1. Bonn
  2. Bad Godesberg

Personenschützer und Erfinder: Reinhard Landmann beschützte die Staatsmänner in Bonn

Personenschützer und Erfinder : Reinhard Landmann beschützte die Staatsmänner in Bonn

Reinhard Landmann hatte jahrelang bei Staatsbesuchen in Bonn das Kommando über den Personenschutz. Heute lebt der 83-Jährige in Bad Godesberg und ist noch immer als Sicherheitsexperte gefragt. Ein Porträt.

Wichtig ist, dass ich nicht hier hineinschlage." Der Mann in der khakifarbenen Uniform spricht's aus und trifft mit der Hand den Unterarm seines jüngeren, ebenfalls uniformierten Sparringspartners. Dann, führt er weiter aus, "geht die Waffe hier hinüber", und das ist nicht gut, wie Ausbilder Reinhard Landmann weiß. Denn das physikalische Gesetz der Trägheit lässt die Hand des Gegners nach dem Schlag mitsamt der schweren Pistole etwas abknicken, so dass ihr Lauf genau auf Landmanns Brust zeigt. Eine fatale Situation.

Die filmisch dokumentierte Szene spielt im Jahr 1979, als sich der damalige Bonner Personenschützer und Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) Landmann damals im Auftrag der deutschen Regierung in damals nicht unumstrittener Mission in Libyen aufhielt. Öffentlich gezeigt wurden die Bilder erstmals im vergangenen Oktober vom ARD-Magazin "Brisant". Dass sie so lange unter Verschluss blieben, hatte gute Gründe. Denn der Film wirft Fragen auf. Die naheliegendste: Warum schickte die Bundesregierung jemanden, der sonst mit dem Schutz besonders gefährdeter Staatsgäste wie die US-Präsidenten Gerald Ford, Jimmy Carter und Ronald Reagan oder den israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin und Ägyptens Präsident Anwar el-Sadat beauftragt war, nach Libyen, um dem umstrittenen Staatschef Muammar al-Gaddafi zu helfen?

Geschichte kam 2008 an die Öffentlichkeit

Ein Journalist der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) brachte die unglaubliche Geschichte 2008 erstmals an die Öffentlichkeit. "Sicher ist jedenfalls, wie das BKA jetzt dieser Zeitung bestätigt hat, dass 1979 ein BKA-Beamter zweimal in Libyen war. Es ging um “Schutz- und Begleitdienst„", hieß es in der FAZ. Dieser BKA-Beamte war Landmann, der über seine ungewöhnlichen Dienstreisen selbst sagt: "Man muss die beiden mehrwöchigen Ausbildungsaufenthalte in Libyen im Zusammenhang mit dem auch vom Terrorismus geprägten Zeitgeschehen sehen." Das verriet der heute 83-Jährige BKA-Veteran den beiden Autoren Oliver Arning und Stefan Bisanz, die seine mit interessanten Details gespickte Biografie "Schatten der Mächtigen" herausgebracht haben.

Hintergrund für den geheimen Einsatz in Libyen war demnach der Kampf der deutschen Behörden gegen die Terrorbedrohung durch die RAF, wie Landmann in einem Gespräch, zu dem wir uns in einem Bad Godesberger Café treffen, ausführt. In Gaddafi erhoffte sich die bundesdeutsche Regierung Hilfe. Der Diktator sollte als Gegenleistung für die Ausbildung der Personenschützer darauf hinwirken, dass die palästinensische Befreiungsorganisation PLO keine RAF-Terroristen aufnehmen und ausbilden würde.

Umfangreiches Ausbildungspaket

Das Ausbildungspaket für Libyen war umfangreich. Personenschutzspezifische Verteidigung und Fahrertraining zählten dazu, aber auch weitergehende, paramilitärische Maßnahmen, wie eine andere filmisch überlieferte Episode aus dem Einsatz zeigt, in der Landmann den Umgang mit einem sogenannten Schießkoffer demonstriert - ein unauffälliger Aktenkoffer, dessen Griff mit einer im Inneren verborgenen Maschinenpistole so verbunden ist, dass die Waffe wie gewohnt gehandhabt werden kann.

Der Einsatz wurde aus bundesdeutscher Sicht offenbar als Erfolg verbucht, wie die FAZ berichtete: Offiziell "ging die PLO “auf Druck von Libyen„, wie es 1979 hieß, auf Distanz zur RAF. Libyen selbst sicherte in jenem Jahr zu, Flugzeugentführern keine Unterstützung mehr zu gewähren."

Nachstellung des Einsatzes von Mogadischu

Libyen sollte aber nicht das einzige Krisenland bleiben, das sich Landmanns Expertise versicherte. Auch in Venezuela, Ruanda und der Türkei bildete er in den 1970er und 1980er Jahren Personenschützer aus. Landmann war es gewohnt, solche Aufträge allein auszuführen, weil er Spezialist auf vielen Gebieten war. Von seiner Reise nach Venezuela berichtet er, dass die "Schüler", die er für die Terrorbekämpfung im Land ausbilden sollte, ziemliche Heißsporne waren. "Wenn die im Auto saßen, dann waren die nicht zu bremsen", erzählt er. Auch die Geiselbefreiung gehörte zu Landmanns Trainingsprogramm.

"Wir haben damals sogar die GSG 9-Befreiungsaktion von Mogadischu nachgestellt", berichtet Landmann. "Dafür hatte die Luftwaffe uns eine alte DC 13 überlassen." Das war freilich ein wenig heikel, weil er natürlich keine strategischen Details der GSG 9-Aktion weitergeben durfte. Also berief sich Landmann in seiner Übung offiziell auf eine Pressekonferenz der Bundesregierung nach dem Sturm auf das entführte Flugzeug in Mogadischu 1977, in welcher der damalige Innenminister Werner Maihofer recht großzügig Journalisten informiert hatte.

Begeisterter Motorsportfan

Dass ausgerechnet der 1934 in dem hessischen Dorf Schotten zur Welt gekommene Landmann für die Ausbildung ausländischer Einheiten ausgewählt wurde, hatte damit tun, dass er für sein unkonventionelles Denken bekannt war. Er war Beamter, der sich nie in Regularien einzwängen lassen wollte, lieber ging er das Risiko ein anzuecken. Dieses Verhaltensmuster zieht sich seit früher Jugend wie ein roter Faden durch seine bewegte Biografie.

Reinhard Landmann wuchs bei den Großeltern auf, während seine beiden Geschwister bei den Eltern blieben. Ganz in der Nähe befand sich eine Motorrennstrecke. Kein Wunder, dass schon der Jugendliche begeisterter Motorsportfan wurde - mit einem gewissen Hang zum Risiko. Von seinem Lehrlingssalär sparte er sich ein Motorrad zusammen, das er frisierte, um damit auf die Rennstrecke zu gehen. "Bin ziemlich wild gefahren", weiß er noch heute. Und es passt zu ihm.

Bilder von Reinhard Landmann

"Ich war so ein Abenteuertyp"

Auch später, in seiner beruflichen Laufbahn beim Bundesgrenzschutz, bei der Schutz- und Kriminalpolizei und seit 1972 als Beamter des BKA in Meckenheim, testete er immer wieder Grenzen aus - nicht immer zum Gefallen seiner Vorgesetzten. "Ich war so ein Abenteuertyp", sagt Landmann.

In General Ulrich K. Wegener, dem Anfang des Jahres im Alter von 88 Jahren verstorbenen "Helden von Mogadischu", fand Landmann in den 1970ern einen Gleichgesinnten. Der GSG-9-Gründungskommandeur und der BKA-Mann waren so etwas wie Brüder im Geiste und blieben bis zum Tode Wegeners eng verbunden. Was auch das "Brisant"-Porträt Landmanns dokumentiert. Für den ARD-Beitrag gab Wegener ein Interview, das sein letztes sein sollte. "Wir waren eng beisammen", sagt Wegener da über den ihm gegenübersitzenden Weggefährten. Auch im Buch kommt der frühere GSG-9-Chef zu Wort, wo er sich unter anderem über die Bedrohungslage der 1970er Jahre äußert: "Wir lebten in ungewöhnlichen Zeiten, in denen diese Art der Bedrohung völlig neu war. Auf jeden Fall konnten wir diesem Bedrohungsszenario nicht mit den bekannten Maßnahmen der Polizeidienstvorschriften zielführend begegnen."

Staatschefs fühlten sich sicher

Diese von Wegener und Landmann geteilte Haltung mag dazu beigetragen haben, dass sich die Staatschefs der Welt bei ihren Besuchen in der Bundesrepublik sicherer fühlten, wenn Landmann das Kommando über den Personenschutz hatte. Auf historischen Fotos, die auch im Buch abgedruckt sind, sieht man sein Gesicht hinter vielen Präsidenten und Staatschefs. In der Bonner Republik war Landmann buchstäblich der "Schatten der Mächtigen".

Wie sehr sie ihm vertrauten, zeigt eine Begebenheit während des Staatsbesuchs von Giscard d'Estaing von 1980. Für den damaligen französischen Staatspräsidenten wurde außerhalb des offiziellen Protokolls ein kurzer Hubschraubertrip von Bonn nach Koblenz organisiert. Der Grund war ein nostalgischer: Der Franzose kam 1926 in dieser Stadt zur Welt und wollte sein Geburtshaus in der Nähe der Rheinaue sehen. Die Aktion, bei der Landmann für die Sicherheit verantwortlich war, blieb jedoch nicht unentdeckt: "Ein aufmerksamer Koblenzer erkannte den französischen Staatspräsidenten und kam mit ihm ins Gespräch. Davon wurde ein Foto geschossen und am nächsten Tag standen wir in der Zeitung", erinnert sich Landmann.

"James Bond von Bonn"

Vergleichsweise zwanglos ging es auch beim Staatsbesuch von US-Präsident Gerald Ford und seiner Frau Betty Ende Juli 1975 zu. Nachdem man bei Gießen US-amerikanische Soldaten besucht hatte, war für den Abend auf Einladung von Bundespräsident Walter Scheel ein Abendessen auf der "MS Drachenfels" vorgesehen. Die kleine Schiffspartie startete am Anleger des Bundeshauses. Landmann und seine Kollegen fanden die Idee weniger gut.

Weil aber an diesem Abend die Staatsgäste nicht nur zu Abend aßen und plauderten, sondern sich auch auf die Tanzfläche begaben, musste auch Landmann, um in Gerald und Betty Fords Nähe bleiben zu können, seine Fertigkeiten auf der Tanzfläche beweisen. Im Juni 1977 notierte die Journalistin Ingeborg Zaunitzer-Haase in ihrem mehrseitigen Landmann-Porträt im "Zeit"-Magazin: "Er tanzt als Kugelfang und hat keine Schrecksekunde." Und bezeichnete den 1,78 Meter großen Leibwächter als "James Bond von Bonn".

Bereits im Vorfeld etwas heikler musste der Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan im Mai 1985 eingeschätzt werden. Auf seinem Programm stand zunächst die Teilnahme am Bonner Weltwirtschaftsgipfel. Aber er kam auch, um den 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation zum Anlass zu nehmen, die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen in Niedersachsen und den Soldatenfriedhof bei Bitburg zu besuchen, was in Deutschland kontrovers diskutiert wurde. Doch trotz der angespannten Stimmungslage im Land eskalierte die Situation in Bitburg nicht.

Bewaffnet hinter Reagan

Aber dann gab es noch den Auftritt Reagans im Plenarsaal des Deutschen Bundestag in Bonn, wo der Präsident eine Rede halten sollte. Sowohl amerikanische wie deutsche Personenschützer hätten ihre Waffen eigentlich abgeben müssen, weil ausschließlich die Beamten des Polizei- und Sicherungsdienstes des Deutschen Bundestages für die Sicherheit zuständig waren. Und im Bundestag herrschte absolutes Waffenverbot. Doch Reagans Leibwächter bestand mit Nachdruck darauf, seine Waffe in den Plenarsaal mitzunehmen.

Landmann: "Daraufhin weigerte auch ich mich, meine Waffe abzugeben. Da war sie wieder, die Situation, in der ich selbst schnell und ohne Rückendeckung durch Vorgesetzte entscheiden musste." Und so nahmen beide Leibwächter - mit einer rasch bei Bundestagspräsident Philipp Jenninger eingeholten Erlaubnis - bewaffnet hinter Reagan im Bundestag Platz.

Ungewöhnlicher Einsatz von 1981

Einen seiner ungewöhnlichsten Einsätze erlebte er 1981 während der Entführung der damals achtjährigen Nina von Gallwitz, Tochter des Kölner Bankprokuristen Hubertus von Gallwitz, die 149 Tage verschwunden blieb, bis ihre Entführer sie nach einer Lösegeldzahlung von 1,5 Millionen Mark freiließen. In die Ermittlungen war auch das BKA eingebunden. "Ich wurde zu meinem Chef Gerhard Boeden gerufen.

Er sagte mir: Du nimmst dir jetzt mein Auto - ein gepanzertes Fahrzeug -, fährst nach Frankfurt zur Deutschen Bank und holst das Lösegeld für die Freilassung von Nina von Gallwitz ab." Boeden wusste, dass er sich auf Landmann verlassen konnte. "Das war auch so eine Geschichte: eine spontane Entscheidung. Ich habe noch nie so oft in den Rückspiegel geguckt, wie auf dieser Fahrt mit dem Geld im Auto. Heute geht so etwas gar nicht mehr. Boeden sagte damals nur: “Sieh zu, dass nix passiert!„".

Methoden nicht immer unumstritten

Mit seinem Dienstantritt 1974 in der Sicherungsgruppe Bonn des BKA war Landmann offiziell als Ausbilder im Einsatz. Seine Methoden waren nicht immer unumstritten. Die waffenlose Verteidigung war sein Spezialgebiet. "Diese Ausbildungseinheit orientierte sich an der Realität. Ja, da gab's auch schon mal Verletzte", zitieren ihn die Autoren der Biografie. Landmann war immer davon überzeugt, dass die physischen und mentalen Anforderungen im Training härter sein müssten, als es im Ernstfall vielleicht notwendig wäre, um in wirklich jeder Situation schnell und richtig reagieren zu können. "Der olympische Gedanke, zunächst eine Verbeugung auf der Matte zu machen, ist fair, aber nicht praxistauglich", begründet er seinen eher rustikalen didaktischen Ansatz.

Nachdem Landmann 1990 56-jährig aus gesundheitlichen Gründen und ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz in den Ruhestand verabschiedet wurde, blieb die Sicherheit auch weiterhin sein Lebensthema. Aufgrund seiner Nebentätigkeitserlaubnis war er auch schon früher beratend tätig gewesen. Das setzte er nun sozusagen in Vollzeit fort. Unter anderem unterstützte er nach der Wiedervereinigung die Thüringer Polizei über mehrere Jahre beim Aufbau einer integrierten Fahrausbildung für Spezialkräfte.

Er leitete Seminare, gründete eigene Firmen, darunter eine Sicherheitsberatungs und -ausbildungs GmbH mit Sitz in Grafschaft, später Düsseldorf und danach in Bonn. An Ruhestand denkt der noch agile Sicherheitsexperte auch mit 83 Jahren noch nicht. Natürlich verbringt er heute mehr Zeit mit seiner Frau, die ihm über Jahrzehnte immer eine Stütze war. Aber nach wie vor er berät potenziell gefährdete Personen. Darüber hinaus wirkt er als Dozent am Begabtenzentrum Rheinland-Pfalz, dem Kinder-College Neuwied, im Fach Kriminalistik. "Das macht ausgesprochen Spaß!"

Maßstäbe gesetzt

Landmann hat in seinem Metier sowohl als Lehrer wie als Personenschützer immer wieder Maßstäbe gesetzt. Robert Burns, ein hochrangiger ehemalige US-Sicherheitsbeamter, der lange Zeit für die Sicherheit des US-Verteidigungsministers und hoher Generäle in Europa zuständig war, attestierte dem Bonner Kollegen, dessen Rat er sich gern versicherte: "Das beste Zeugnis für Reinhard Landmanns Einfluss auf die Personenschutzausbildung ist, dass seine Trainingsmethoden bis heute von vielen Sicherheitseinheiten und Begleitkommandos auf der ganzen Welt gelehrt und ausgeführt werden."

Spätestens seit dem tödlichen Terroranschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback im April 1977, dem auch sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Leiter der Fahrbereitschaft, Georg Wurster, zum Opfer fielen, war es für Landmann klar, dass die Straße zu einem kritischen Ort geworden war. Deshalb setzte er ein spezielles Fahrtraining durch. Als technisch versierter Kopf etablierte er einige bahnbrechende Erfindungen. Dazu gehört zum Beispiel die Entwicklung eines Rettungssimulators, der aus eine Art Rhönrad besteht, das um einen Pkw verbaut wird. Damit lässt sich ein mehrmaliger Überschlag bei hoher Geschwindigkeit, zu dem es bei riskanten Fahrmanövern leicht kommen kann, in einem relativ geschützten Raum simulieren, ohne dass beteiligte Menschen und Fahrzeuge Schaden nehmen.

Rettungssimulator sieht aus wie ein Auto im Rhönrad

In einem solchen Simulator können etwa professionelle Fahrer Handlungsabläufe einüben, die überlebenswichtig sind, wenn sie sich und ihre Passagiere nach einem Unfall aus dem Fahrzeug retten wollen. Sie lernen, trotz der heftigen Einwirkung eines Überschlags einigermaßen kühlen Kopf zu bewahren; denn in der Regel verlieren die Wageninsassen vollkommen die Orientierung und stehen unter lähmendem Schock. Auch für Unfallretter, Notärzte oder Sanitäter ist ein solches Training sinnvoll, um sich besser in die Lage von Unfallopfern hineinversetzen und im Ernstfall entsprechend reagieren zu können.