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Lokalhistoriker entdeckt Manuskript: Reisebriefe aus dem frisch gegründeten Kurort Godesberg

Lokalhistoriker entdeckt Manuskript : Reisebriefe aus dem frisch gegründeten Kurort Godesberg

1792 schrieb offenbar der Chemieprofessor Johann Georg Pickel muntere Reisebriefe aus dem gerade gegründeten Kurort Godesberg. Jetzt liegen sie als Buch vor.

Es war sicher ein launiger Herr, der da 1792 zwei Juliwochen lang in der heutigen Redoute Quartier bezog und „Briefe eines Reisenden an seinen Freund über den Aufenthalt beim Godesberger Gesundheitsbrunnen“ verfasste. Er wolle hier im „Redoutenhause“ unparteiisch alle Abende das haarklein festhalten, was er unterhalb der stolzen Godesburg-Ruine mit seinen „fünf Sinnen gesehen, gehört, betastet, betreten und berochen habe“, versprach er. Eigentlich ziehe es ihn, seines besonderen Interesses wegen, noch sofort am ersten Abend zu Godesbergs Heilbrunnen, den man hier „Nymphe Draitsch“ nenne, berichtete der Schreiber. Und fuhr keck fort: „Nein, leg dich heute schlafen; es schickt sich nicht, zwischen Licht und Dunkel zum Frauenzimmer zu schleichen.“

Lokalhistoriker entdeckt Manuskript im Bonner Stadtarchiv

Der Lokalhistoriker Norbert Flörken hat das anonym hinterlassene Manuskript eines vielfach gebildeten Godesberg-Reisenden vom Ende des 18. Jahrhunderts im Stadtarchiv ausgegraben und nun komplett im Beueler Kid Verlag herausgegeben. „Verfasser und Adressat sind unbekannt“, sagt Flörken. Aber mit dem Autorenkollegen Georg Schwedt hält er es für möglich, dass der damalige Gast im „Redoutenhaus“ mit dem Würzburger Chemieprofessor Johann Georg Pickel (1751-1838) identisch war. Von dem stammt eine frühe „Chemische Untersuchung des Godesberger Mineralwassers“ – die unser Briefschreiber praktischerweise gleich in sein Reisejournal mit einbaute. Es ist die Zeit, als Kurfürst Max-Franz die Draitschquelle hatte fassen und damit einen Badebetrieb hatte etablieren lassen. Wer im Rheinland etwas auf sich hielt, kurte 1792 in Godesberg.

Der Herr, der den Standort mit allen fünf Sinnen erkunden wollte, dürfte jedoch, anders als kränkelnde Kurgäste, ein ziemlich flotter Spaziergänger und Reiter gewesen sein. Er kraxelte im Siebengebirge herum, lief zum Bonner Kreuzberg, setzte nach Unkel und Oberkassel über und gelangte zu Pferd nach Sinzig und Maria Laach. Meist jedoch war er auf Schusters Rappen rund um die Godesburg unterwegs. Und brachte seine Beobachtungen am Abend so quickfidel und analytisch zu Papier, dass sein auch ironischer Stil ein klein wenig an den des bekannten Tagebuchschreibers Samuel Pepys im London der 1660er Jahre erinnert.

 Noch 1825 sah die Godesburg mit Michaelskapelle ähnlich aus wie 1792, als der Briefeschreiber sie sah. Stich von William Redclyffe nach Zeichnung von Robert Batty.
Noch 1825 sah die Godesburg mit Michaelskapelle ähnlich aus wie 1792, als der Briefeschreiber sie sah. Stich von William Redclyffe nach Zeichnung von Robert Batty. Foto: Stadtarchiv Bonn (Ausschnitt)

Die Hotels sind „neu erbauet“ und die Zimmer „recht niedlich möbliert“

Von seinem Redoutefenster aus blickte der Gast damals auf „schönste Fruchtfelder“ und zur Rechten entlang an den „in gerader Linie aneinander gereihten vorderen Gebäuden“ der heutigen Kurfürstenallee. Das seien sechs Hotels mit Namen wie „Zum Kaiser“, „Zum Prinz von Oranien“ oder „Erzherzog“ gewesen, allesamt „neu erbauet“ und die Zimmer „recht niedlich möbliert“. Ein weiteres geräumiges Hotel wartete zur Linken an der Kurquelle auf Gäste, und damit am Ende des „Lustwegs“, unser Autor meint die heutige Brunnenallee. Dort und in seiner Bleibe, dem „Redoutenhaus“, finde der Gast auch die „gesellschaftlichen Mittag- und Nachttafeln“, wo man sehr gut und zu leidlichen Preisen speise. Fürs kleinere Portemonnaie halte das Dorf Godesberg unterhalb der Burg ein paar gute „Aubergen“ vor, schrieb unser Autor. Und wer sich den Magen verdorben oder abends im Spielsaal der Redoute verloren habe, der hole sich halt sein Brechmittel in der Apotheke des Herrn Marcelli, riet der Briefschreiber.

Wie versprochen haarklein schilderte er auch die „vollständige Collection von schönen Gesichtern“ an der Draitschquelle, die er noch in keinem „Naturalien-Kabinett der vornehmsten Höfe“ Deutschlands meinte, gesehen zu haben. Mit weit aufgesperrten Augen habe er sich dort nur mühsam von „ein paar großen blauen“ Augen losreißen können. Auch die „verdammten Bänke“ hinter der Kuranlage am so romantischen Bachlauf im Marienforster Tal seien wohl mit Pech überzogen gewesen, dass er kaum von ihnen hochgekommen sei, scherzte der Godesberg-Gast. Denn er wollte doch zum „Brigittenkloster“ gelangen, wo Mönche und Nonnen „beisammen logieren“. „Ey, dachte ich mir, so muss doch, Gottlob, der Zölibat-Prozess auch einmal ausgehen“, kommentierte er frech. An dem schrieben sich doch auch schon die Theologen seiner Zeit „die Federn stumpf“.

 Norbert Flörken
Norbert Flörken Foto: Ebba Hagenberg-Miliu

Der Reisende genießt die Bönnischen Hofschauspieler-Gesellschaft sowie die Konzerte

Auf den „schneckenförmig“ auf die Godesburg führenden Pfad wandelte der Autor, genoss die Aussicht und wunderte sich über den Mann, der in der Eremitage neben der Michaelskapelle die Einsamkeit lebte. Durch Äcker und Weinberge Muffendorfs spazierte er ebenso wie auf Feldwegen zum Rüngsdorfer Rheinufer, wo an Flössen mächtig gehämmert wurde. Und am Abend in der Redoute genoss er wieder die „lieblichen Lustbarkeiten“, die auch einer großen Stadt zur Ehre gereicht hätten: die Aufführungen der Bönnischen Hofschauspieler-Gesellschaft sowie die Konzerte. Und wenn zweimal die Woche die jüngeren Schönheiten Walzer im Tanzsaal „herunterrissen“ und deren „gravitätischen Mamas“ nebenan „Geschichtchen“ teilten, dann pflegte unser Autor doch lieber Zuflucht am nahen Spieltisch zu suchen. „Dann ein paar Stündchen schlafen, und morgen früh heißts wieder: Marsch!“

Im Handel erhältlich: Norbert Flörken (Hrsg.), Briefe eines Reisenden an seinen Freund über den Aufenthalt beim Godesberger Gesundheitsbrunnen (1792), Kid Verlag 2022, 14,80 Euro.