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Evangelische Johanneskirche: Schweigetest mit Promi-Pater Anselm Grün

Evangelische Johanneskirche : Schweigetest mit Promi-Pater Anselm Grün

Wie ist das, wenn Patres oder Nonnen lange Zeit schweigen? 107 Neugierige wollten dies ein Mittagessen lang ausprobieren. Mit dabei war der bekannte Benediktinermönch Anselm Grün.

„Wenn wir jetzt alle mal ganz ruhig sein wollen“, bittet Pfarrer Rainer Fincke im vollen Saal an der evangelischen Johanneskirche. „Gleich wird die Suppe gebracht.“ Leises Lachen hier und da. Grüße gehen noch hin und her. Einer will dem anderen noch schnell die Eindrücke aus dem vorausgegangenen Gottesdienst erzählen.

Wie in einem Klosterrefektorium sitzen an langen Tischen 107 neugierige Gäste. Auf ein schweigsames Mittagessen mit dem bekannten Benediktinermönch Anselm Grün wollen sie sich an diesem Reformationstag einlassen.

Es ist eine sichtbar ökumenische Mahlzeitgemeinschaft. Dorothee Schwüppe, Vorsitzende des Bonner Katholikenrats, hat an ihrem Tisch eben noch das tolle konfessionsübergreifende Zeichen gelobt, das Bad Godesberg mit dieser Aktion aussende. Und der katholische Prälat Roman Mensing hat erzählt, wie wohltuend er die klösterliche Kombination von Essen und Schweigen empfinde. „Da darf man einfach mal nur den Mund halten.“

Einige Gäste an den Tischen blicken ihn dann doch ein wenig zweifelnd an. Wohltuend? Die Dame drüben schaltet noch schnell ihr Handy aus. Auch ihre Tischnachbarin kontrolliert sofort ihr Gerät. Wie werden es 107 Nicht-Mönche und Nicht-Nonnen hier ein ganzes Essen lang aushalten, nicht miteinander zu reden, während vorne Anselm Grün und der evangelische Verleger Norman Rentrop aus einem neuen Buch des Paters lesen werden? Zumal ja gerade die protestantische Tradition seit Martin Luther in Familie und Freundeskreis gepflegte Tischgespräche bei der Mahlzeit propagiert.

Suppe zum Mittagessen

Das hat Pfarrer Fincke noch zu Beginn erläutert. Doch der aus Funk und Fernsehen bekannte Pater mit dem weißen Bart hat erklärt, wer schweige, der könne die Aufmerksamkeit ganz aufs Wort konzentrieren. Einen Text gemeinsam zu hören, sei noch etwas ganz anderes, als ihn zu lesen.

Da bringen Küsterin Czilla Janesch und ihr Team schon die dampfenden Terrinen herein. Schlicht und vegetarisch mit Lauch, Möhren und Kartoffeln ist die Suppe gekocht. Wer will, bekommt sie mit Wurstscheiben. Auf den Tischen liegen Brötchen und Äpfel zum Nachtisch. Die nächsten zehn Minuten hört man hauptsächlich Kellen an den Schüsseln klappern und die ersten Gäste die Suppe kosten.

Da setzt Buchautor Anselm Grün mit einem ersten Lesekapitel über den Wert der Arbeit ein. Leise wird noch gewispert und getuschelt. Es fällt doch ungemein schwer, jetzt nicht gleich Meinungen über den Tisch zu senden. Ein paar Gäste scharren ungeduldig mit den Füßen. Man müsse sich selbst wieder hören lernen, und dafür müsse der Mensch auch einmal still halten, flüstert ein Herr seinem Nachbarn zu. Was leichter gesagt als getan scheint.

Schweigen hat gut getan

Der Benediktinermönch lächelt, während er in die Reihen blickt. Er ist inzwischen beim Thema Ehesakrament angekommen. Die Tischgäste schütten sich Mineralwasser in die Gläser, oder sie kosten den Rotwein der Marke „Freudenschrei“.

Der Name animiert eine Frau dann noch zu einem letzten Lacher. Ansonsten ist es ganz still an den langen Tischen geworden. Es klappern höchstens noch die Löffel in den Tellern. Keiner versucht mehr, schnell auf sein Smartphone in der Tasche zu linsen. Das aufmerksame Zuhören gepaart mit dem Schweigen scheint dann doch auch bei diesen blutigen Laien zu funktionieren.

Entspannt lehnen sich die meisten in ihren Stühlen zurück. Ein paar betagtere Gäste schließen die Augen. Hier und da wird knackend in einen Apfel gebissen. Gleich nach der Lesung will Anselm Grün auch Fragen zum Stand der Ökumene beantworten. Aber letztlich ist in den Gesichtern um ihn herum abzulesen, dass dieses gut einstündige Schweigen allen einmal richtig gut getan hat.