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Godesberger Heimatblätter: Stadtarchivar hat Schicksal der Godesberger Familien Schlauß und Salomon recherchiert

Godesberger Heimatblätter : Stadtarchivar hat Schicksal der Godesberger Familien Schlauß und Salomon recherchiert

Stadtarchivar Norbert Schloßmacher hat für die Godesberger Heimatblätter das Schicksal der Familien Schlauß und Salomon recherchiert. Drei Stolpersteine erinnern vor deren früheren Wohnhäusern an die Verfolgung durch die Nazis.

Ob Berta Salomon am 11. Februar 1941 beim Gang in den Keller der sogenannten Landesheilanstalt Hadamar noch begriffen hat, dass sie hier qualvoll im Gas sterben sollte? Am selben Tag war die 75-jährige Godesbergerin mit 57 weiteren psychisch kranken Menschen in die berüchtigte Tötungsanstalt der Nazis bei Limburg transportiert worden, wie Stadtarchivar Norbert Schloßmacher für einen Artikel in den diesjährigen Godesberger „Heimatblättern“ herausgefunden hat. Im Rahmen der Euthanasie-Politik der Nazis sollten geistig behinderte oder psychisch kranke Menschen wie Berta Salomon als „lebensunwertes Leben“ erbarmungslos getötet werden. Zudem war sie selbst jüdischer Abstammung, was 1941 in Deutschland ihren sicheren Tod bedeutete.

Bis März 1945 wurden allein in Hadamar rund 14 500 Kranke ermordet. Heute erinnert in der dortigen Gedenkstätte eine große Glocke an Opfer wie Berta Salomon. 2019 wurde ihr vor ihrem Wohnort in der Max-Franz-Straße 16 einer der drei bislang letzten Godesberger Stolpersteine gelegt. Die anderen beiden brachte der Kölner Künstler Gunter Demnig 2019 im Rahmen seines Erinnerungsprojekts vor der Mehlemer Kunigundenstraße 26 in den Bürgersteig ein: für Berta Schlauß und ihren Sohn Erich. 

Schloßmacher recherchierte die Lebensdaten von allen Dreien nun akribisch, damit ihr Schicksal nicht vergessen werde. Legt man seine biografischen Mosaiksteine zusammen, gelingt allein mit diesen drei Opfern ein Blick auf das, in was Rassismus und Entrechtung von Hilfsbedürftigen irgendwann folgerichtig münden: im Massenmord.

Berta Salomon hatte seit 1911 mit ihrer Schwester Elisabeth im Haus Max-Franz-Straße 16 gelebt. Doch 1928 musste sie, offenbar psychisch krank, in ärztliche Behandlung: Sie kam in die private Dr. Hertz’sche Klinik im Bonner Kreuzbergweg. Weshalb Elisabeth sich verkleinern musste und in die Alte Bahnhofstraße 20 zog – und von da am 10. November 1938 miterleben musste, wie in der Oststraße die Synagoge in Brand gesteckt wurde. Ab da dürfte ihr das Schicksal klar gewesen sein: 1939 hatte sie in ein „Judenhaus“ und 1941 mit 23 anderen Godesbergern ins Sammellager des Endenicher Klosters umzuziehen. Im Juli 1942 wurde sie ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie im September starb. Ihre kranke und hilfsbedürftige Schwester Berta hatte sie da schon lange nicht mehr schützen können. „Auch Elisabeth Salomon sollte vor ihrem langjährigen Wohnhaus ein Stolperstein verlegt werden“, meint Schloßmacher.

Diese Gedenksteine sind für Berta und Erich Schlauß in der Kundigundenstraße 26 schon in das Trottoir eingebracht. Wobei diese Mehlemer Familie zu einer etwas anderen Opfergruppe gehörte. Berta Schlauß war auch jüdischer Herkunft, hatte aber mit dem Schreiner Theodor Schlauß 1907 einen Katholiken geheiratet. Sohn Erich, 1909 geboren, arbeitete als Friseur und hatte selbst mit einer Katholikin eine Familie gegründet. Der erste Paukenschlag für sie kam 1935: In der nahen Meckenheimer Straße 30 wurde der jüdische Metzger Josef Levy von SA-Männern in der eigenen Räucherkammer vergast (der GA berichtete). Mit Entsetzen dürften die Schlaußens 1935 dann auch die Verhängung der Nürnberger Gesetze „zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ wahrgenommen haben: Danach waren auch Berta und Erich als in sogenannter „Mischehe“ lebende Entrechtung, Verfolgung und schließlich der Ermordung ausgesetzt.

Für Erich Schlauß, damals 31 und Familienvater, schnappte die Falle am 1. Februar 1941 zu, als Berta Salomon schon auf dem Weg Richtung Hadamar war und ihre Schwester Elisabeth den Tod im KZ Theresienstadt vor Augen haben musste. Schlauß wurde von der Gestapo verhaftet und vor dem Bonner Landgericht wegen „Rassenschande“ verurteilt. Mutter Berta, die noch vor dem Terror geschützt schien, sah ihren Sohn in Zuchthäuser in Rheinbach, Siegburg und Köln verschwinden. Mit der Häftlingsnummer 41642 landete Erich Schlauß schließlich im KZ Buchenwald. Schloßmacher hat selbst die Liste seines Hab und Guts ermittelt, das die Nazis in der dortigen Effektenkammer für sich reklamierten.

Schlauß überlebte vier Jahre im Konzentrationslager

Schlauß überlebte mit Zwangsarbeit über vier KZ-Jahre. Erst bei Auflösung des Lagers am 11. April 1945 wurde er befreit. Da war seine Mutter Berta jedoch schon elend verstorben. Im September 1944 hatten die Nazis sie aus der Kunigundenstraße ins Barackenghetto Müngersdorf und von dort zur Zwangsarbeit bei Lüdenscheid verschleppt. Unterernährt starb die Mehlemerin dort am 4. April 1945, also wenige Tage, bevor das Lager befreit wurde. Möglicherweise hatte die 70-Jährige den Weg zum Lager sogar noch zu Fuß gehen müssen, meint Schloßmacher. Ihr Sohn habe später zumindest finanzielle Wiedergutmachung und eine Stelle in der Godesberger Stadtverwaltung erhalten. 1995 starb Erich Schlauß und wurde von der katholischen Gemeinde begraben.