders in Anspruch genommen. Weil die Menschen aufgrund des Lockdowns nicht mehr im Einzelhandel vor Ort nach einem Paar neuer Schuhe oder einer neuen Jeans stöbern konnten, bestellten viele ihre Waren im Internet. Diese Pakete müssen abgeholt oder die Retourensendung wieder aufgegeben werden. Für diese Menschen ist die 53-Jährige in ihrem Viertel meist die direkte Ansprechpartnerin.

Oftmals tragen die Kunden keinen Mundschutz mehr

Für sie und ihre Mitarbeitenden sind das stressige Zeiten. Aber auch Zeiten, in denen sie sich einem besonderen Risiko aussetzen. „Wir haben fast jeden Tag Kunden, die keine Masken tragen oder sich nur ein Taschentuch vor dem Mund halten“, erzählt die Geschäftsfrau. Es gab auch schon Kunden, die meinten, dass sie aufgrund ihrer Zweifachimpfung keine Maske mehr tragen müssten. Pusch ist in diesen Fällen sehr konsequent, schließlich herrscht Maskenpflicht in Geschäften. Ein besonderes Ärgernis für Pusch: Wenn Kunden ihre Briefmarke per Speichel auf den Briefumschlag kleben. Die potenzielle Gefahr, sich mit Corona anzustecken, lauert so an jedem einzelnen Arbeitstag.

Sabine Pusch kritisiert, dass sie und die Kollegen durch das Raster fallen

Um das Risiko zu minimieren, würde sich die 53-Jährige gerne gegen das Coronavirus impfen lassen. Seit Anfang Mai können sich in Nordrhein-Westfalen auch Angestellte aus dem Lebensmitteleinzelhandel und Drogerien durch die Einstufung in die Prio-Gruppe 3 priorisiert impfen lassen. Sie verkauft schließlich auch Waren des täglichen Bedarfs und bietet darüber hinaus die Post-Dienstleistungen an. „Ich habe es dann direkt bei der 116 117 versucht, allerdings sagte man mir dort, dass mein Geschäft als Kiosk gelte und ich mich deshalb noch nicht impfen lassen könnte“, so Pusch.

Und das, obwohl sie durch das Postgeschäft einer systemrelevanten Tätigkeit nachgeht. „Ich möchte mich auf gar keinen Fall vordrängeln, ich habe aber das Gefühl, dass solche Poststellen durch das Raster fallen“, so die Geschäftsfrau. Bei der Deutschen Post sei Pusch nicht direkt angestellt, sie ist Inhaberin der beiden Postfilialen.

Deutsche Post bereitet Impfung durch Betriebsärzte vor

Warum Mitarbeitende der Deutschen Post oder auch anderer Logistikkonzerne noch nicht impfberechtigt sind, erklärt das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium zwar nicht direkt, differenziert aber. „Im Lebensmitteleinzelhandel sind derzeit nur die Beschäftigten im Verkauf für Impfungen in den Impfzentren anspruchsberechtigt. Beschäftigte in Molkereien gehören nicht zum Kreis der jetzt Berechtigten. Personen, die in besonders relevanter Position in der Ernährungswirtschaft tätig sind, gehören aber ebenfalls in die Prio 3. Eine weitere Ausdifferenzierung der einzelnen darunter zu fassenden Berufsgruppen durch die Landesregierung erfolgt nicht“, so Frauke Füsers, Sprecherin des Ministeriums.

Nach aktuellem Stand werden Postbedienstete oder diejenigen, die entsprechende Leistungen erbringen, auch nicht kurzfristig in die Prio-Gruppe 3 aufgenommen, so die Ministeriumssprecherin. Anders hört sich das bei der Deutschen Post an. „In allen Bundesländern ist für die sogenannte Prio-Gruppe 3, das heißt Angehörige der kritischen Infrastruktur, zu der auch unsere direkten Mitarbeitenden gehören, die Anmeldung zu einem Impftermin bereits möglich“, erklärte Hannah Braselmann von der Deutschen Post DHL Group.

Partner-Filialen der Deutschen Post werden bei Schutzmaßnahmen unterstützt

Zudem sei das Betriebsärzte-Team gut darauf vorbereitet, Corona-Impfungen bundesweit für die Mitarbeitenden anzubieten. „Sobald uns der Impfstoff für die betriebsärztliche Impfung zur Verfügung steht, können wir gemäß den Vorgaben der Gesundheitsbehörden starten, unseren 230 000 Mitarbeitenden Corona-Impfungen auf freiwilliger Basis anzubieten“, so Braselmann weiter. Allerdings schränkt sie ein: Das Impfangebot der Betriebsärzte gelte – entsprechend der rechtlichen Regelungen - zunächst nur für direkte Mitarbeitende der Deutschen Post DHL Group.

„Sollten sich die Rahmenbedingungen ändern, könnte das Angebot möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt ausgeweitet werden“, erklärte sie weiter. „Unsere Partner-Filialen werden von selbstständigen Kaufleuten geführt. Auch hier steht die Sicherheit für uns an erster Stelle, daher treffen wir in unseren Partner-Filialen geeignete Schutzmaßnahmen, wie beispielsweise die Ausstattung mit Schutzwänden für den Tresen- und Thekenbereich“. Heißt: Sabine Pusch würde auch vonseiten der Post kein Impfangebot erhalten.

Überblick über geimpftes Personal in Supermärkten und Drogerien gibt es nicht

Schwierig ist es, einen Überblick über die Impfquote von Beschäftigten im Lebensmitteleinzelhandel und den Drogerien in Bonn zu bekommen. Das Presseamt der Stadt Bonn verweist auf die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein, weil über deren Portal diese Personengruppen Termine vereinbaren können. „Laut Auskunft unserer Fachabteilung können wir die Terminvermittlungen leider nicht speziell auf Angestellte im Lebensmitteleinzelhandel und in Drogeriemärkten aufschlüsseln – sowohl für Bonn als auch für ganz Nordrhein nicht“, erklärt Christopher Schneider, stellvertretender KV-Pressesprecher.

Die Drogeriemarkt-Kette dm beschäftigt in den 16 Bonner Märkten mehr als 300 Angestellte. „Wir stellen unseren Kolleginnen und Kollegen in den dm-Märkten eine entsprechende Bescheinigung aus, sodass eine priorisierte Berücksichtigung bei der Impfreihenfolge möglich ist. Der Entschluss für eine Impfung liegt jedoch bei jedem einzelnen unserer Mitarbeiter und ist eine private Entscheidung. Daher erheben wir in diesem Zusammenhang keine Zahlen“, so Anne Michalowski, dm-Gebietsverantwortliche. Aus Gesprächen gehe aber hervor, dass es in Bonn eine „deutliche Impfbereitschaft“ gebe.

Edeka Mohr registriert hohe Impfbereitschaft

Mitbewerber Rossmann hat bislang nur im Rahmen eines Modellprojekts in Niedersachsen impfen dürfen. „Ob sich jemand auch in Bonn impfen lassen hat, entzieht sich unserer Kenntnis, da es sich dabei zudem um eine medizinische Angabe handelt“, so Nina Kieslinger von Rossmann.

Rewe und auch Edeka können ebenfalls keine Zahlen nennen. Letztere vor allem, weil Edeka Rhein-Ruhr überwiegend aus selbstständigen Kaufleuten besteht. Von den 21 Bonner Märkten, betreibt Christopher Mohr gleich vier in der Bundesstadt. „Wir unterstützen unsere Mitarbeiter bei dem ganzen Prozess und stellen die entsprechenden Bescheinigungen aus“, erklärt er. Von seinen rund 200 Mitarbeitenden hätten bislang 60 Prozent mindestens eine erste Impfdosis erhalten. Das Angebot gilt im Übrigen für Festangestellte, aber auch für die Aushilfen – also für alle, die im Verkauf tätig sind.

Sabine Pusch hat unterdessen Kontakt mit ihrem Hausarzt aufgenommen und sich auf die Warteliste schreiben lassen.